Bild: Jack Sharp/ Unsplash

Lars-Martins Vater* ist eine wichtige Bezugsperson für ihn, jemand, der ihm Halt gibt und den so schnell nichts erschüttert. Dann verändert sich der 52-Jährige. Er rastet am Lenkrad aus, schläft schlecht, geht nicht mehr zum Sport, ist unmotiviert. Christian* hat eine Midlife-Crisis. Lars-Martin bemerkt das zunächst nicht – bis sein Vater mit ihm spricht.

Was bedeutet die Midlife-Crisis seines Vater für die Beziehung zwischen Lars-Martin und Christian? Und welche Auswege gibt es? Wir haben mit den beiden und einem Psychologen gesprochen.

Lars-Martin, 23, erzählt von dem Moment, als sein Vater ihm von seinen Problemen berichtete. 

"Seit ich mich erinnern kann, gehe ich mit meinem Vater an Weihnachten zur Mitternachtsmesse in die Kirche. Da der Rest meiner Familie wenig von Spiritualität hält, entwickelte sich der 45-minütige Spaziergang zur nächsten Dorfkapelle zu einem Vater-Sohn-Ritual. Häufig nutzten wir die Zeit für unser "Jahresabschlussgespräch". Was war an diesem Jahr schön? Was war schwierig? Was kommt auf uns zu?

Als wir im vergangenen Jahr aus dem weihnachtlichen Trubel des Hauses in die nieselnde, kalte Nacht traten, bat mein Vater mich allerdings darum, den Spaziergang auszudehnen und die Kirchentradition zu brechen. Er müsse mir etwas Wichtiges erzählen. Nachdem wir ein paar Schritte gegangen waren, begann er, von psychischen Problemen zu berichten, die er seit längerer Zeit habe. Im vergangenen Jahr hätten sie zugenommen. Er finde nur noch wenig Schlaf, sei auf der Arbeit permanent genervt und zu Hause antriebslos und schlecht gelaunt. Es sei für ihn manchmal nur noch schwer auszuhalten. Er glaube, dass er in einer "Midlife-Crisis" stecke.

Was ist eine Midlife-Crisis?

Geprägt wurde der Begriff vom kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques. Der untersuchte in den Sechzigerjahren Männer und stellte fest, dass sie im mittleren Alter häufig unter Krisen leiden. Die Journalistin und Autorin Gail Sheehy etablierte den Begriff in den Siebzigerjahren durch ihren internationalen Bestseller "Passages". 

Eine Midlife-Crisis ist nicht als psychische Krankheit definiert, da die Beschwerden von Betroffenen häufig vielfältig und unterschiedlich sind (Rheinpfalz). Der Grund: In der Mitte des Lebens, im Alter zwischen 40 und 55, sind viele Lebensziele bereits erreicht. War es bis dahin erfüllend, die Familie zu versorgen, Status anzustreben und sich finanziell abzusichern, verändert sich der Fokus jetzt. Viele fragen sich: Ist sinnvoll, was ich tue? Das kann Angst machen, Kraft kosten – und schließlich in die Depression führen. Obwohl diese Krisen sowohl bei Männern als auch Frauen auftreten, zeigen Studien, dass sie bei Männern heftiger verlaufen als bei Frauen (Geo). 

Auch wenn meine Eltern mir mit ihrer Erziehung vermittelt haben, dass jeder, egal ob Mann oder Frau, mit Gefühlen und Emotionen offen umgehen sollte, war ich vom Geständnis meines Vaters überfordert. Für mich war er immer ein unzerstörbarer Fels in der Brandung. Ein Ruhepol, der sich Zeit für seine Antworten nimmt. Der viel nachdenkt, bevor er Dinge entscheidet. Außerdem wusste ich, dass er im beruflichen Umfeld beliebt war und als Mediator und Personalrat ein offenes Ohr für jeden hatte. Und auch die Beziehung zu meiner Mutter war seit 25 Jahren stabil und glücklich. Er war der Mensch, der mir in den schwierigen Phasen meiner Jugend geholfen hat, Kummer, Wut und Arroganz zu bewältigen. Und ausgerechnet er war nun so unglücklich und hatte selbst noch keinen Ausweg aus der Situation gefunden? Das war für mich schwer zu begreifen.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war ich seit einem Jahr von zu Hause ausgezogen. Auch wenn wir uns nicht mehr die gleichen vier Wände teilten, dachte ich immer, dass ich mit meinen Eltern in regelmäßigem Austausch stand. Dass wir über unsere Gefühle, Pläne und unseren Alltag sprechen konnten. Dass ich von der Wesensveränderung meines Vaters im vergangenen Jahr nichts mitbekommen hatte, schockierte mich.

