"Ich fühlte mich stark, wenn ich andere hänselte."

Es passiert leise, sodass es kaum jemand mitbekommt. Oder laut, dann gucken alle – aber schreiten sie ein? 

Mobbing kann ganz unterschiedlich ablaufen: indem jemand vor allen gedemütigt wird, indem Witze gemacht werden, die verletzen, indem so lange gehänselt wird, bis ein Mensch sich selbst in Frage stellt. 

Im Laufe seiner Schullaufbahn wird jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von Mobbing (tagesschau.de), doch auch am Arbeitsplatz werden Menschen von anderen ausgegrenzt: 1,6 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich gemobbt, ergab eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. 

Was bringt Menschen dazu, andere herabzuwürdigen? 

Das haben wir drei gefragt, die von sich selbst sagen, im Laufe ihres Lebens gemobbt zu haben – oder es noch immer tun.

Moritz, 26, Grafikdesigner

Ich arbeite in einem Großraumbüro und leite verschiedene Projekte. Bei uns ist immer viel los, ich habe mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Abteilungen zu tun. Eigentlich komme ich mit allen gut klar.

Doch vor einiger Zeit war eine Kollegin immer mal wieder frech zu mir. Sie redete hinter meinem Rücken über mich – oder sprach sogar über mich, während ich anwesend war. In ihren Gesprächen hörte ich meinen Namen fallen, sie sprach extra so leise, dass ich nur Wortfetzen mitbekam.

Eine Kollegin war immer mal wieder frech zu mir
Moritz

Ich hatte sofort das Gefühl: Das geht gar nicht, das muss bestraft werden. Denn wenn mich einer angreift, bekommt er die dreifache Vergeltung. Ich schmiedete einen Plan: Wie kann ich dieser Frau zeigen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist?

Brauchst du Hilfe?

  • Du wirst gemobbt, bist selbst Mobber oder brauchst Unterstützung bei einem Problem?
  • Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" erreichst du unter 0800 / 0116016. Hier erreichst du den Chat.
  • Auch die Telefonseelsorge kann helfen: 0800 / 1110111.
  • Hier findest du weitere Angebote in scheinbar ausweglosen Situationen.

Ich machte es mir ganz einfach, sorgte dafür, dass sich die anderen Kollegen von ihr abwenden. 

Beim Mittagessen setzte ich mich zu ihrer Gruppe dazu, schon bald kam sie nicht mehr mit – sie mochte mich ja offensichtlich nicht und hatte keine Lust, ihre Pause mit mir zu verbringen. Doch weil ich ständig bei ihren Leuten saß, hatte sie immer weniger mit ihnen zu tun.

Mobbing: "Ich sorgte dafür, dass sich Kollegen abwenden"(Bild: Unsplash)

Während ich mit ihren Kollegen aß, machte ich Andeutungen. Ich weiß einfach, welche Knöpfe man drücken muss: Ich konnte ihre Kollegen gut einschätzen, wusste, was sie an anderen Menschen nicht mögen. Und so erzählte ich ihnen, dass Katharina sich ständig Überstunden aufschrieb, die sie gar nicht machte. Ich ließ fallen, dass Katharina über andere lästerte.

Es ging über Wochen. Mal sagte ich nur leise zu einem Kollegen, ich hätte Katharina beim Shoppen in der Stadt gesehen, obwohl sie krankgeschrieben war. Ein anderes Mal sagte ich vor allen Anwesenden: "Meint ihr, es wäre okay, wenn ich Katharina nicht einlade?"

Ganz langsam, Lüge für Lüge, gewöhnte ich sie an den Gedanken, dass Katharina keine gute Kollegin ist. Sie selbst sah ich immer häufiger allein in der Pause. Manche fragten noch mal bei ihr nach, doch die meisten hatten auf Grund meiner Geschichten kein Interesse mehr an ihr.

Meint ihr, es wäre okay, wenn ich Katharina nicht einlade?
Moritz

Eines Tages erfuhr ich, dass sie gekündigt hatte. Man könnte jetzt denken, dass mich das schockte, aber ich spürte Erleichterung: Endlich eine Person weniger auf der Arbeit, die nervt. Ich hatte kein schlechtes Gewissen und bin mir sicher, dass ich nicht der Auslöser für ihre Kündigung war – sie hatte sicherlich auch noch andere Probleme im Job. 

Außerdem hätte sie ja zurückschlagen können. Sie hätte auch einfach weiter mit uns essen können, dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen.

Ich würde nicht sagen, dass ich da jemanden rausgemobbt habe – eher habe ich versteckt, aber deutlich klargemacht, wie ich nicht behandelt werden möchte. Und vielleicht hat die Ex-Kollegin für den neuen Job ja auch was mitgenommen – und respektiert die neuen Kollegen mehr.

Jana, 27, Immobilienkauffrau

Meine Mobbing-Erfahrungen liegen schon lange zurück. Als wir in die Oberstufe kamen, wechselte ein Typ von einer anderen Schule zu uns, der zehnmal so cool war wie jeder Einzelne von uns. Er trug eine echte Lederjacke, hatte einen gefälschten Personalausweis, kannte die Türsteher in unseren Dorf-Clubs persönlich. 

Und er war laut. Auf Partys brüllte er rum, um Mitternacht lief er zu den Zehntklässlern und bellte sie an, sie sollten nach Hause gehen, jetzt sei Schlafenszeit für Kinder. Auf einen von ihnen hatte er es besonders abgesehen – auf Sven, mit den blonden Locken und den Hochwasser-Hosen. 

