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Über sexuelle Belästigung, Konkurrenzdruck und Abhängigkeit in der Modelbranche.

Der Beruf des Models ist nicht erst begehrt, seit Heidi Klum jedes Jahr mit ihren "Meeedchen" das Privatfernsehen unsicher macht. Mit Promis zusammenarbeiten, die Welt bereisen und auf überdimensionalen Reklametafeln für große Modelabels zu posieren, ist für unzählige junge Leute die Defintion des Traumberufs

Doch die Realität des Modeldaseins ist mehr Laufpass als Laufsteg: Die Castings sind hart umkämpft, der Druck, den Standards der Modeindustrie zu entsprechen, enorm.

Wir haben mit jungen Menschen gesprochen, deren Alltag aus stundenlangem Warten, Bodyshaming und leider auch: sexuellen Übergriffen bestand. Während manche immer noch in der Branche tätig sind, haben andere sie längst verlassen. Hier erzählen sie, was sie in der vermeintlich glänzenden Industrie erlebten.

1. Vincent, 26

Wollte nach dem Studium nicht mehr hauptberuflich modeln.

Ich fing an zu modeln, nachdem ich mit einer Freundin eine Fashionshow besucht hatte. Ein Agent sprach mich dort an, er wollte mich bei einer Agentur in Hamburg unter Vertrag nehmen. Die machten mir von Anfang an klar, dass ich zwar gut zu ihnen passe, allerdings noch viel mehr an meinem Körper arbeiten müsse. Konkret bedeutete das: abnehmen und Muskeln aufbauen.

Modeln war nie ein Traum von mir – ich machte das eigentlich wegen des Geldes.

Ich beschäftigte mich plötzlich viel mehr mit meinem Körper. Ich versuchte, mich gesünder zu ernähren und fitter zu werden. Nach anfänglich guter Auftragslage und Jobs bei bedeutenden Modeunternehmen lief es dann eher schleppend. Die vielen Castings waren ermüdend. Ich war irgendwann echt enttäuscht von meiner Agentur, weil sie mir keine Jobs mehr organisierte. Ich glaube, viele Booker arbeiten mit der Hoffnung der Models, den großen Durchbruch zu erlangen. Fast jeder Agent spielt mit diesem Traum.

Sie sagen dir, dass du es auf jeden Fall schaffen kannst, weil du so einzigartig bist und durch die Decke gehen wirst – aber eigentlich wollen sie nur deine Unterschrift auf dem Vertrag.

Sie wollen dich motivieren, am Ball zu bleiben und alles für diesen Traum zu geben. Aber immer weiter zu machen ist gar nicht so leicht. Meine Agentur wollte, dass ich auf eigene Kosten nach London reise. Dort rannte ich von Casting zu Casting und bekam im Endeffekt keinen einzigen Job.

Außer auf deine Fitness zu achten, bist du als Model auch anderweitig fremdbestimmt: Die Castingdirektoren entscheiden über deine Karriere. Du bist abhängig von der Auftragslage, den Bookern und der Agentur.

Ich glaube, bei Frauen ist es noch viel schlimmer: Als ich in Mailand für Castings war, standen die Mädchen in langen Schlangen teilweise um den ganzen Block. Wir Männer waren immer ein bisschen im Vorteil, weil wir einfach weniger waren. Aber auch für uns Männermodels gab es ziemlich schlimme Situationen.

Kollegen von mir waren bei einem Shooting eines bekannten Fotografen. Zuerst sollten sie sich am Pool nackt ausziehen, später fasste er sie an.

Mir selbst passierte das zum Glück nie. Für die Karriere bringt es leider etwas, wenn man körperlich oder sexuell auf manche Designer zugeht: Es gibt Jungs, die deshalb bevorzugt werden und die Kampagne bekommen.

2. Ronja*, 23

Entschloss sich, nach einigen Jahren als Model nur noch hinter der Kamera zu arbeiten. 

Ich war 16, als ich in meinem Auslandsjahr in Oxford auf der Straße gescoutet wurde. Als ich wieder in Deutschland war, nahm mich eine Hamburger Partneragentur in ihre Kartei auf. Die schmierten meinem 16-jährigen Ich ziemlich viel Honig um den Mund, meinten, sie wollten mich "aufbauen". Ich merkte allerdings schnell, was mir an der Arbeit nicht gefiel: Bei meinen Kolleginnen wurden Körperteile zu Problemzonen erklärt, die einfach keine waren.

Wenn ein 16-jähriges Mädchen für ihre Figur kritisiert wird, ist das für die Psyche einfach nicht gut.

Auch der Umgang der Agentur mit ihren Models störte mich: Je weniger ich gebucht wurde, desto weniger zeigte auch die Agentur Interesse an mir. Nach einer gewissen Zeit erreichte ich sie telefonisch nicht mehr, sie strichen mich von ihrer Website, ohne das mit mir zu besprechen. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute im Modelbusiness nur so lange nett zu dir sind, wie sie etwas von dir wollen.

