Warum muss ich mir in jeder Mittagspause Kommentare über meinen Salat anhören?

Meistens passiert es direkt in der Küche unseres Büros, noch bevor ich einen Bissen zu mir genommen habe. Ein Kollege oder eine Kollegin wirft einen Blick in meine gerade mit Zutaten gefüllte Salatschüssel und sagt: “Ach, Mango im Salat? Ist das ein Experiment?”

Ich bringe mir meist etwas anderes mit zur Arbeit als die einfache Klappstulle. Die ist mir zu langweilig oder, wie im Moment, zu kohlenhydratreich. Aber egal, ob ich beim Essen auf Tradition oder Experiment mache: Ich finde, dass niemand das Recht hat, mein Essen zu kommentieren.

Es passiert fast jeden Tag.

  • “Oh, das sieht aber besonders gesund aus!”
  • “Aha, heute mal Gemüse?”
  • "Na, willst du etwa abnehmen?"
  • "Du würdest aber auch mal was Ordentliches vertragen!"

Ich frage mich: Warum ist gesundes Essen besonders? Warum muss ich mir Sprüche über mein Gemüse anhören? Und, wirklich, warum muss ich mir Fragen zu angeblich vorhandenen Abnehmplänen gefallen lassen?

Ich will mich nicht rechtfertigen. Aber, damit es ein für alle mal klar ist: Ich mache mir bei der Arbeit fast jeden Tag Salat, Tomate-Mozzarella, Gurken und Schafskäse. Ja, das ist Gemüse. Nein, ich will nicht abnehmen, und falls doch, das ist mein Körper. Vielen Dank, weitergehen.

In meinem Büro gibt es eine Küche mit Kühlschränken, aber keinen Herd oder Backofen. Nur eine Mikrowelle. Es gibt nur eine kleine Kantine und drumherum kaum Restaurants oder Supermärkte.

Weiße Anführungszeichen
Die einfache Klappstulle ist mir zu langweilig.
Lena Seiferlin

Also nehmen sich alle alles mit – und die meisten machen sich ihr von zu Hause mitgebrachtes Essen in der Mikrowelle warm. Da kommentiert keiner.

Aber sobald sich jemand, also ich, etwas Gesundes zubereitet, vor Ort erst noch Tomate und Gurke schneidet, geht es los. Sowohl weibliche als auch männliche Kollegen fühlen sich eingeladen, ungefragt ihre Meinung über mein Mittagessen loszuwerden.

Für sie ist nicht nur das Selbstgemachte bemerkenswert. Auch der Light-Frischkäse, den ich neulich in den Kühlschrank stellte, war offenbar nicht richtig. Da hieß es von einer Kollegin, mit der ich nie zuvor gesprochen hatte: "Du weißt aber schon, dass Nährstoffe über Fett transportiert werden?"

Ich will keine Beratung und auch keine Betreuung. 

Warum sagen die Leute trotzdem was?

Ja, ich habe mich entschieden, mich gesund zu ernähren, und weniger Kohlenhydrate zu essen. Das bekomme ich ganz gut hin. Dafür habe ich andere Laster. Ich bin zum Beispiel sehr chaotisch und gehe nie ans Telefon. 

Ich weiß, niemand lässt Sprüche über meinen Salat ab, weil er mich ärgern will. Deshalb reagiere ich trotzdem freundlich, wenn auch kurz angebunden. Einigen Kollegen habe ich auch schon direkt gesagt, dass ich diese Kommentare über mein Essen nicht mag. Die reagierten verständnisvoll und meinten sogar, dass sie es selbst nicht mögen, wenn es bei ihnen jemand macht. Das sind übrigens die Kollegen, die sich ebenfalls selbst etwas mitbringen. Die brauchen offenbar nur einen Denkanstoß und merken dann selbst, wie nervig das ist. Aber was ist mit den anderen?

Ich will keine Beratung und auch keine Betreuung.
Lena Seiferlin

Vielleicht sind sie neidisch – darauf, dass ich meistens etwas Kalorienarmes zu mir nehme. Darauf, dass ich konsequent bin, wenn es um die Inhaltsstoffe geht, ich kaufe viele Bio-Produkte. Darauf, dass ich mir die Zeit nehmen kann, mir frisch etwas zuzubereiten, und sie diese Zeit in ihrer Position vielleicht nicht haben.

Vielleicht wollen sie mich auch einfach kennenlernen – und glauben, ein vermeintlich lockerer Spruch könnte eine Brücke sein. 

Vielleicht ist Stille ihnen unangenehm, der übliche Smalltalk-Krampf eben. Weil es noch unangenehmer wäre, über das Wetter zu sprechen, geht es halt um etwas Naheliegendes, das da gerade auf dem Tisch liegt. Mein Essen.

Und falls wer aus Neid fragt, dem rate ich das Folgende: Kauft euch auch Gemüse. Fragt mich, ob ich Lust hätte zu teilen. Habe ich, muss ich nur vorher wissen. Lasst uns gemeinsam herausfinden, was schmeckt – ohne unterschwellige Belehrungen.

Ich habe mir etwas vorgenommen. Wenn ein Kollege oder eine Kollegin beim nächsten Mal mein Essen kommentiert, frage ich, wieso der Spruch jetzt kam. Wenn es nur der Versuch war, ein Gespräch zu beginnen, mache ich einen Gegenvorschlag. Vielleicht können wir uns über unseren letzten Urlaub unterhalten? Oder etwas ganz anderes? Ich bin gespannt.


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