Maren erzählt, was ihre Subkultur für sie bedeutet.

Hände, die zum Pommesgabel-Gruß in die Luft gereckt sind, rotierende Köpfe, lange Haare und ballernde Soundwände. Das ist Metal. Aus der Subkultur, die in den Siebzigerjahren aus Blues- und Hard Rock entstanden ist, ist eine weltweite Bewegung geworden, von der es unzählige Abspaltungen wie "Thrash Metal", "Hair Metal", "Mittelalter-Metal" und sogar "Dinosaurier-Metal" für Kinder gibt.

Ich war einmal...

Hippies, Punks, Popper oder Emos: Jede Generation hat ihre Subkulturen, manche halten sich auch über Generationen hinweg. Und jede Subkultur hat ihre eigenen Werte, Codes und Kleidungsstile. Manchmal ist die Zugehörigkeit nur eine Phase, andere bleiben ihrer Subkultur ein Leben lang treu.

In dieser Reihe reden wir mit jungen Menschen, die Teile ihres Lebens einer solchen Bewegung gewidmet haben und schauen: Haben sie der Subkultur abgeschworen – oder sind sie heute immer noch dabei? War es für sie nur ein Trend – oder doch eine Lebenseinstellung?

Maren Maxeiner, 30, begleitet Metal schon ihr halbes Leben. Hier erzählt sie, warum.

bento: Was bedeutet es für dich, ein Metalhead zu sein?

Maren: Ich bin Konzert- und Festival-süchtig! Vor Corona war ich im Jahr auf 20 Konzerten und acht bis zwölf Festivals. Im Sommer sind normalerweise alle Wochenenden verplant, fast alle Urlaubstage gehen für Festivals drauf. Dort fühle ich mich zu Hause: Diese grölenden Leute mit Bier in der Hand in ihren Stühlen am Wegesrand auf dem Campingplatz, der Dreck, das Festivalgelände und die unzähligen Konzerte. Das ist meine Welt.

bento: Zelte, Regen und Matsch klingen für viele Menschen wahrscheinlich nach dem Gegenteil von Zuhause.

Maren: Vielleicht ist das genau der Punkt. Alle, die auf dem Festival im Regen frieren, wissen: Wir machen das gemeinsam! Und wir können sein, wer wir wollen. Unter den Besuchern sind Beamte, Ärzte, Juristen – aber das interessiert niemanden und man spricht auch nicht darüber. Wenn man sich sonst kennenlernt, ist häufig die erste Frage: Was machst du beruflich? Auf Festivals fragt man nach der Lieblingsband. Man beginnt zu fachsimpeln und ist sofort auf einer viel höheren Ebene verbunden.

bento: Was war dein erster Berührungspunkt mit Metal?

Maren: Lange war Metal für mich auch nur komisches Geschrei. Mit 14 habe ich noch Boybands und Schmusesänger gehört. Zu Hause lief Radio und ich hatte niemanden, der mich mit einer Classic-Rock-Plattensammlung beeinflusst hätte. Aber 2007 war ich das erste Mal bei "Rock im Park". Der Auftritt von Linkin Park hat mich umgehauen. Deren Mischung aus Melodischem und Breakdowns ist unvergleichlich. Etwa im Song "In The End" bei der Stelle "I've put my trust in you" – da bricht alles los!

bento: Manch einer würde jetzt sagen: Linkin Park ist doch kein Metal.

Maren: Ich weiß. Aber die waren damals für mich die perfekte Einstiegsband: melodischer Nu Metal mit HipHop-Einflüssen.

Danach wurde ich süchtig nach Entdeckungen. Schnell landete ich bei In Flames, Killswitch Engage oder Parkway Drive, die noch heute meine Lieblingsbands sind. Metalcore ist mein liebstes Subgenre.

Von S.Oliver zu Slipknot: Links Maren mit 17 auf ihrem ersten Festival, rechts Maren heute.

(Bild: Privat)

bento: Und nach "Rock im Park" wurdest du zur fanatischen Konzertgängerin?