Mobbing: "Wer war ich, dass ich zuschaute, wie dieser Mensch kaputt gemacht wurde?"(Bild: Unsplash)

Mirko machte Sven fertig. Er sagte ihm ins Gesicht, dass er niemals eine abkriegen würde. Er klaute ihm den Taschenrechner aus dem Rucksack und hielt ihn unter Wasser. Beim Sport sprühte er ihn einmal mit Frauen-Deo ein und schrie: "Der Duft gefällt dir doch, Schwuchtel!" Mirko kletterte sogar die Klowand hoch, um von oben ein Foto von Svens Penis zu machen, das er uns anschließend zeigte, und natürlich: Svens Penis war klein!

Meine Freundinnen und ich standen dabei und lachten. Mirko faszinierte uns. Und Svens Hosen sahen wirklich lustig aus. Er bemühte sich nicht einmal, sich eine Frisur zuzulegen. Er vertrug keinen Alkohol, war viel früher besoffen als wir, fuhr einen lilafarbenen Roller und seine Eltern arbeiteten bei einer Staubsauger-Firma. Sehr amüsant.

Mirko kletterte sogar die Klowand hoch, um von oben ein Foto von Svens Penis zu machen
Jana

Keiner von uns sah, wollte sehen, wie allein Sven war. Er hatte niemanden. 

Dann kam der Abiball. Sven war besoffen, ich auch, und an der Schlange vor der Theke sagte er ganz ohne Zusammenhang zu mir: "Ich hoffe, eines Tages lachen sie über dich." Er kippte ein Bier runter und drehte sich zu seinen Eltern um.

Ich trat geschockt beiseite. Was Sven gesagt hatte, jagte mir einen Schrecken ein. 

Wer war ich, dass ich jahrelang zuschaute, wie dieser Mensch neben uns kaputt gemacht wurde? Wer war ich, bei der Aktion mit dem Frauen-Deo entzückt in die Hände zu klatschen? 

Keiner von uns sah, wie allein Sven war
Jana

Wer war ich, einfach davonzuradeln, als ich sah, dass jemand Svens Rollerschloss manipuliert hatte und er verzweifelt versuchte, es aufzubekommen? 

Mir war kotzübel. Ich wusste nicht, was schlimmer war: Dass ich auf all diese Fragen keine Antwort hatte – oder dass ich gerade in diesem Moment, während unseres wunderschönen Abiballs, feststellte, dass ich kein Stück besser war als der schlimmste Mobber der ganzen Stufe.

Paul, 28, Trainer

Ich spüre bis heute, was es bedeutet, dass ich einige Menschen extrem gemobbt habe. Es ist etwas her, doch was ich getan habe, hallt wie ein Echo nach. Wegen mir hat eine damalige Mitschülerin die Schule verlassen – und bis heute blitzt der Gedanke daran manchmal in meinem Kopf auf. 

"Ich spüre bis heute, was es bedeutet, dass ich extrem gemobbt habe"(Bild: Unsplash)

Sie nervte damals ziemlich. Sie war eine richtige Zicke, ich konnte sie nicht leiden. Aber ich wusste, wenn ich will, dann kann ich diese Situation kontrollieren und sie aus dem Weg schaffen. Es fing damit an, dass ich beim Sportunterricht alle dazu anstiftete, sie beim Wählen der Grüppchen bis zum Ende stehen zu lassen.

Mit vielen kleinen Aktionen sorgte ich dafür, dass die ganze Klasse begriff, dass diese Person nicht zu uns gehört.

An Einzelheiten kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß, dass ich fies war, aber nicht in welcher Form. Wenn man einen Mobber befragt, was er gesagt oder gemacht haben soll, sind andere wohl eine bessere Quelle für Informationen – die, die den Hass abgekriegt haben. 

Ich sorgte dafür, dass die Klasse begriff, dass diese Person nicht zu uns gehört
Paul

Ich weiß noch, dass es mir immer um das Gefühl von Macht ging. Ich fühlte mich stark, wenn ich andere hänselte. Ich wollte zeigen, dass man mit mir nicht machen kann, was man will. 

Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Verhalten etwas kompensiert habe. Wahrscheinlich meine zerrütteten Familienverhältnisse. Ich mobbte und hatte ein Ventil für meine eigenen schlechten Gefühle. Ich drehte den Spieß um, schluckte die heftigen Streitereien zu Hause runter – und  spürte diese Power, die andere auch über mich gehabt hatten.

Ich glaube: Nur wer Schmerz erfahren hat, kann gut mobben. Denn nur wer weiß, wie sich diese Erniedrigung anfühlt, will mal die Kehrseite des Ganzen spüren. 

Habe ich ein schlechtes Gewissen? Ja, definitiv. Ich bin nicht mehr derselbe, habe mich weiterentwickelt. Ich dachte und denke häufig daran, was für ein fieser Kerl ich früher war. Was für tiefe seelische Wunden ich anderen zugefügt habe.


Um die Anonymität der Protagonisten zu wahren, wurden alle Namen und Berufe von der Redaktion geändert.


Fühlen

Was passiert mit Menschen, die gemobbt wurden?
Wir fragen einen Kinder- und Jugendpsychiater.

Moritz hat seine Arbeitskollegin aus dem Team gemobbt. Jana erfuhr auf dem Abiball, dass sie jahrelang Mittäterin war – und mobbte, ohne es zu wissen. Paul hat jemanden dazu gebracht, die Schule zu verlassen.

In diesem Text erzählen drei Menschen, warum sie gemobbt haben. Ihre Geschichten zeigen: Es gibt keine typischen Mobber, sie alle erinnern und begründen ihr Verhalten unterschiedlich – aber keiner von ihnen kann es rückgängig machen. Was haben sie mit Kollegen oder Mitschülern gemacht?