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Wer sie sind und was sie wollen

Ich bin 1990 geboren. Dass ich trotzdem ein "Ossi" bin, hörte ich das erste Mal mit 19 auf der WG-Party einer Freundin, die in Würzburg studierte. Sie war gerade im ersten Semester, alle lernten sich noch kennen. Es ging darum, aus welchen Städten man zum Studium gekommen war. Meine Freundin war eine der wenigen von uns, die für ihren Bachelor nicht nach Jena, Leipzig oder Dresden gegangen war, sondern ins andere Deutschland – in den Westen.

"Ihr habt gar keine bunten Haare", stellte eine Kommilitonin meiner Freundin fest.

"Wie meinst du das?"

"Ossis haben doch immer so zweifarbige Haare. Oben blond, unten schwarz. Das ist doch bei euch Mode."

Sie hatte Recht. Oben blond, unten schwarz war absoluter Trend in unserer Oberstufe. Niemals wäre ich darauf gekommen, dass uns das als Ossis outete. Dass es überhaupt etwas gab, das uns noch unterschied.

Es gibt die Generation der "Wendekinder", der "Eisenkinder" oder der "3ten Generation Ost". Das sind zwischen 1973 und 1984 Geborene, die noch in DDR-Schulen und Kindergärten sozialisiert wurden. Klar, dass die anders ticken als dieselbe Alterskohorte in Westdeutschland.

Wir nach 1989 Geborenen sind dagegen einfach Millenials. Wir kauften unsere "Center-Shocks" in denselben Supermärkten, schauten dieselben Anime-Serien auf Super RTL, sammelten dieselben Jojos mit Leerlauf und wollten in der Mini-Playback-Show groß rauskommen.

Wir sind die erste Generation, die im Vereinten Deutschland aufgewachsen ist. Und Bundespräsident Joachim Gauck sagte 2015 über uns:

Die Unterschiede sind kleiner geworden und besonders in der jungen Generation, da sind sie doch eigentlich gänzlich verschwunden.

Aber er hatte Unrecht. Nicht nur die zweifarbigen Haare, die Pocken-Impfnarbe am Oberarm und ein Faible für das Gericht "Jägerschnitzel" aus der Schulspeisung (panierte Jagdwurst mit süßer Tomatensoße) unterscheiden uns.

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) stellt heute eine Studie vor, die Migranten und Ostdeutsche miteinander vergleicht. 

Das Ergebnis: Beide Gruppen fühlen sich nicht von der deutschen Gesellschaft anerkannt und als "Bürger zweiter Klasse". 

Von Westdeutschen fühlt man sich nicht ernst genommen. "Westdeutsche erkennen die Lage der Ostdeutschen nicht vergleichbar an: Sie ignorieren damit die Wunden der Wiedervereinigung", heißt es in der Studie mit dem Titel "Konkurrenz um Anerkennung". (dpa)

Aber wie sieht es mit der Generation aus, die nach dem Mauerfall geboren wurde? Ist sie auch noch geprägt von dem Ost-West-Denken?

Eine Gruppe Forscher der Otto-Brenner-Stiftung hat kürzlich erstmals die Generation der Ost-Millenials untersucht, der kleinen Geschwister der Wendekinder. Also alle, die heute zwischen 18 und 30 sind. Die Studie "Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?" sollte herausfinden, wie diese Generation tickt. (Studie)

Unterscheiden sich junge Ost- und Westdeutsche noch immer, obwohl sie beide im vereinigten Deutschland aufgewachsen sind, und wenn ja, warum?

Die groß angelegte Studie hat das mit langen Interviews und Umfragen untersucht und zeichnet ein Bild der Ost-Millenials, das wir vielleicht alle schon ahnten.

Eigentlich habe man gehofft, keine Unterschiede mehr zu finden, schreiben die Forscher. Die sogenannte formative Phase der Sozialisation, in der sich politische Einstellungen bilden, fängt mit 14 Jahren an. Die Wende war bei den Ost-Millenials da schon 14 Jahre her.

Die Supermärkte, Fernsehnachrichten, der Bundeskanzler: Alles war gleich.

Und zunächst hätten die Ost-Millenials auch genau das gesagt. Unterschiede? Gibt es nur bei unserer Elterngeneration. Ein Studienteilnehmer wird so zitiert:

Das Ost- und West-Denken wurde mir nie anerzogen. Nur mal ein blöder Spruch, weil es passt.

Aber: 

Im Verlauf der Gespräche und auch in den erhobenen Zahlen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Ost-Millenials und West-Millenials

Unter anderem diese:

Wir fühlen uns als Ostdeutsche.

