Bild: ryan melaugh / CC BY

"Ich bin ein erwachsenes Kind aus einer alkoholkranken Familie.“ Seit drei Jahren sage ich jetzt diesen Satz, immer dann wenn ich in meiner Selbsthilfegruppe sitze.

Heute weiß ich, dass ich mich nicht schämen brauche, das Kind eines Alkoholikers zu sein.

Früher dachte ich immer, Alkoholiker gebe es nur in bildungsfernen Familien, so würde es wohl politisch korrekt heißen. Wer erfährt, dass mein Vater trinkt, befürchtete ich, hält meine Familie für asozial. Der denkt an einen Vater mit Flasche in der Hand, einen, der rumbrüllt und handgreiflich wird – so wie im Fernsehen. Bis vor drei Jahren wussten deswegen nur ein paar Freunde davon.

23 Jahre lang habe ich nicht verstanden, was die Alkoholsucht meines Vaters bedeutet, für ihn und für unsere Familie. Hätte ich als Teenager wenigstens gewusst, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die die ganze Familie betrifft, dann hätte ich heute sicherlich weniger Minderwertigkeitskomplexe und mehr Selbstwertgefühl.

Wir litten alle psychisch unter dem Trinkverhalten meines Vaters.

Meine Eltern stritten. Ich stand neben ihnen und verstand nicht, wieso meine Mutter so schimpfte. Das hatte ich so noch nicht erlebt. Was denn los sei, fragte ich meine Mutter. "Dein Vater hat getrunken! Das ist los!“, sagte sie.

Fünf oder sechs Jahre alt dürfte ich damals gewesen sein. Ich hörte diesen Satz zum ersten Mal und ahnte nicht, was er bedeutet. Doch wenn meine Mutter sich so ärgert, muss es etwas sehr Schlimmes sein, dachte ich.

Ich erinnere mich gern an meine Kindheit mit meinem Vater. Ich liebte ihn über alles, war das absolute Papakind. Dieser Mann, den meine Mutter plötzlich wie einen Schwerverbrecher behandelte, verbrachte mit mir Stunden im Schwimmbad und auf dem Tennisplatz.

Alkoholsucht

In Deutschland sind bis zu 1,8 Millionen Menschen alkoholabhängig. Das geht aus einer regelmäßig durchgeführten, staatlich geförderten Studie hervor, dem Epidemiologischen Suchtsurvey. Die letzten Zahlen sind allerdings aus dem Jahr 2012. Demnach trinken 7,4 Millionen Menschen mehr Alkohol, als gut für sie ist. Die Bundesregierung geht davon aus, dass 1,3 Millionen Menschen alkoholabhängig sind. Grundlage dafür ist eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland von 2013.

Von meiner Mutter kann ich das nicht behaupten. Die meiste Zeit war sie gereizt und genervt. An Spiele und Unternehmungen mit ihr habe ich keinerlei Erinnerungen. Selbst zum Mutter-Kind-Turnen schickte sie meine sechs Jahre ältere Schwester. Heute glaube ich, dass sie die ganze Situation überforderte.

An die Jahre zwischen 6 und 13 erinnere ich mich nur sehr bruchstückhaft. Immer wieder stritten meine Eltern heftig. Mal wollte der eine, mal der andere ausziehen. Dann kam doch immer alles anders.

In manchen Nächten, wenn mein Vater getrunken hatte, setzte meine Mutter meine Schwestern und mich ins Auto und fuhr ziellos durch die Nacht. Manchmal schliefen wir bei einer ihrer Freundinnen.

Meine älteste Schwester begann in ihrer Pubertät gegen meinen Vater zu rebellieren. Sie hasste ihn. Und als sie es nicht mehr aushielt, zog sie für mehrere Monate aus. Wie in einem kitschigen Hollywoodstreifen stand ich auf der Straße und winkte ihr fassungslos hinterher. Da dürfte ich sieben Jahre alt gewesen sein.

Ein paar Jahre trank mein Vater nicht. Ein Kollege hatte angerufen, er würde meinen Vater melden. Danach musste er eine Therapie machen.

Ständig empfand ich Wut, Groll und Hass.

Mit ungefähr 15 Jahren erzählte mir meine Mutter, dass sie diesem Kollegen sehr dankbar gewesen sei. Gleichzeitig betonte sie, mein Vater habe nur aus Angst vor der Arbeitslosigkeit aufgehört zu trinken. Nicht wegen seiner Frau und seiner drei Töchter.

Damit hatte meine Mutter den Grundstein meines Minderwertigkeitsgefühls gelegt: Mein Vater hat mich nicht genug geliebt. Sonst hätte er doch auch wegen mir aufgehört zu trinken. Oder?

Als ich 14 Jahre alt war, wurde mein Vater rückfällig. Meine Schwestern waren inzwischen ausgezogen. Meine Mutter fühlte sich mit Absicht verletzt. Er war der Täter, sie das Opfer.