Maren: Ja, ich habe da genaue Aufzeichnungen: 2008 waren es noch fünf, 2013 schon 15, 2017 25 – und 2018 war ich auf 40 Konzerten. Und echt wahr: 2018 und 2019 war ich auf jeweils zehn Festivals. Insgesamt sind das ca. 220 Konzerte in meinem Leben. Anfangs hatte ich noch richtig Angst vor Moshpits, Pogo, Headbangen und Crowdsurfen. Aber dann habe ich schnell begriffen, dass weder Musik noch Community aggressiv sind. Das ist bloß ein Klischee. Irgendwann fühlte ich mich richtig wohl im Moshpit. Obwohl es so wild ist, achtet man aufeinander und hilft auf, wenn jemand hingefallen ist.

bento: Als Frau im Moshpit nimmt man sicherlich eine Sonderrolle ein, oder?

Maren: Ja, auch allgemein auf Metalkonzerten. Ich schätze, da gibt es ein Verhältnis von 30 Prozent Frauen zu 70 Prozent Männern. Das soll jetzt nicht eingebildet klingen, aber im Moshpit sind die Typen oft hin und weg. Aber mich interessiert das in dem Moment gar nicht. Ich bin da wegen der Musik. 

bento: Und dir ist da noch nie etwas Unangenehmes passiert?

Maren: Nein. Beim Crowdsurfen passen alle ganz besonders auf, angegrapscht wurde ich auch noch nie. Du wirst buchstäblich auf Händen getragen.

bento: Gibt es sonst etwas, dass du an der Metal-Szene kritisch findest?

Maren: Ich muss mir manchmal Kommentare zu meinen Lieblingsbands anhören. Jeder hat in dieser Szene eine Meinung zu allem.

bento: Du hast deine Metal-Liebe in deinem Leben ja noch auf professionelle Ebene gehoben und zweieinhalb Jahre als Marketing-Managerin für das "Wacken Open Air", dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt, gearbeitet. Wie kam es dazu?

Maren: Früher habe ich ganz klassisch in einer Werbeagentur gearbeitet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich etwas besser vermarkten kann, wenn ich auch innerlich dafür brenne. Ich habe meinen Job in der Agentur gekündigt und eine Weiterbildung und ein Praktikum im Musikbereich absolviert. Tja, und dann war irgendwann diese Marketing-Stelle beim Wacken Open Air ausgeschrieben.

Beruflich hat es mich nun aber wieder woanders hin verschlagen: Ich bin jetzt bei einem Majorlabel. Dort kuratiere und vermarkte ich Playlisten und betreue Video-Formate wie "Metal Yoga".

Headbang? Sitzt.

(Bild: Privat)

bento: Metal bestimmt also dein Leben, privat und auch beruflich. Meinst du, dass dir die Szene irgendwann zu wild ist – oder tanzt du auch noch mit 60 im Moshpit?

Maren: Bestimmt werde ich – je älter ich werde – immer weniger weggehen. Aber die Glücksgefühle, die ich bei einem Live-Konzert verspüre, möchte ich auch im Alter nicht missen. Das ist wie eine Sucht.

Für viele sind Festivals und Konzerte ja auch der Ausbruch aus dem Alltag und ein "Sich-wieder-jung-fühlen". Wahrscheinlich werde ich mit 60 nicht mehr alles im Moshpit geben, aber auf Konzerte gehe ich weiterhin. Das Gute an der Metal-Szene ist ja auch, dass es Angebote für die ältere Zielgruppe gibt: Kreuzfahrten oder Mallorca-Urlaub mit Konzerten. Ich hoffe ja auch noch auf ein Metal-Altersheim!

bento: Metal scheint eine Subkultur zu sein, die kein Alter kennt. Woran liegt das?

Maren: Ja, Metal bleibt ein Leben lang. Eine richtige Erklärung habe ich auch nicht dafür. Vielleicht, weil Heavy Metal ein Lifestyle und keine Jugendsünde ist. Man lebt für diese Musik und identifiziert sich mit dieser Gruppe aus "schrulligen" Leuten. Viele Bandmitglieder sind ja auch nicht mehr die jüngsten – die leben diesen Lifestyle vor. Manch einer würde sogar am liebsten auf der Bühne sterben.

bento: Was würdest du sagen, wie hat Metal dein Leben beeinflusst?

Maren: Man wird akzeptiert, egal wer man ist oder wo man herkommt. Und auch wenn man nicht sofort auf dieselben Lieblingsbands kommt, findet man am Ende doch immer einen gemeinsamen Nenner. Ich habe auf Festivals viele Freundschaften fürs Leben geschlossen. Auch mit ehemaligen Wacken-Kollegen treffe ich mich weiterhin. Diese Menschen bleiben mir für immer erhalten, da bin ich mir sicher.


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