Dass "Ossi"-sein habe ich nach dem ersten Schock in Würzburg schnell verinnerlicht. Ich freue mich über ostdeutsche Kollegen, spreche neue Bekannte auf ihren Dialekt an und auf Geschenke für ostdeutsche Freundinnen packe ich eine Bambina oder eine Flasche Rotkäppchen drauf. Auf meinem Lebenslauf hatte ich neben dem Geburtsdatum lange: DDR stehen. Dieser spezielle Regionalpatriotismus ist ein ostdeutsches Phänomen.

Ost-Millenials identifizieren sich viel stärker mit ihrer Herkunft als West-Millenials, ergab die Studie. Nur ein Fünftel der Westdeutschen fühlt sich "sehr stark" mit Westdeutschland verbunden – aber jeder Dritte Ost-Millenial.

Westdeutsche junge Menschen empfinden keine gemeinsame Identität in Abgrenzung zum Osten.
Studie

Fast zwei Drittel der West-Millenials glauben, es ist heute ohnehin egal, ob man aus dem Osten oder Westen kommt. Ebenso viele Ost-Millenials sehen das anders.

Westdeutsche in einem Wort? "Arrogant".

Den Begriff "Besserwessi" brauchte man in meinem Umfeld nicht. "Wessi" allein reichte als Synonym für arrogante, überbezahlte, zugezogene Politiker oder einfach eine Klamottenverkäuferin, die auf die Hose mit dem losen Faden keinen Rabatt geben wollte.

Das ist Unsinn, wir wissen das. Ertappt fühlt man sich trotzdem, wenn man die Antworten der Studienteilnehmerinen liest: Beschreiben Sie Westdeutsche in einem Wort! 

Westdeutsche sind laut Ost-Millenials: arroganter, reicher, eingebildeter und überheblicher. Auch westdeutsche Millenials empfinden sich als reicher, aber auch offener, toleranter und fleißiger. 

Wir haben also doch die Vorurteile unserer Eltern geerbt.

Ostdeutsche in einem Wort? "Bescheiden".

Die jungen Ostdeutschen beschrieben sich selbst als ärmer, bescheidener, offener, freundlicher und schlechter bezahlt. All das taucht auch in den Fremdbeschreibungen auf. Dazu: entspannter, rassistischer, konservativer, fauler und dümmer.

Auch diese Vorurteile verletzen. So wie die amüsierten Blicke der anderen Fahrgäste, wenn jemand in der Bahn laut in sächsischem Dialekt spricht. Oder den ostdeutschen Kommilitonen, der im Seminar versucht, möglichst dialektfrei zu sprechen, um Ernst genommen zu werden.

Wir glauben nicht, dass man mit Arbeit der Armut entkommt.

"Junge Ostdeutsche glauben seltener an das Leistungsversprechen, dass wer hart arbeitet, auch etwas erreichen kann", schreiben die Forscher.

Viele der Eltern meiner Freunde konnten nicht helfen, wenn es um den Einstieg in den Arbeitsmarkt ging. Sie hatten Jahrzehnte im selben Betrieb verbracht. Meine Oma hatte eine erfolgreiche Karriere als Ingeneurin in einem Optik-Konzern. Wie ich mich an einen Arbeitgeber verkaufe, im Bewerbungsbrief von mir überzeuge oder über ein Gehalt verhandle, konnte sie mir trotzdem nicht beibringen, all das gab es für sie nicht.

Wir haben mit unseren Familien viel über die Wende gesprochen.

Dass Angela Merkel in der Sauna war, als die Mauer fiel, weiß jeder. Wir Ost-Millenials wissen oft auch, wo unsere Familienmitglieder waren, ob sie es glauben konnten, wann sie zum ersten Mal "rüberfuhren" und wie sie dort im Supermarkt zum ersten mal in eine Kiwi mit Schale gebissen haben.

Jeder zweite Ost-Millenial hat mit der Familie "eher" über die Wende gesprochen – aber nur jeder Vierte West-Millenial, hat die Studie ergeben. Besonders häufig war sie in Ost-Familien Thema, die sich als Wendeverliererinnen und Wendeverlierern empfinden.

Unsere Eltern haben gelernt, wie schnell gesellschaftlicher Wandel kommen kann. Sie wissen, dass in wenigen Monaten der Job weg, der Abschluss nichts mehr wert und die Rente bedrohlich niedrig sein kann. An unseren ostdeutschen Küchentischen waren nicht nur die Kiwi-Storys, sondern auch diese Abstiegsangst ein Thema.

Aber wir meiden Politik-Debatten.

