Bild: Future Image/imago/privat (bento-Montage)

Vor ein paar Wochen machte ich einen Selbstversuch und probierte den "Miracle Morning" aus: Zwei Wochen lang klingelte jeden Tag um fünf Uhr morgens mein Wecker und ich testete noch vor der Arbeit eine Morgenroutine. Ich nahm mir Zeit für mich, meditierte, las, schrieb und frühstückte ganz in Ruhe. Seitdem stehe ich zwar tatsächlich etwas früher auf, um mehr Zeit für mich zu haben – aber ich bin trotzdem froh, dass das Experiment vorbei ist.

Eine Person, die mich zu diesem Selbstversuch inspirierte, war eine meiner Lieblingsautorinnen, Melanie Raabe. Mit ihr habe ich über Morgenroutinen gesprochen. Im Interview erzählt sie, wann es sich lohnt, früh aufzustehen – und ob eine Morgenroutine überhaupt für jeden sinnvoll ist.

Nachdem wir das Video zu meinem Selbstversuch veröffentlicht hatten, haben wir außerdem einen Aufruf bei Facebook gestartet und unsere Leserinnen und Leser gefragt: Habt ihr eine feste Morgenroutine? Wie motiviert ihr euch dazu?

Hier erzählen drei Frühaufsteherinnen von ihren Morgenroutinen ein männlicher Frühaufsteher hat sich leider nicht bei uns gemeldet. 

Lisa, 26 Jahre alt

Lisa legt in ihrer Morgenroutine besonders viel Wert auf Sport.

Ich habe mit meiner Morgenroutine angefangen, weil ich viel Zeit im Ausland verbracht habe. Mein Leben dort war spontan und eher unstetig, ich habe mich im Laufe der Zeit nach etwas mehr Routine gesehnt. Heute arbeite ich als Marketing-Managerin. 

Es hilft mir, meine Bedürfnisse wie Sport oder Lesen in feste Routinen zu integrieren, damit ich ihnen gerecht werden kann. Dafür lege ich mir jeden Abend meine Sportsachen raus und bereite mein Essen für den Tag vor. So muss ich es morgens nur einpacken. Ich gehe jeden Abend zwischen 21 Uhr 30 Uhr und 22 Uhr ins Bett und stehe um sechs Uhr auf. Das klappt mittlerweile sogar fast immer ohne Wecker und auch am Wochenende.

Nachdem ich einen Espresso getrunken habe, fahre ich mit dem Rad zum Fitnessstudio. Dort trainiere ich zwischen ein- und eineinhalb Stunden. Wenn ich dann noch Zeit habe, gönne ich mir noch einen Gang in die Sauna, bevor ich mit dem Rad zur Arbeit fahre und mich sehr aufs Frühstück dort freue.

Sport ist für mich ein wertvoller Ausgleich zum Büroalltag. In dieser Zeit kann ich mich nur auf mich und meinen Körper konzentrieren.
Lisa

Außerdem finde ich es immer wieder spannend, meinen Körper an seine Grenzen zu bringen und diese zu erweitern. Für mich ist das eine Möglichkeit, mein Körperbewusstsein zu schulen und Erfolgserlebnisse zu haben – auf eine ganz andere Art.

Meine Freundschaften leiden aber nicht darunter. Ich verbringe viel Zeit mit Freunden, lege mir die Aktivitäten aber so, dass ich trotzdem zu meiner gewohnten Zeit ins Bett gehen kann.
Lisa

Weil meine Freunde das wissen, können sie sich dementsprechend darauf einstellen. Da die Routinen fest verankert sind, würde es mir wahrscheinlich schwerer fallen, sie nicht einzuhalten, als andersherum. Ich stelle sie nicht mehr infrage. Zum Sport am Morgen muss ich mich eigentlich gar nicht motivieren, er ist fester Bestandteil meines Lebens. Genauso wie Zähneputzen oder Duschen.

Anna, 23 Jahre alt

Anna steht bloß zehn Minuten früher auf, aber das reicht für eine entspannende Morgenroutine.

Seit drei Jahren stelle ich meinen Wecker immer zehn Minuten früher und nutze diese Zeit, um aus meinem Zimmerfenster zu sehen. Im Winter beobachte ich die Sterne, im Sommer den Sonnenaufgang. Wenn es regnet, höre ich dem Plätschern zu. Das beruhigt und entspannt mich einfach.

Dann höre ich Musik. Sie ist Energiegeber Nummer eins für mich und darf einfach nicht fehlen. Mich persönlich motivieren zum Beispiel wie Songs "Happy". Sie machen mir gute Laune für den Tag. Zuletzt trinke ich eine Tasse heißes Wasser bevor ich zur Arbeit in einem Contact-Center fahre, wo ich telefonisch ständig in Kundenkontakt stehe. 

Ohne meine Morgenroutine fühlt sich mein Tag einfach nicht komplett an.
Anna

Wenn ich auf die Musik und die Tasse heißes Wasser verzichte, fühle ich mich viel weniger wach. Deshalb mache ich das alles auch am Wochenende. Dann verzichte ich aber auf den Sonnenaufgang – und schlafe lieber ein bisschen länger.  

Sandra, 32 Jahre alt

Sandra motiviert sich am besten mit Fotos vom Yoga oder Joggen, die sie mit ihren Freunden und Kollegen teilt.

