Unsere Autorin Lucie findet: Der Zyklus geht uns alle an.

Frauen, die menstruieren, galten lange als schmutzig. Früher war man sogar der Überzeugung, dass Lebensmittel in ihrer Anwesenheit schneller verderben. 

Ganz so wild sind die Mythen über die Periode heute zum Glück nicht mehr. Aber trotzdem herrscht unter all jenen, die selbst nicht betroffen sind, noch jede Menge Unwissen. Denn meistens tauschen sich Frauen mit anderen Frauen aus, wenn sie mal wieder Bauchschmerzen oder andere Regelbeschwerden haben. Und sollen Männer ihrer Freundin mal Tampons kaufen, legen viele die Packung doch etwas verschämt aufs Kassenband.

Unsere Autorin Lucie findet: Menstruation ist auch Männersache. Warum sich alle Geschlechter für den Zyklus interessieren sollten, erzählt sie im Video.


Gerechtigkeit

Die Glaubens-Ratio: Wenn junge Muslime daten

Als Yagmur, 28, neulich auf einem Date war, fragte der Mann, ob ihr Vater wüsste, dass sie hier sei. Auf einem anderen Treffen einige Monate zuvor machte ihr Date schnell unmissverständlich klar, dass er nicht vorhabe, sie bald zu heiraten. Was Männer sie auch gern fragen: Ob sie als unverheiratete Frau tatsächlich noch Jungfrau sei, wie der Islam es vorgebe. 

Solche Gespräche führt Yagmur* bei fast jedem Date. Sie nennt es "gemuslimt" werden. "Leute schauen mich an und glauben zu wissen, wer ich bin." Sie glauben zu wissen, was ihr wichtig ist, was sie von einer Beziehung möchte, was sie ablehnt. 

Yagmur arbeitet in einer Nichtregierungsorganisation in Berlin, sie hat lange, dunkelbraune Haare, in den Längen und Spitzen blond gefärbt, die Lippen rot geschminkt. 

Die Glaubens-Ratio

"Wenn Muslime daten, tänzeln wir eigentlich immer um die Frage herum, wie religiös jemand ist – und wie er oder sie praktiziert", sagt sie. Sie selbst trägt kein Kopftuch und betet nicht fünf mal am Tag. Sie trinkt keinen Alkohol, geht nicht in Diskotheken, will ihr erstes Mal mit ihrem Ehemann erleben. Sie möchte einen Mann finden, der ähnliche Wertvorstellungen hat wie sie. 

Menschen suchen ihre Partner nach allen möglichen Kriterien aus: Musikgeschmack, Humor, Körper, Schlafrhythmus, Ernährungsgewohnheiten, um nur wenige zu nennen. Weil man aus all dem ein Lebensgefühl ableitet, sich ähnliche Werte und Prioritätensetzung erhofft, eine Einheit, ein Team zu sein. Bei gläubigen Muslimen ist einer dieser Indikatoren häufig die "Glaubens-Ratio", wie Yagmur es nennt. Etwas, woran man sich orientieren kann. "Früher haben Eltern für ihre Kinder die passenden Partner ausgesucht. Heute müssen wir das selbst machen", sagt Yagmur.

Was auf den ersten Blick wie ein Wandel zwischen den Generationen aussieht, eine neue Art der muslimischen Partnersuche, ist ein neues Phänomen, sagt Ghandour. Er ist Theologe, Autor des Buches "Liebe, Sex und Allah" und klärt auf Instagram junge Muslime in Liebesdingen auf. Denn sie gehören zu einer Minderheit: Aufgewachsen in einer säkularen Gesellschaft, umgeben von anderen Wertvorstellungen als Eltern und Religion es womöglich vermittelt haben.

Eine neue Generation islamisches Dating

Junge deutsche Muslime die daten, gibt es noch nicht all zu lange, in den meisten Fällen gehören sie zur ersten, maximal zur zweiten Generation von Muslimen, die in Deutschland überhaupt datet. "Die Eltern der heute jungen Generation kam erst zwischen den Siebzigern und Neunzigern als Gastarbeiter nach Deutschland," sagt Ali Ghandour. Das bringt Konflikte mit sich. Yagmur nennt es den "Ballast der postmigrantischen Muslime". 

Die komplizierte Suche nach dem geeigneten gläubigen Partner für den Rest des Lebens hat mittlerweile unzählige Datingapps auf den Markt gebracht. Als Marktführer gilt "Muzmatch". Seit 2011 haben sich laut Unternehmensangaben mehr als zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzer registriert, mehr als 45.000 Ehen habe man schon ermöglicht. Konkurrent "Minder" kommt auf etwa eine Millionen Nutzende – und behauptet, mehr als 100.000 Matches ermöglicht zu haben.

"Muzmatch" und "Minder" funktionieren wie Tinder mit Profilfotos und Swipes, andere schlüsseln sich nur nach islamischer Konfession und Herkunftssprache auf. Eher konservative Apps wie "Nikah Destiny" erlauben nur die Suche nach "Bräutigam" und "Braut", liberale Plattformen wie "Muslim Vows" erlauben Suchen wie "Frau sucht Mann" oder sogar "Mann sucht Mann". Was aber fast alle Portale gemein haben: ein "Religiositätsbarometer", mit dem man sein Profil etwa von "sehr liberal" bis "ständig am Beten" verorten kann.

Die erst im Dezember gelaunchte App "NIM" treibt die Islam-Regeln gar auf die Spitze: Wer sich anmeldet, darf sich seine Partner nicht selbst aussuchen, stattdessen übernehmen ein Algorithmus und "Religionsexperten" das Matchmaking. In einem zweiten Schritt kann man Freunde und Familie auf die Auswahl schauen lassen, in der Scharia-Version liest zudem ein Sittenwächter bei den Chats mit. "Wir glauben an maßgeschneidere Matches, kein sinnloses Geswipe", wirbt die App für sich.