Den Nazionkel, den man bei der goldenen Hochzeit der Großeltern lieber meidet, gibt es in vielen Familien. Tiefe, unversöhnliche politischen Gräben sind in Ost-Familien Standard.

Ich diskutiere gern und oft über Politik. Aber ob der Verwandte auf dem Land tatsächlich AfD wählt, will ich lieber nicht wissen. Und auch über den Onkel, der Grenzschützer war, habe ich nie eine Frage gestellt.

Da bin ich nicht allein. Die Studie sagt: Deutlich mehr Ostdeutsche als Westdeutsche trauen sich nicht zu, an politischen Gesprächen im Freundes- und Bekanntenkreis teilzunehmen oder meiden sie – um Konflikte zu umgehen. Das habe sich durch den präsenteren Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren verstärkt.

Das klingt deprimierend.

Dass die Studie ausgerechnet jetzt erscheint, hat einen Grund. Im November ist der Mauerfall 30 Jahre her. Außerdem sind in drei ostdeutschen Bundesländern Landtagswahlen. Es war also Zeit für eine Deutschland-Inventur. 


Das Fazit der Forscher: "Die schlechte Nachricht: Nach wie vor bestehen Unterschiede zwischen jungen West- und Ostdeutschen."

Die Gute: Man könnte sie angehen, indem man zum Beispiel gegen soziale Probleme im Osten vorgehe, schreiben sie. In ein paar wichtigen Fragen seien sich Ost-und West-Millenials ähnlich. So sehen mehr als zwei Drittel die Zukunft positiv.

Aber Einheit? Ist nicht.

Aber auch in unserer Generation gibt es das Gefühl, dass ein Teil Deutschlands etwas anders tickt, nach eigenen Regeln spielt, etwas andere Ideale hat, und  fremd ist.

Auch meine Generation wird wohl nicht so einfach zu einem Deutschland verschmelzen. Das ist bitter, aber noch lange keine "Mauer in den Köpfen", wie die Forscher glauben.

Wer wollen wir sein?

Erasmusstudium, Reisen rund um die Welt: Ich fühle mich als Kosmopolitin. Trotzdem hat mich das Porträt, das die Studie von Ost-Millenials zeichnet, ertappt. Ich finde mich wieder – auch 30 Jahre nach der Wende.

Aber Identität kann man eben nicht mit einer Pressekonferenz zur Einheit verordnen. Nicht einmal, indem man eine Mauer einstürzen lässt. Dass die ostdeutsche Identität noch so präsent ist, ist aber vielleicht kein Zeichen für zu wenig Einheit.

Durch Flucht, Migration und globalisierte Arbeit ist unsere Bevölkerungsstruktur sowieso im Umbruch. Das betrifft uns Millenials weit mehr als frühere Generationen. Und es könnte eine Chance für uns sein, das Ost-Millenial-sein neu zu besetzen – und zu kombinieren.

Wir fühlen uns nicht nur als Ostdeutsche – sondern auch als Deutsche und Europäerinnen sagt die Studie. Man könnte ergänzen: Als Saale-Holzland-Kreisler, Westeuropäer, Weltbürger oder Hildburghausener, Afro-Deutsche, Mensch mit Migrationshintergrund oder ohne, Wahl-Neuköllner oder "von hier". (bento)

Wir haben viele Identitäten und sind die Spannungen die darin liegen gewohnt – und so wachsen wir vielleicht doch zusammen. Wenn auch anders, als Politiker sich das in den Neunzigern erhofft hatten.


Future

Kann man seine Leistung durch die Kraft der Gedanken steigern?
Ein Sportwissenschaftler erklärt das Phänomen mentale Simulation – und wie es funktioniert.

Es klingt nach dem Traum aller Sportmuffel: Stärker werden, ohne eine Hantel zu heben. Das soll tatsächlich möglich sein – quasi durch Training in Gedanken

Wissenschaftler der Universität Gießen konnten nachweisen, dass mentale Simulation auch reale Trainingseffekte erzeugen kann

Ein Interview mit dem Psychologen und Sportwissenschaftler Prof. Dr. Jörn Munzert:

Herr Munzert, wenn ich durch die Vorstellung von Bewegung fitter sein kann – heißt das etwa, ich muss keinen Sport mehr machen? 

Munzert: Nein, der Effekt von mentalem Training ist nie so groß, als wenn man tatsächlich physisch aktiv ist. Aber wenn ich die sogenannte mentale Simulation zusätzlich einsetze, kann ich Bewegungen perfektionieren und meine Leistung verbessern.

Mentale Simulation – wie geht das?