Für mich klang das plötzlich plausibel. Schließlich litten wir tatsächlich alle psychisch unter dem Trinkverhalten meines Vaters. Von jetzt an hielt ich zu meiner Mutter, meinen Vater erklärte ich zum Feind. Irgendwann hasste ich ihn sogar und hörte auf, mit ihm zu reden. Ich wollte, ihn meine Abneigung spüren lassen, bei jeder Gelegenheit.

Zuhause war ich nie entspannt. Ständig empfand ich Wut, Groll und Hass. Dabei musste ich meinem Vater noch nicht einmal beim Trinken zusehen. Er trank nur heimlich, rührte vor uns nie einen Tropfen an. Er leugnete, dass er rückfällig geworden war, ja sogar, dass er Alkoholiker ist. Bis heute.

Umso angespannter wurde ich dafür wenn es auf den Abend zuging. Ständig fragte ich mich: Wann kommt er von der Arbeit nach Hause? Kommt er überhaupt nach Hause? Wenn ja, in welchem Zustand? Lässt sich raushören, ob er getrunken hat? Und: Wie kann ich meiner Mutter helfen? Kann sie ihn verlassen? Wenn ja: Wie könnte das finanziell möglich sein?

Mein Vater brauchte nicht viel, damit man ihm den Alkohol anmerkte. Schon ein Bier reichte aus, damit seine Aussprache verwusch oder er sich leicht über etwas, das er im Fernsehen sah, aufregte. Ich mochte ihn so nicht. Der ganze Abend war dadurch unberechenbar. Wenn keiner meiner Eltern austickte, war ich schon zufrieden.

Viele Male habe ich überlegt, die Polizei zu rufen, als mein Vater betrunken ins Auto stieg. Wenn er keinen Führerschein mehr haben würde, wird er schon merken, dass sich etwas ändern muss, dachte ich.

Dann wiederum versuchte ich, meinem Vater gut zu zureden. Er würde doch sicher aufhören, wenn er versteht, wie sehr mich seine Trinkerei verletzt und zermürbt. Er wird meine Gefühle doch nicht ignorieren können, oder? Einmal schaffte ich es, ihn zu einer Therapie zu überreden. Nach ein paar Wochen brach er ab.

Alkohol war mein Konkurrent.

Ich war enttäuscht. Für mich war das der endgültige Beweis, dass ich ihm nichts wert sein konnte, dass es ihm egal war, ob wir ein gutes oder schlechtes Verhältnis zueinander hatten.

Mit 19 Jahren zog ich aus. Aber selbst dann dachte ich ständig an meine Eltern. Wenn meine Mutter am Telefon traurig klang, schlussfolgerte ich, dass mein Vater am Vortag betrunken nach Hause gekommen sein muss.

Vor rund drei Jahren begann ich, meine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Sozialpädagogin, Psychotherapeutin und Selbsthilfegruppe. Ich wollte endlich freier und glücklicher werden, suchte mir also Hilfe.

In den Therapien begriff ich nach und nach, dass Alkohol nicht mein Konkurrent war. Dass ein Alkoholiker sich nicht rational für oder gegen das Trinken entscheidet, dass er nicht abwägt, was ihm wichtiger ist. Der Alkoholiker leidet an einer Krankheit.

Durch die Therapien begann ich zu verstehen, was zuhause alles schief gelaufen war: Dass mich meine Mutter manipuliert hatte, damit ich zu ihr hielt. Dass sie nur behauptete, meinen Vater verlassen zu wollen, dass sie nicht zugeben konnte, dass sie ihn liebte und co-abhängig war.

Co-Abhängigkeit

Partner, Kinder und Kollegen können ebenfalls von einer Alkoholsucht betroffen sein, wenn sie darunter leiden oder eine Sucht über längere Zeit unterstützen und versuchenm die negativen Folgen zu überspielen. Man spricht in diesen Fällen von einer Co-Abhängigkeit. Bei Kindern mit alkoholkrankem Elternteil steigt das Risiko, später selbst ein Alkoholproblem zu entwickeln.

Ich realisierte, dass weder ich noch sonst jemand meinen Vater zur Abstinenz hätte bewegen können. Ich war und bin Alkohol gegenüber machtlos. Ich habe mich all die Jahre umsonst angestrengt.

Diese Erkenntnis war die wohl schmerzlichste aber zugleich wichtigste auf dem Weg meiner Genesung: Ich weiß jetzt, dass ich mich in das Leben meiner Eltern nicht mehr einzumischen brauche, dass jetzt mein eigenes Leben dran ist.

Ich kann meine Eltern heute akzeptieren und lieben wie sie sind: meinen Vater als nassen Alkoholiker, meine Mutter als Co-Abhängige. Meine Wut, mein Groll und mein Hass haben Verständnis und Vergebung Platz gemacht.

Hilfe bei Alkoholproblemen

Erster Ansprechpartner kann der Hausarzt sein. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Infoseite eingerichtet. Hier ist eine Datenbank mit Adressen von Selbsthilfegruppen.

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