Ich versuchte, mir während des Gesprächs nichts von meiner aufkeimenden Unsicherheit anmerken zu lassen. Ich fragte meinen Vater, ob er versucht habe, die Gründe für seine Krise zu finden. Er erzählte von Stresssituationen bei der Arbeit, mangelnder Wertschätzung und dem Gefühl, keine Zeit für schöne Dinge zu haben. Bestimmt zwei Stunden redeten wir über Symptome und mögliche Ursachen. Im Laufe des Gesprächs wurde das Gefühl, mit der Thematik überfordert zu sein, immer stärker. Am Ende fühlte ich mich ratlos und hatte viele offene Fragen. Was war der Grund für die Krise? Muss mein Vater zu einem Therapeuten? Soll ich ihm raten, den Job zu kündigen? Wie kann ich mich jetzt verhalten, um ihn zu entlasten?

Dann setzte aber eine andere Erkenntnis ein: Ich war stolz auf meinen Vater. Stolz darauf, dass er den Mut aufgebracht hatte, mit mir über seine Gefühle und Probleme zu sprechen. Stolz darauf, dass er erkannt hatte, dass es für ihn so nicht weitergehen kann."

Christian, 52, erzählt, wie sich die Krise für ihn anfühlt – und wie das Gespräch mit Lars-Martin aus seiner Sicht verlief. 

"Die Aufstiegsmöglichkeiten in meinem Job waren limitiert. Vor zehn Jahren suchte ich nach einer neuen Herausforderung und ließ mich zum Betriebsratsvorsitzenden wählen. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Probleme zu dieser Zeit begannen.

Durch das Ehrenamt wurde der Beruf stressiger, die Anerkennung meiner Leistung nahm aber nicht zu. Gleichzeitig kam mein Sohn in die Pubertät und meine Eltern bauten gesundheitlich ab. Der Alltag zu Hause war häufig von Problemen und Diskussionen geprägt. 

Ich hörte mit dem Tischtennis auf, obwohl ich 35 Jahre lang mindestens einmal pro Woch gespielt hatte. Ein großer Fehler: Ein wichtiger Kompensationskanal und Gegenpol zur Arbeit brach weg. Ich versuchte, durch Lesen und Musikhören zu entspannen. Diesen Aktivitäten die gewünschte Aufmerksamkeit zu schenken, überforderte mich allerdings. Meine Konzentrationsspanne nahm merklich ab.

Ich wurde gleichzeitig nachdenklich und unruhig. Morgens kam ich nach einer meist schlaflosen Nacht nur unter großen Anstrengungen aus dem Bett. Nach der Arbeit hatte ich keinen Antrieb mehr, mich für Unternehmungen zu motivieren. Außerdem wurde ich schneller aggressiv, was sich bei mir vor allem im Straßenverkehr äußerte – ich rastete regelmäßig am Lenkrad aus. Mein bester Freund war der erste, der mir sagte, dass ich mich verändert hatte.

Nach vier Jahren im Betriebsrat hörte ich auf, um den Stress zu reduzieren. Weil mir die Arbeit als Konfliktvermittler und Problemlöser aber Spaß gemacht hatte, begann ich parallel zum Job mit einer Mediatorenausbildung. Dabei lernte ich, wie wichtig es ist, offen über Probleme zu sprechen und eine Supervision durchzuführen. Das hat mich dazu ermutigt, meiner Frau und meinem besten Freund von der Krise zu erzählen. 

