Bild: Pixabay / Bohemienne
Warum stresst uns der maximale Überfluss? Und wie gehen wir damit um?

Unser Leben ist so voll: Wir haben durchschnittlich 6,2 Profile im Netz, Dutzende ungelesene Nachrichten und können uns nicht von den nutzlosen Mitbringseln aus dem Urlaub trennen. Wir wissen morgens nicht, welcher Pizzaservice uns abends beliefern soll, und rennen am Wochenende durch die Innenstadt, um unseren Kleiderschrank neu zu befüllen, während die Werbung fragt: Joghurt für die Darmflora, luftgepolsterte Sportschuhe oder doch lieber ein Urlaub auf Korsika?

Online-Shopping, kostenlose Kreditkarten und 24-Stunden-Lieferservice sollten das Leben vereinfachen - und haben es doch verkompliziert.

Warum stresst uns der maximale Überfluss?
Warum wird die maximale Kauflust immer mehr zum Frust?
Was wollen wir eigentlich und wie viel davon?

"Downshifting" soll helfen, mit diesen Fragen umzugehen. Ein Trend, bei dem Menschen ihren Konsum runterschrauben. Dabei reduzieren sie nicht nur ihre materiellen Güter, sondern auch ihre Beziehungen, ihre Freizeitaktivitäten und vor allem ihre Arbeit. Sie leben komplett minimalistisch.

„“Das war bisher Esoterik-Kram. Bis es salonfähig wurde.““
Nils Neumann, Blogger

Sie erhoffen sich davon, persönlich zu wachsen. Denn das steht heute weit vor alten Statussymbolen wie Haus, Garten oder Auto. So eint eine Idee alle Downshifter: Sie betrachten Verzicht nicht als “Nein zum Konsum”, sondern als ”Ja zu einem bewussteren und selbstbestimmteren Leben”. Hinzukommt: Sie können es sich leisten zu verzichten, sie müssen es nicht.

Dabei fangen die meisten klein an, erst später folgt die Frage: Wie befreie ich meinen Körper und Geist vom Überfluss? Der 28-jähriger Blogger Nils Neumann, ebenfalls Minimalist, sagt: “Das war bisher Esoterik-Kram. Bis es salonfähig wurde.“ Heute seien unter den Downshifter deswegen nicht nur die strenggläubigen Esoteriker, sondern auch die BWLer, die nüchtern Kosten und Nutzen analysieren.

(Bild: Pixabay / Suc)

Dabei ist der Ansatz natürlich nicht neu, schon die Buddhisten im 5. Jahrhundert vor Christus beschäftigten sich damit, ein achtsames Leben zu führen und Dinge nicht darüber bestimmen zu lassen, was das Leben wert ist. Nur hieß es damals nicht Downshifting, Simplify your life oder Minimalismus. Unter diesem neuen Label ist der Lebensstil heute extrem populär.

Das zeigen Sharing-Plattformen wie AirBnB, DriveNow oder Couch Surfing. Sein Hab und Gut verkauft man auf ReBuy oder postet es in “Free Your Stuff”-Gruppen auf Facebook. Co-Konsum Plattformen wie “Why own it” und städtische Gemeinschaftsgärten stellen den Gemeinschaftsgedanken vor den Materialismus. Blogger wie die Berlinerin Anuschka Rees schreiben darüber, wie sich Minimalismus und Begeisterung für Mode vertragen.

Der Blogger Nils hat 2012 angefangen, sein Leben zu entschlacken. Der Auslöser: “Am Anfang wollte ich einfach nicht mehr so viel Zeit damit verbringen, meine Wohnung aufzuräumen.” Heute besitzt der Programmierer und Designer nur das, was auf diesem Foto zu sehen ist.

(Bild: Nils Neumann)

"In der Regel will ich, dass mein Leben leichter und angenehmer wird. Seit ich meine Haltung geändert habe, fühle ich mich von zu viel Besitz und der zugehörigen Pflege und Verwaltung eher belästigt, als dass sie mich befreit."

Doch wie sortiert man sein Leben aus? Wohin mit Omas altem Sessel und der vererbten Münzensammlung?

"Extrem wichtig ist auf jeden Fall, dass all das Ausmisten nichts nützt, wenn man nicht daran arbeitet, es zu einer Routine oder besser: zu einer Haltung werden zu lassen“, sagt Nils.

Seine Tipps:
  1. Nimm dir eine Kommode in einem Durchgangszimmer vor.
  2. Schmeiße nur die unwichtigsten 20 Prozent weg.
  3. Wiederhole Schritt zwei jede Woche bis der Inhalt der Kommode locker in einen Schrank in einem anderen Zimmer passt.
  4. Verschenke die leer gewordene Kommode.
  5. Nimm dir die Sachen im Schrank vor und gehe zu Schritt zwei über.
Einen ähnlichen Ansatz wie Nils verfolgt auch der Pfarrer und freiberufliche Autor und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher. Auf seiner Homepage berichtet der gebürtige Münchener von einer Reise in die USA, wo er zum ersten Mal den Satz "simplify your life" las. Fortan stellte er sich die Frage: Wie kann ich mein Leben Leben vereinfachen? Herausgekommen ist der gleichnamige Weltbestseller "Simplify Your Life". Das Buch will den Lesern auf 388 Seiten vermitteln, wie sie ihr Leben vereinfachen können. Das Ziel: Ein glücklicheres Leben, indem man nach und nach die Stufen der "Simplify Your Life"-Pyramide anstrebt.
  1. Den Schreibtisch aufräumen und vereinfachen.
  2. Die Finanzen in Ordnung bringen.
  3. Die Zeit organisieren.
  4. Die eigene Gesundheit,
  5. die sozialen Beziehungen
  6. die Partnerschaft betrachten, um danach
  7. sich selbst zu finden.
(Bild: Werner Tiki Küstenmacher)

Mehr Minimalismus