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Wir fragen einen Kinder- und Jugendpsychiater.

Moritz hat seine Arbeitskollegin aus dem Team gemobbt. Jana erfuhr auf dem Abiball, dass sie jahrelang Mittäterin war – und mobbte, ohne es zu wissen. Paul hat jemanden dazu gebracht, die Schule zu verlassen.

In diesem Text erzählen drei Menschen, warum sie gemobbt haben. Ihre Geschichten zeigen: Es gibt keine typischen Mobber, sie alle erinnern und begründen ihr Verhalten unterschiedlich – aber keiner von ihnen kann es rückgängig machen. Was haben sie mit Kollegen oder Mitschülern gemacht?

Michael Schulte-Markwort erlebt es in seiner Arbeit häufig. Im Interview spricht der Kinder- und Jugendpsychiater über Gemobbte und gibt Tipps für die, die sich wehren wollen.

Was muss jemand machen, um zum Mobber zu werden?

Wenn jemand sich über einen längeren Zeitraum in unangemessener Weise lustig über einen anderen macht, dann ist er ein Mobber. Wenn er nachhaltig quält, erniedrigt, systematisch Grenzen überschreitet. Zum Beispiel am Arbeitsplatz oder an der Uni: Wer hier mobbt, der fängt vielleicht langsam an, wirft einem Mitarbeiter mal einen komischen Blick zu, tuschelt über ihn oder hört auf zu reden, wenn er dazu kommt.

Dann steigert sich das, der Mobber sagt vielleicht mal ganz konkret: "Auf dich habe ich heute keine Lust", oder "Was riecht denn hier so unangenehm?"

Michael Schulte-Markwort

  • ...leitet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.
  • ...und die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik des Altonaer Kinderkrankenhauses in Hamburg.
  • ...ist bekannt für seine Arbeiten zur Erschöpfungsdepression (Burn-out) bei Kindern und Jugendlichen.
  • ...schrieb mehrere Bücher, u.a. über Magersucht und Kinderängste.

Wieso sind Menschen so?

Leider ist Neid ein Urgefühl von uns Menschen. Es äußert und entwickelt sich zunächst ganz klassisch unter Geschwistern, oder, wenn es keine gibt, unter anderen Gleichaltrigen. Neid ist ein wichtiges und natürliches Gefühl, mit dem beziehungsfähige, friedfertige Menschen umgehen können. Doch es gibt auch die, die so neidisch sind, dass sie destruktiv werden, aggressiv. Und zum Beispiel anfangen, zu mobben.

Das heißt: Jeder, der mobbt, ist eigentlich nur neidisch?

Nein, Mobber haben häufig auch psychische oder soziale Schwierigkeiten. Was ihnen die Familie nicht bieten kann, suchen sie sich beispielsweise über eine Gruppe. In jeder Gruppe, egal ob in Klassen oder Sportvereinen, gibt es die sogenannten Alphas, also die Anführer. Es gibt Betas, die Mitläufer. Und es gibt einen Omega, also einen, der aus der Gruppe herausfällt, der Außenseiter. Jede Gruppe ist so aufgebaut.

Mobbing: "Jede Gruppe hat einen Anführer"(Bild: Unsplash / Alex Iby )

Können Omegas was dafür, Omegas zu sein?

Dass jemand Außenseiter ist, ist nicht nur auf die anderen in der Gruppe zurückzuführen. Es ist nicht nur die Gruppe, die den einen nach draußen schiebt – es ist auch der eine, der Außenseiter selbst, der sich als solcher präsentiert. Weil er womöglich auch jemand ist, der nicht beziehungsfähig ist, der sich in Gruppen nicht wohl fühlt oder anders ist als die anderen. Alle Menschen, die sich nicht integrieren können, sind natürlich gefährdet, Mobbing-Opfer zu werden. 

Gibt es das typische Mobbing-Opfer?

Nein. Jeder kann plötzlich in eine Gruppe geraten, von der er nicht freundlich aufgenommen wird. Am Arbeitsplatz kann das sogar extrem schnell passieren. Denn dort kommt es ja oft vor, dass sich Teams neu bilden oder dass jemand Neues zu einer bereits bestehenden Gruppierung hinzustößt. 

Ein Mobber quält nachhaltig, erniedrigt, überschreitet systematisch Grenzen
Michael Schulte-Markwort

Ein bis dahin völlig unaufälliger Mensch, der noch nie gemobbt wurde, kann in ein Team kommen, das sie oder ihn aus vielerlei Gründen nicht wollen könnte. Der oder die Neue bekommt keinen Kontakt zum Rest, und dann geht es los. Ein Team stabilisiert sich darüber, davon auszugehen, dass von einem Neuen etwas Böses ausgehen könnte: Während der eine fertig gemacht wird, wird der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe stärker.

