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Rassistische Beleidigungen, Übergriffeblanker Hass: Die Bilder aus Chemnitz und Köthen sind keine Einzelfälle mehr. Der politische Diskurs verschiebt sich immer weiter nach rechts. 

Bilder und Worte brennen sich ein, besonders bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund. 

In den sozialen Netzwerken schreiben immer mehr von ihnen, dass sie überlegen, Deutschland deshalb zu verlassen.

bento ist dem nachgegangen und hat mit drei Menschen mit Migrationshintergrund darüber gesprochen, was sie erlebten und warum sie mit dem Gedanken spielen, eines Tages ihre Heimat, Deutschland, zu verlassen.

James ist 22 Jahre alt, in Hamburg geboren und hat philippinische Wurzeln. 2012 konvertierte er zum Islam.

(Bild: privat)

Was machen die Bilder aus Chemnitz und Köthen mit dir?

Sie geben mir das Gefühl, nicht willkommen zu sein – und das, obwohl ich hier in Deutschland geboren und groß geworden bin. Es macht mich traurig und ich frage mich, ob die Menschen wirklich so viel aus der Vergangenheit gelernt haben, wie sie immer vorgeben. Auch wenn die randalierenden Rechtsextremisten nicht die allgemeine Meinung der Deutschen widerspiegeln, habe ich den Eindruck, dass viele Deutsche sich diesem Gedankengut verbunden fühlen.

Wieso spielst du mit dem Gedanken, das Land zu verlassen?

Ich fühle ich mich hier nicht mehr sicher. In den Medien wird der Islam ständig mit etwas Negativem in Verbindung gebracht, immer häufiger werden Moscheen beschädigt oder sogar in Brand gesetzt. Und dann wird Muslimen auch noch vorgeworfen, sie würden nur in eine Opferrolle schlüpfen. Wenn das so weiter geht, möchte ich Deutschland verlassen – und stattdessen auf den Philippinen leben wollen. 

Hast du in letzter Zeit Rassismus oder Diskriminierung am eigenen Leib erlebt?

Erst kürzlich auf der Arbeit. Ich arbeite im Einzelhandel und im Laden kann es auch mal sehr laut sein, da wir sehr viele Kunden haben. Ein älteres Pärchen kam auf mich zu und die Frau fragte mich, wo sich eine bestimmte Art von Gürteln befinde. Ich konnte sie aufgrund der Lautstärke leider nicht verstehen und musste nachfragen, weil es eben sehr laut war. Beim dritten Mal sagte der ältere Herr dann ziemlich laut und deutlich zu seiner Frau: "Ach, den brauchst du gar nicht mehr fragen, er versteht sowieso kein Deutsch.“

Farah ist 26, in Münster geboren, hat libanesische Wurzeln und macht derzeit ihren Master in Psychologie.

(Bild: privat)

Was machen die Bilder aus Chemnitz und Köthen mit dir?

Sie machen mir Angst. Ich frage mich, ob sie nicht schon bald zum Alltag gehören könnten und ich mich in Zukunft aufgrund meines Aussehens fürchten muss, auch Opfer von Gewalt, Verfolgung und täglicher Diskriminierung zu werden. Spätestens jetzt, wo die AfD öffentlich Seite an Seite mit Rechtsextremisten marschiert, zeigt diese Partei ihr wahres Gesicht. Dass sie im Bundestag sitzt, ist wirklich enttäuschend.

Wieso spielst du mit dem Gedanken, das Land zu verlassen?

Zum ersten Mal dachte ich das nach der letzten Bundestagswahl. Mir wurde erstmals so richtig bewusst, dass eine rechtspopulistische Partei wie die AfD offenbar keine Schwierigkeiten hat, an Macht und Zulauf zu gewinnen. Sie hat es bereits geschafft, dass sich die großen Parteien in Deutschland an ihr orientieren und gefühlt nur noch Politik machen, die sich auf die angebliche Flüchtlingskrise bezieht. Die Stimmung im Land ist angeheizt, unsere Politikerinnen und Politiker verharmlosen Bilder aus Chemnitz, nennen Naziaufmärsche Teil unserer "Demokratie". Konflikte werden so nicht gelöst, sondern verschärft

Für die Zeit nach meinem Abschluss habe ich bereits eine gut bezahlte Stelle in Hamburg angeboten bekommen. Wenn ich daran denke, dass eines Tages meine Steuern eine Regierung mitfinanzieren könnten, die homophob, islamophob, rassistisch, antisemitisch und frauenfeindlich auftritt und darüber hinaus mich, meine Familie und Freunde nicht wertschätzt und uns keine Sicherheit geben will, wird mir übel

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Sollte es so weit sein, werde ich definitiv meine Sachen packen und das Land verlassen und hoffen, dass viele es mir gleichtun werden.