Als ich nach dem Abitur nach Hamburg zog, wollte ich es doch noch mal probieren. Der Gedanke, relativ leicht neben dem Studium etwas Geld zu verdienen und dabei auch noch was von der Welt zu sehen, reizte mich. Ich war in einer kleineren, wirklich tollen Agentur, aber merkte schnell, dass mir die Shootings immer noch keinen Spaß machten.

Ich stand nicht gern vor der Kamera. Ich wollte nicht nur ein Objekt sein und auch noch so behandelt werden.

Trotzdem hörte ich erst nach diesem Vorfall auf zu modeln: Ich war für ein Shooting gebucht, aber die Kleider waren mir alle zu groß – die Kundin hatte nicht auf meine Maße geachtet. Sie war genervt, schaute meinen Körper an und sagte: "Mensch Mädchen, iss doch einfach mal nen Keks!" Da habe ich endgültig gecheckt, dass Bodyshaming in beide Richtungen funktioniert. Ich wollte mich nicht für meinen Körper rechtfertigen müssen.

Ich fand es nicht okay, dass Leute denken, ich habe eine Essstörung, nur weil ich ein Model bin.

Diese Erfahrung hat mich nachhaltig verändert: Ich urteile viel weniger über Leute, die ich nicht kenne. Seit meinem Ausstieg bin ich immer mal wieder auf der Straße von Modelscouts angesprochen worden – aber bis jetzt habe ich immer abgesagt.

3. Luis*, 27

Seitdem er sein Studium abgeschlossen hat, möchte er wieder in der Branche Fuß fassen.

Ich wurde auf dem Weg zu meiner Musterung auf der Straße angesprochen. Mit 17 unterschrieb ich dann meinen Vertrag und war eine Woche später schon in Paris. Ich war schnell voll eingespannt, aber wollte nicht, dass das in meiner Schule die Runde machte. Ich hatte immer ein Problem damit, mir ein Schild um den Hals zu hängen, auf dem "Model" steht.

Die gesamte Industrie ist eine Parallelwelt. Dort gelten andere Gesetze.

Ich hatte immer das Gefühl, ein freundschaftliches Verhältnis zu meinem Booker zu haben. Man will ja auch, dass sie dich mögen, dann bekommt man erstaunlich viele Möglichkeiten. Man darf sich nicht rar machen. Denn der Booker hat den Auftrag, so viel Geld wie möglich für die Agentur zu machen, und diesen Umsatz erzielt er mit dir als Model. Solange man gut arbeitet, ist alles super und alle sind nett.

Aber wenn man mal nicht genug Geld für die Agentur einbringt, dann wird man schlecht behandelt.

Die Agentur vergisst einfach, deine Flüge zu buchen oder du stehst plötzlich ohne Unterkunft im Ausland da. Es passiert oft genug, dass eine Agentur jemanden einfach aus der Kartei nimmt – sie lösen den Vertrag auf, ohne dir das mitzuteilen.

Man muss für diesen Job gemacht sein: Man muss zeigen, dass man auf seinen Körper achtet, bereit ist, hart zu arbeiten und sich mit den Bookern gut stellen.

Aber man muss auch auf sich aufpassen: Eines meiner ersten Shootings war für ein großes deutsches Magazin gemeinsam mit sieben anderen Jungs. Ich stimmte vorher zu, dass sie mich auch nackt fotografieren durften. Am Set stellte sich dann aber heraus, dass ich der Einzige sein würde, der sich komplett ausziehen muss.

Das Team wollte ein Foto, auf dem ich frontal zur Kamera stehe und man meinen Penis komplett sehen konnte.

Als ich mich weigerte, war der Kunde ziemlich sauer. Er meinte vor allen Anderen, wie unprofessionell das von mir sei. Ich fühlte mich total unter Druck gesetzt – trotzdem bin ich froh, im Nachhinein standhaft geblieben zu sein.

*Name geändert – die echten Namen sind der Redaktion bekannt. 


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Warum der Influencer-Hype bald vorbei sein könnte

Kann im Netz jeder zum Star werden?

Toan Nguyen, 32, bis auf die weißen Sneaker ganz in Schwarz gekleidet, lächelt und schüttelt den Kopf. "Die Leute haben ein gutes Gespür dafür, ob sich jemand verbiegt. Die eigene Persönlichkeit kann man nicht dauerhaft ändern", sagt Nguyen und lässt das Lächeln aus seinem weichen Gesicht verschwinden.

Dennoch: Wenn jemand weiß, wie man Menschen im Netz vermarktet, dann wohl Nguyen. Er ist Partner bei der Werbeagentur "Jung von Matt/Sports" und hat im vergangenen Jahr für die nach eigener Aussage weltweit größte Studie zu Influencer-Marketing die 1200 bekanntesten unter ihnen analysiert.