Wenn ich von meinen Job- oder Uni-Kollegen gemobbt würde: Wie reagiere ich?

Ich bin der Meinung: Jede Grenzüberschreitung gehört gebrandmarkt. Wir leben in einem demokratischen und friedlichen Staat, der darauf angewiesen ist, dass wir uns untereinander auch so verhalten. Wenn dich jemand mobbt, solltest du das ansprechen. 

Und was, wenn ich mich das nicht traue? 

Ja, dazu gehört viel Selbstbewusstsein. Aber du solltest dich ja nicht vor die versammelte Gruppe stellen und sagen: "Könnt ihr bitte aufhören?" Und du solltest auch nicht direkt zum Chef gehen, sondern erst einmal versuchen, selbst zu de-eskalieren. Such dir Einzelne raus, in einem ruhigen Moment. Dann sag zum Beispiel: "Es war nicht in Ordnung, dass du mich gerade beleidigt hast." Oder, noch besser, weil du dann von dir selbst sprichst: "Ich möchte nicht, dass du mich beleidigst."   

Damit zeige ich aber auch, wie nah mir das Mobbing geht – und mache mich vielleicht noch angreifbarer.

In meiner Arbeit fällt mir häufig auf, dass sehr viele Menschen glauben: Wenn man etwas anspricht, wird alles nur noch schlimmer. Das Gegenteil ist richtig, zeigen meine Erfahrungen. Es wird besser. 

Und wie sage ich jemandem, dass er mich gerade beleidigt hat?(Bild: Unsplash)

Was passiert mit Menschen, die gemobbt wurden?

Häufig denken sie, dass es offenbar genügend gute Gründe gibt, schlecht behandelt zu werden. Sie meinen: "Wenn die anderen ständig fies zu mir sind, dann ist ja vielleicht wirklich etwas nicht mit mir in Ordnung." Und so entwickelt sich eine innere Gleichung, die das das Selbstwertgefühl immer kleiner werden lässt. 

Ich erlebe Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre so massiv gehänselt und ausgegrenzt worden sind, dass sie traumatisiert sind. Das kann soweit gehen, dass diese Menschen nicht mehr leben möchten.

Ich erlebe Menschen, die über viele Jahre so massiv ausgegrenzt worden sind, dass sie traumatisiert sind
Michael Schulte-Markwort

Und es zeigt, wie hoch die Verantwortung ist, die Gruppen haben – und ich bin oft erschrocken darüber, dass Lehrer und sicherlich auch Chefs viel zu wenig mitbekommen von dem, was in den eigenen Klassen und Teams los ist und wie sich die eigenen Leute fühlen. 

Wer mobbt schlimmer, Männer oder Frauen?

Wenn es um die direkte Verletzung geht: Männer. Körperverletzung ist nach wie vor ein Männerthema. Gewalt, Aggressivität, Destruktion: Damit verbinde ich Männer. Wir brauchen in Deutschland weniger Frauengefängnisse, Frauen fahren friedlicher Auto und haben bessere Versicherungsklassen als Männer. 

Frauen mobben anders, sie schlagen weniger zu, sind dafür aber auf andere Weise verletzend – und ob das schlimmer ist, muss wohl jeder für sich selbst beurteilen. Frauen mobben indirekter, sie beleidigen mit Worten und klügeln subtile Aktionen aus.

Brauchst du Hilfe?

  • Du wirst gemobbt, bist selbst Mobber oder brauchst Unterstützung bei einem Problem?
  • Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" erreichst du unter 0800 / 0116016. Hier erreichst du den Chat.
  • Auch die Telefonseelsorge kann helfen: 0800 / 1110111.
  • Hier findest du weitere Angebote in scheinbar ausweglosen Situationen.

Ist Mobbing im Internet verletzender, als wenn sich Menschen tatsächlich gegenüberstehen?

Auch das können wohl nur die Gemobbten selbst beurteilen. Das Internet hat die Eigenschaft, zu Fantasien zu verführen: Wird dort jemand gemobbt, kann er schnell das Gefühl bekommen, am Mobbing wären viel mehr Personen beteiligt, als das eigentlich der Fall ist. Wer online gemobbt wird, der fantasiert sich zusammen, wer davon mitbekommen könnte, wer mitliest, wie groß der Verteiler ist. Könnten ja theoretisch unendlich viele sein.

Dieser Gedanke führt dazu, dass im Internet Gemobbte schnell paranoid werden und das Gefühl haben: Alle gucken mich an, alle wissen Bescheid, für jeden ist einsehbar, was gerade mit mir passiert. Diese Fantasien verselbstständigen sich und machen eine Situation noch schlimmer als sie eigentlich ist.


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