Hast du in letzter Zeit Rassismus oder Diskriminierung am eigenen Leib erlebt?

Vor einer Weile bewarb ich mich um ein Praktikum. Daraufhin rief mich ein Personaler an und fragte, wie gut denn meine Deutschkenntnisse seien. Ich verwies auf meinen Lebenslauf. Ich wurde hier geboren, wuchs hier auf, besuchte hier die Schule und die Uni, sagte ich. "Ja, aber Ihr Name ist ausländisch, deshalb musste ich noch mal fragen", sagte er. 

In der Schule riet mir mein Geschichtslehrer davon ab, den Leistungskurs in Deutsch zu belegen, da ich ja einen Migrationshintergrund habe und "niemals" mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern mithalten könne. Solche Situationen nehmen bis heute kein Ende. Diskussionen darüber gehe ich inzwischen aus dem Weg. Sie enden häufig mit dem Satz: "Ich bin ja kein Rassist."

Erdem ist 19, hat türkische Wurzeln, studiert und tritt demnächst seinen Freiwilligendienst an. 

(Bild: privat)

Was machen die Bilder aus Chemnitz und Köthen mit dir?

Als ich die ersten Nachrichten zu Chemnitz las und die Videos dazu sah, hatte ich durchgehend Gänsehaut. Es trieb mir die Tränen in die Augen und ich fragte mich, was aus meinem Deutschland geworden ist. Deutschland ist für meine Großeltern, meine Eltern und mich Heimat. Meine Großeltern kamen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit dem Anwerbeabkommen aus der Türkei zum Arbeiten nach Süddeutschland. Ich engagiere mich ehrenamtlich für mehrere Institutionen, außerdem bin ich parteipolitisch für die SPD tätig. Und jetzt scheint es so, als wolle man uns hier nicht mehr haben. 

Wieso spielst du mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen?

Es macht mich traurig und wütend zugleich, dass so wenig gegen Rechtsextremismus unternommen wird. Momentan bin ich auf Wohnungssuche in Hamburg und ich wurde bereits mehrfach nach meinem Migrationshintergrund gefragt. Warum spielt mein Migrationshintergrund dabei so eine Rolle? Sobald ich am Telefon sage, dass meine Eltern aus der Türkei stammen, werde ich mit einer billigen Ausrede abgewiesen und plötzlich ist die Wohnung oder das Zimmer schon vergeben. 

Jetzt muss ich auch noch dabei zusehen, wie Rechtsextremisten auf die Straße gehen und eine zunehmende Gefahr für Deutschland und eine Bedrohung für Menschen wie mich werden. Deshalb ist es für mich umso wahrscheinlicher, früher oder später das Land zu verlassen. Wenn es so weitergeht, kann ich mir noch hier zu leben. Dann würde ich lieber in Kanada oder Skandinavien leben.

Hast du in letzter Zeit Rassismus oder Diskriminierung am eigenen Leib erlebt?

Sehr oft muss ich mich für die türkische Regierung und den Staatspräsidenten rechtfertigen, obwohl ich mit der türkischen Politik nichts zu tun habe. Zugegeben, ich sehe nicht "typisch türkisch" aus und entspreche auch nicht der Vorstellung eines "Klischee-Türken" – ich habe einen hellen Teint, sehe europäisch aus, bin schwul und spreche akzentfreies Deutsch. Trotzdem habe ich im Alltag mit vielen Vorurteilen  und manchmal sogar mit Diskriminierung zu kämpfen, sobald ich meinen Namen erwähne und nach meinem Migrationshintergrund gefragt wird. 


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