Ich bin PR-Managerin, mache nebenher meinen Master of Business Administration und engagiere mich ehrenamtlich politisch – das alles würde ich ohne meine Morgenroutine nicht schaffen. 

Mein Tag beginnt seit fünf Jahren um fünf Uhr. Ich wollte mich damals weiterentwickeln und habe mich online über unterschiedliche Morgenroutinen informiert. Der Spruch "Arbeite an dir und deinen Zielen, bevor du für jemand anderen arbeitest" trifft es für mich genau. Ich bleibe meistens eine halbe Stunde im Bett liegen und träume vor mich hin. Das Gefühl, Zeit zu haben, ist für mich das Wichtigste, um in einen Tag voller Termine zu starten. Dann mache ich Yoga oder gehe Joggen. Abends bin ich für all das nicht gerüstet. Da möchte ich Freunde sehen und meinen Hobbys nachgehen.  

Die Routine gibt mir Halt, wenn es wieder stürmisch wird.
Sandra

Für diese Routine motiviere ich mich, indem ich jeden Morgen ein Bild von meinen Füßen auf meiner Yoga-Matte in meine Insta-Story packe. Fehlt das Bild einmal, sprechen mich meine Freunde und Kollegen an. Für meine Jogging-Runde motiviere ich mich ebenfalls mit Fotos, die ich morgens beim Sonnenaufgang mache und auf Instagram teile. 

Meine Morgenroutine ist für mich der Ort, an dem mein Kopf einmal ruhig ist, die Gedanken nicht kreisen und kreative Prozesse einmal Pause haben.
Sandra

Für mich ist wichtig, dass meine Routine einigermaßen flexibel ist, damit ich Programmpunkte auch mal austauschen kann. Wenn ich sie einmal ausfallen lasse, merke ich schnell, dass etwas in meinem Leben gerade in Schieflage ist. Ich schöpfe inzwischen so viel Kraft aus dieser Zeit mit mir selbst, dass es ein Zeichen ist, dass mir irgendetwas nicht guttut, wenn ich sie ausfallen lasse. Meine Schlafenszeit ist zwischen 22 Uhr und 23 Uhr — zeitlich reicht das dann locker aus, um abends genug Zeit für Freunde zu finden oder ins Fitnessstudio zu gehen.

So ist mein Miracle Morning gelaufen. Es war nicht immer einfach, aber hat sich doch gelohnt:

Videoreihe "Susan optimiert sich"

Gesünder essen, minimalistischer einkaufen, erfolgreicher leben – die Selbstoptimierung und unsere eigenen Ansprüche an uns selbst verfolgen uns mittlerweile in sämtliche Lebensbereiche. Wir stellen uns immer wieder dieselben Fragen: Bin ich gut genug? Könnte ich nicht besser sein?

In mehreren Selbstversuchen will bento-Autorin Susan Barth herausfinden, was sie wirklich weiterbringt – und so im Selbstoptimierungs-Wahn ihren eigenen Weg finden.


Fühlen

So nett können Fremde sein – fünf Geschichten, die dich wieder an die Menschheit glauben lassen

Brexit, Klimawandel und Syrien-Krieg: Oft scheint die Welt nur aus schlechten Nachrichten zu bestehen –  und aus Menschen, die für diese schlechten Nachrichten verantwortlich sind. Das ist nicht nur für den Moment unangenehm: Zu viele schlechte Nachrichten können uns deprimieren, den Schlaf rauben und uns Angst machen (Welt), sie können sogar Stress-Hormone aktivieren, die bei manchen Menschen langfristige Schäden wie Herzkreislauferkrankungen auslösen (Time).

Gerade deshalb ist es wichtig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass sich heute Millionen Menschen gegenseitig geholfen haben; dass irgendwo Fremde gemeinsam Kinderwagen kaputte Rolltreppen hochgeschleppt haben und Türen aufgehalten, dass Geld gespendet wurde und Essen verschenkt. 

Also wollten wir von unseren Leserinnen und Lesern wissen: Was war das Netteste, was ein Fremder für dich getan hat? 

Marie, 17 Jahre

Als ich vor einigen Monaten abends alleine nach Hause lief, wurde ich von zwei Paaren angesprochen. Sie hätten einen älteren Mann beobachtet, der mich in der U-Bahn wohl durchgehend angeschaut und mit seinem Begleiter über mich gesprochen haben soll. Dem Gespräch entnahmen sie, dass er extra nicht an seiner Haltestelle austieg, sondern sitzen blieb, weil er aussteigen wollte, "wo das junge hübsche Mädchen" aussteigt. 

Als er das tatsächlich tat, folgten sie uns. Sie brachten mich bis vor meine Tür, um sicherzugehen, dass ich heil ankomme. Der Mann drehte um, als er sah, dass ich von den Paaren angesprochen wurde. Ich weiß nicht, ob etwas Schlimmes passiert wäre, wenn sie es nicht getan hätten, aber ich fand es einfach unfassbar nett, dass sie mich begleiteten.

Ich hatte seither noch keine Chance, mich zu revanchieren und jemandem aus einer ähnlichen Situation zu helfen. Mittlerweile höre ich in Bus und Bahn aber keine Musik mehr, um aufmerksamer zu sein und gegebenenfalls einschreiten zu können. 

Wiebke, 21 Jahre