Und warum mir Shoppen trotzdem noch Spaß macht.

Meine Freundin und ich misten ihren Schrank aus. Da ist ja das Preisschild noch dran, denke ich. "Die Hose hatte ich nicht ein einziges Mal an", sagt sie. Warum kauft sie denn so viele Klamotten?, denke ich, verkneife mir aber die Frage. Ich kenne schließlich die Antworten:

Nur mal zum Anprobieren bei Zalando bestellt und vergessen zurückzuschicken. War im Sale. Hatte die eine bei Instagram auch. Hab so was ähnliches in der Vogue gesehen. Sieht aus wie das eine Kleid von Michael Kors, das mir zu teuer war. Ich wollte nach dem Shoppen nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Dachte, dafür gibt es sicher mal einen Anlass. Dachte, es steht mir. Dachte, ich nehme noch ab. Sieht doch ganz okay aus und kostet nur 30 €.

Jahrelang habe ich auch so gelebt. In meinem alten Kinderzimmer steht bis heute ein Kleiderschrank voller Kaufsünden und Sachen, die eine Freundin mir angedreht hat.

Heute habe ich nur noch 23 Kleidungsstücke, mit Kopftüchern 31. Socken, Schuhe und Unterwäsche ausgenommen.

Es fing an, als ich auszog. "Ich kann nicht alles mitnehmen, weil ich keinen Platz mehr in meinem Gepäck habe", erklärte ich meiner Mutter, als ich das erste Mal in ein neues Land zog. Ich nahm drei Koffer mit.

Bei meinem zweiten Umzug hatte ich nur noch einen Koffer – und eine Hand frei. Auf die Frage, ob wir beim Zwischenstopp nicht noch eine neue Jacke kaufen wollten, antwortete ich: "Ich brauche erst eine, wenn die andere kaputt geht."

In dem Moment war ich von mir selbst überrascht: Hatte ich das wirklich gerade gesagt? War es nicht das Beste, wenn die Eltern mit einem Shoppen gehen und einem alles bezahlten? Heute denke ich: Es steckte mehr hinter der Entscheidung als nur der Wunsch nach leichtem Gepäck. Es war eine Sehnsucht nach weniger Verantwortung – auf allen Ebenen.

Ich wollte weniger mit mir herumtragen und weniger Schaden in der Welt anrichten.

Für den Anbau konventioneller Baumwolle werden große Mengen an Pestiziden und Düngern eingesetzt. Auch Textilfabriken verbrauchen beim Spinnen von künstlichen Fasern viele Chemikalien und Energie. Nicht zu vergessen, dass auf der anderen Seite der Welt jemand die Kleidung fertigt – und nicht sehr fair behandelt wird. (Greenpeace)

Deshalb fühlen sich Shopping Malls für mich heute bedrückend an. Und wenn mir YouTube wieder ungefragt eine "Shopping Haul" zeigen möchte klicke ich so schnell wie möglich weg.

Trotzdem vermisse ich es manchmal, ein modisches Statement zu machen.

23 von Merves 31 Kleidungsstücken.

Meine Basics sind alle schwarz. Hosen, Shirts, Strumpfhosen, Schuhe. Ich habe bunte Kleider und bunte Kopftücher, mit denen ich sie kombinieren kann.

Fast 2.000 Euro sind die Klamotten wert. Manches davon war viel zu teuer. Manches viel zu günstig. Aber es sind nur Sachen, die ich brauche und liebe. Aber keine Sachen, die ich mir einfach so gekauft habe, weil ich es kann.

Was man trägt, hat viel mit dem Charakter zu tun, mit der Stimmung, dem Anlass, dem Ort, an dem man sich befindet und auch damit, wie man wahrgenommen werden möchte. Ob ich in die Uni gehe, in den Urlaub oder zu einem Bewerbungsgespräch – das kann man nur noch daran erkennen, wie aufwändig ich mich geschminkt habe und wie groß meine Ohrringe sind.

Warum besitzen wir überhaupt so viele Klamotten?

Produktion und Absatz von Kleidung haben sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Die Ausgaben sind aber ungefähr gleichgeblieben. Vom gleichen Geld können wir also einfach viel mehr kaufen. Ein deutscher Haushalt gibt heute durchschnittlich 110 € im Monat für Bekleidung aus. Ein Einpersonenhaushalt 64 €. Davon werden im Jahr 60 Kleidungsstücke gekauft. (Statista)

Aber wir tragen Kleidung nur noch halb so lang wie noch vor 15 Jahren. Auch, weil in den 1950er Jahren der "saisonale Modewechsel" erfunden wurde. Seitdem besitzen wir Sommersachen und Wintersachen. Neue Kollektionen kommen in immer kürzeren Abständen.

Ich liebe es, mich schön anzuziehen und auf Instagram durch Fotos schön angezogener Menschen zu scrollen. Aber ich will kein Teil des Konsum-Hypes sein. Ich will nicht vergessen, was ich alles habe, und keine App brauchen, um meinen Kleiderschrank managen zu können. 

Mit meinen 31 Kleidungsstücken habe ich mich selbst zur Außenseiterin gemacht. Aber ich will nichts kaufen müssen, um glücklich zu sein.

Klamotten sind keine Nahrungsmittel. Man stirbt nicht, wenn man nicht ständig mit neuen versorgt wird.

Etwas zu kaufen, macht mich noch immer glücklich.

Als der Reißverschluss meiner Jacke kaputt gegangen ist, habe ich mich gefreut. Auch, weil ich meiner Freundin Bilder vom Shoppen schicken konnte, weil mir die Entscheidung so schwer fiel.

"Nimm sie. Steht dir erstklassig!" schrieb sie. Konnte ich echt 300 € für eine Jacke ausgeben? Klar. War schließlich von 600 € runtergesetzt. Und die trage ich bestimmt auch noch nächstes Jahr.


Today

Auf meiner Lesereise habe ich gelernt: Das eine Deutschland gibt es nicht

Wenn man wie ich Bücher schreibt, hat man manchmal das Glück, dass man die auch vorlesen darf. Dann fährt man durch die Republik und kann so manche Erkenntnis gewinnen. Zum Beispiel, dass zu glauben, es gäbe DAS Deutschland, totaler Quatsch ist. 

Trotzdem denke ich "Deutschland" – wie so viele – als Einheit. Oder besser: ich dachte. 

Ich dachte, dass das eben das Land ist, in dem ich wohne. Dass hier Deutsch gesprochen wird, aber auch manchmal andere Sprachen. Dass es eben "deutsch" aussieht. Ich dachte über den Begriff und über das Land, was man eben so denkt, wenn man sich zu wenig Gedanken gemacht hat. Denn ich hatte absolut keine Ahnung. (Spoiler: Jetzt habe ich noch weniger.) 

Auf der intellektuellen Ebene wusste ich natürlich, dass es Dialekte und regionale Spezialitäten gibt, dass die einen Schützenkönige und die anderen Weinköniginnen feiern. Aber es ist etwas anderes, das so direkt zu erleben. Den einen Tag in Sachsen zu sein und kurz darauf in Hessen, mal kurz in Bayern vorbeizuschauen und dann wieder in Nordrhein-Westfalen. Ich war in kleinen Städten und in großen und ich bin wirklich sehr, sehr viel Zug gefahren.