Meinem Sohn erzählte ich später davon. Ich war mir sicher, dass er damit umgehen konnte. Wir konnten uns schon immer gut austauschen und hatten nie Probleme damit, Nähe aufzubauen. Natürlich musste ich mich trotzdem überwinden. Weil ich ihm und mir dieses Problem eingestand, hatte ich das Gefühl, aus der veremeintlich gesellschaftlich vorgeschriebenen Vaterrolle zu entweichen. Ich glaube, dass mein Geständnis für meinen Sohn eine Überraschung war. Ich hatte den Eindruck, ihn grübelnd zurückzulassen.

Ich habe danach keine Rückmeldung oder Lösungsvorschläge erwartet – es war einfach schön, dass er mir zugehört hat und das ich mich mitteilen konnte. Das habe ich ihm später auch nochmal gesagt. Unsere Gespräche und der Austausch wurden danach intensiver.

Um aus der Phase herauszukommen, habe ich eine neue Stelle in meinem Betrieb angenommen. Außerdem spreche ich viel mit meiner Frau, meinem Sohn und Freunden, denen es ähnlich geht. Wenn man es zulässt, ist das Leben ein nicht endender Lernprozess. Das versuche ich mittlerweile zu akzeptieren."

Der Psychologe Uwe Waldmann hat sich in seiner Berliner Praxis auf Männertherapie spezialisiert und bereits mehr als 250 Männer behandelt. 

Wir haben ihn zur Midlife-Crisis befragt.

Wie sollte man sich als Kind verhalten, wenn der eigene Vater plötzlich psychische Probleme hat?

Das hängt davon ab, wie stark man selbst betroffen und wie das Verhältnis zu den Eltern ist. Ist man noch emotional an seine Eltern gebunden und fühlt sich durch die Probleme des Vaters selbst belastet, ist es ratsam, sich mit vertrauten Personen auszutauschen. Bei extremer Belastung kann es helfen, sich selbst professionelle Unterstützung zu suchen. Ansonsten ist es immer sinnvoll, das offene Gespräch mit dem Vater zu suchen und ihm die Möglichkeit für eine therapeutische Unterstützung zu zeigen.

Können die psychischen Probleme in der Lebensmitte vererbt werden?

Prinzipiell treten psychische Probleme immer nur unter Belastungen und Stress auf. Neben beruflichem Stress sind es besonders Veränderungen in Beziehungen und im Leben, die belastend wirken. Es kann sein, dass man durch ein Nacheifern des Vaters auch selbst später Probleme hat, sich in diesem Lebensabschnitt anzupassen. Allerdings können Söhne auch von den Schwierigkeiten der Väter lernen und diese so vermeiden.

Kann man der Midlife-Crisis vorbeugen?

Soziale Beziehungen sind der größte Resilienzfaktor, auch in Bezug auf eine Midlife-Crisis. Zudem kann es sinnvoll sein, immer wieder abzugleichen, ob das, was man macht, auch wirklich erfüllend und sinnstiftend ist. Wer dann noch darauf achtet, dass der Spaß durch Hobbys oder Sport nicht zu kurz kommt, sollte gut für eine solche Lebensveränderung vorbereitet sein.

Sie bieten spezielle Männertherapien an – warum? 

Ich habe vor ein paar Jahren festgestellt, dass Männer im Bereich der psychologischen Hilfe zu kurz kommen. Obwohl 75 Prozent aller Suizide von Männern begangen werden, machen sie nur 35 Prozent aller Therapie-Patientinnen und Patienten aus. Männer drücken zudem ihre Symptome anders aus und werden so von den Therapeutinnen und Therapeuten leider oft falsch interpretiert. Die Männertherapie nimmt auf die genderspezifischen Unterschiede Rücksicht. Der eher unverbindliche Rahmen der Männertherapie erinnert viele Männer an ein Gespräch mit einem guten Freund und hilft so, sich zu öffnen und Hilfe anzunehmen.

*Die Namen wurden geändert – die echten Namen sind der Redaktion bekannt.


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