Bild: Jonathan Andrew / Pexels

Mein Handy leuchtet auf, es ist die Nachricht einer Freundin: "Ich schaff es heute leider doch nicht. Lass uns das Treffen verschieben. Tut mir leid, dass das so kurzfristig ist." Was bei vielen erstmal die Pläne über den Haufen wirft, ist für mich oft eine Erleichterung. 

Abgesagte Verbredungen mit Freunden sind für mich kein Drama. Im Gegenteil: MeTime, Zeit mit mir selbst, ist mindestens genau so schön wie ein Treffen mit Freunden. 

Ich habe oft Streit in meinem Freundeskreis erlebt, weil der eine dem anderen spontan abgesagt hat. Egal, ob aus Krankheit, Stress oder akuter Unlust: Oft wirkt es wie ein Verrat an der Freundschaft, wenn jemand keine Zeit oder Energie für ein Treffen hat. Verletzter Stolz? Vielleicht. Viele wissen offenbar aber auch nicht, was sie allein anfangen sollen.

Dabei gibt es tausende Möglichkeiten: Anstatt des verabredeten Films – dem man nur zugesagt hat, weil der Freund oder die Freundin ihn unbedingt sehen will – kann man einfach seine Lieblingserie anschmeißen. Ganz oldschool ein Buch lesen. Kochen. Aufräumen. Schlafen. Sich um sich selbst kümmern.

"Self Care" ist der dazugehörige Trendbegriff: Allein auf Youtube findet man 650.000 Videos zu dem Thema. 

Bei den Influencern auf der Videoplattform besteht die "Ich-Zeit" oder "MeTime" oft aus Shoppen oder Restaurantbesuchen. Klar: Es ist ein bisschen ironisch, an so einem Tag eine Kamera auf sich zu richten und die Community auf dem Laufenden zu halten. Den Gedanken mit dem heilenden Alleinsein finde ich dennoch richtig und gut.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Statt nur ausfallende Termine für sich selbst zu nutzen, kann man auch feste Dates mit sich selbst ausmachen. Bis vor einigen Jahren habe ich genau das versucht: mir einen Tag pro Woche im Kalender freizuhalten. 

Ich habe mich bewusst mit niemandem an dem Tag getroffen. Meinen Freunden sagte ich, dass ich "ein Date mit mir selber habe." 

Dann habe ich alle Dinge getan, auf die ich Lust hatte: Baden, Spazieren gehen oder Lesen. Ich bin alleine ins Theater, Kino und auf Konzerte gegangen. Weniger sozial oder ein Einsiedler bin ich dadurch nicht geworden. Selbstständiger und weniger abhängig vom Urteil anderer schon. Denn ja, ich wurde gelegentlich schon irritiert beobachtet, wenn ich alleine in einem Café oder Restaurant saß. Damit umzugehen hat mich stärker gemacht. 

Für mich ist es sicherlich einfacher, ein paar Stunden oder einen ganzen Abend frei zu nehmen. Ich habe weder Kinder noch einen Ehepartner. Doch auch in solchen Beziehungen sollte – nein, muss – es möglich sein, ein wenig Me-Time zu haben.

Selbst Musik-Göttin und Mutter Beyoncé erklärt, dass man sich für Me-Time nicht schuldig fühlen sollte. Im Gegenteil, schließlich sei sie essentiell für die mentale Gesundheit. Eine Untersuchung der Universität Dresden bestätigt meine (und Beyoncés) Erfahrung: persönlicher Rückzug sei wichtig, um den Alltag besser bewältigen zu können. Die 491 befragten Studierenden litten unter weniger körperlichen und seelischen Problemen, wenn sie genug Zeit für sich hatten. 

Einige Bekannte haben trotzdem über mich gelacht, mich "Oma" genannt oder mir gesagt, dass ich selbst mein bester Freund sei. Selbst meine Eltern meinten, dass ich mal wieder mehr unter Leute kommen sollte. 

Viele verwechseln das Alleinsein mit Einsamkeit. Dabei beugt bewusstes Alleinsein der Einsamkeit vor. 

Es hat mir immer geholfen in mich reinzuhören um zu verstehen, wie es mir geht. Eine Verbindung herzustellen, die im hektischen und fremdbestimmten Alltag viel zu oft verloren geht. Dadurch erkenne ich meine Bedürfnisse besser. Das macht es auch einfacher, sie anderen Menschen zu kommunizieren. 

Auch, wenn ich gerne Zeit allein verbringe, bedeutet das im Übrigen nicht, dass ich meine Freunde weniger gern habe. Ganz im Gegenteil: Ich kann die Zeit mit ihnen viel mehr wertschätzen. Wenn meine Freundin das abgesagte Date also nachholen möchte, verabrede ich mich gern mit ihr – solange ich an dem Abend nicht eine Verabredung mit mir selbst im Kalender stehen habe. 


Fühlen

Ich habe meinen Lehrer geheiratet – na und?
Folge 3 unserer Serie: Dorfliebe

Beim Abiball funkt es. Es ist Sommer, und die Abiturientinnen und Abiturienten eines Gymnasiums in Schleswig-Holstein feiern das lang erwarte Ende der Schulzeit. Jetzt noch einmal gemeinsam trinken und alles hinter sich lassen.

Unter den Gästen sind auch die Abiturientin Leonie* und ihr Lehrer Jörg*. Sie kennen sich seit drei Jahren und kommen ins Gespräch – wie eigentlich täglich. Zunächst reden sie über Leonies anstehendes Studium. Sie möchte auf Lehramt studieren, so wie Jörg es getan hat. Schnell schweifen sie jedoch vom Thema ab und reden über alles andere, nur nicht über die Uni.