Wenn wir Handlungen oder Bewegungen, die wir umsetzen wollen, vor unserem inneren Auge ablaufen lassen, ist das eine mentale Simulation. Wenn ich zum Beispiel ein IKEA-Regal zusammenbauen will, kann mir der Plan dabei helfen. Aber ich muss mir auch vorstellen, wie ich das Regal zusammensetze. Dabei nutzte ich mentale Simulation, ohne dass mir das bewusst ist. Oder wenn ich morgens aus der Haustür gehen will und meinen Schlüssel nicht finden kann, dann überlege ich, was ich zuletzt gemacht habe. War ich vielleicht noch mal auf der Toilette und habe den Schlüssel dort vergessen? Die mentale Simulation ist ein Hilfsmittel, um Handlungen zu planen oder sich an Handlungsabläufe zu erinnern.

Und wie kann ich dieses Hilfsmittel nutzen? 

In der Sportwissenschaft nutzen wir die mentale Simulation als Bewegungsvorstellung im Bereich des mentalen Trainings. Das heißt, durch spezifische Bewegungsvorstellungen kann man einen realen Trainingseffekt erzielen. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass die interne Erzeugung von Sinneseindrücken bei der Bewegungsvorstellung mit motorischen Prozessen zur aktiven Bewegungsausführung verbunden ist. In neuerer Zeit hat man mentales Training bei Schlaganfallpatienten erfolgreich eingesetzt. Auf Basis früher Arbeiten mit der funktionalen Kernspinntomografie konnte der französische Neurophysiologe Marc Jeannerod zeigen, dass durch mentale Simulation motorische Areale im Gehirn verstärkt aktiviert werden. An der Universität Gießen haben wir nachgewiesen, dass auch beim Krafttraining mentale Übungen zu einer Verbesserung der Leistung führen.

Wie genau läuft so ein mentales Training ab? 

Einerseits kann man einen Athleten, etwa eine Turnerin, eine bestimmte Übung ausführen lassen und sie anschließend instruieren, sich die Bewegung noch einmal so vorzustellen, als würde sie sie tatsächlich ausführen. Dabei ist es wichtig, dass sie sich auch vorstellt, wie sich die Bewegung anfühlen würde. Andererseits kann man mentale Simulation auch zum Neuerlernen einer Bewegung einsetzen. Lernen funktioniert häufig über Beobachtung. Wir würden die Sportler anweisen: jetzt stell dir die gerade gesehene Bewegung noch einmal vor, und versuche sie dann umzusetzen.

Welche Sportarten sind dazu besonders geeignet?

Bei technisch-orientierten Sportarten wie dem Turnen und dem Stabhochsprung kann man davon ausgehen, dass die Athleten das von sich aus machen. Aber man kann das auch im Basketball einsetzen, um Spielzüge gezielt zu üben – indem man die Laufwege nicht nur klassisch auf eine Tafel malt, sondern die Spieler dazu anregt, sich die einzelnen Schritte vorzustellen. Auch Bobfahrer können ihre Leistung optimieren, indem sie sich vorstellen, wie sich ihre Bewegungsabläufe in einer bestimmten Kurve anfühlen.

Was ist denn das optimale Verhältnis zwischen körperlichem Training - und mentalem?

Ich merke den Effekt ja nur, wenn ich die Bewegung auch wirklich ausführe. Wir brauchen immer mehr Anteile an aktiven Ausführungen als mentale, das konnte die Forschung bereits feststellen. Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir die perfekte Formel hätten. Ob es nun im Verhältnis 2:1 oder 3:1 sein sollte, das können wir noch nicht genau sagen. Beim Kraftsport ist es aber auch aus Gründen der Überbeanspruchung sinnvoll, dass man über eine gewissen Zahl an Wiederholungen nicht hinausgehen und stattdessen zusätzlich mental trainieren sollte.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen? 

Man muss so etwas wie eine Vorstellungsfähigkeit haben. Da kann es starke Unterschiede zwischen einzelnen Athleten geben. Aber ich kann die Kompetenz, wie gut ich mir etwas vorstellen kann, natürlich auch üben. Wichtig ist, dass die Athleten überzeugt sind, dass sie mit mentalen Übungen etwas Sinnvolles im Training machen, das sie voranbringt.

Sie konnten eine Verbesserung der Leistung durch mentales Training beobachten – aber haben sich die Sportler dadurch auch besser gefühlt? 

Das haben wir noch nicht untersucht. Aber wenn ich mir vorstelle, dass mir eine Übung gelingt, dann hat das natürlich auch Auswirkungen auf mein Selbstvertrauen.