Unsere Sexkolumnistin über Erotik im Alltag

Im Winter vor ein paar Jahren: Ich war 22, ich war in einer Beziehung, ich hatte wenig Lust auf Sex. Und wusste nicht, warum. Der Sex mit meinem damaligen Freund war wirklich gut. Trotzdem fühlte ich mich nicht motiviert, wenn er sich vor dem Einschlafen an mich kuschelte und begann, mich zu streicheln.

Wir waren im Unistress, und wenn wir abends Pizza und Lebkuchen aßen und unsere Weihnachtswampen in Jogginghosen verstauten, war das sehr gemütlich.

Dass es auf Dauer auch unsexy war, verstand ich erst, als wir es änderten.

"Wir sollten mal wieder ausgehen", stellten wir fest; einige Tage später erzählte er mir, dass er für uns reserviert hatte. Wir zogen uns gut an, liefen durch den Schnee und aßen schließlich in einem feinen Sushi-Restaurant.

Während er geschickt mit den Stäbchen hantierte, sah er so sexy aus wie lange nicht mehr. Doch das Beste war das Dessert. "Heute möchte ich mit all deinen Sinnen spielen", sagte er, als wir wieder zuhause waren.

Wer ist Livia?

Livia Augustin, Mitte 20. Kaffee, Wein und Worte sind ihr Elixier. In der bento-Sexkolumne resümiert sie Schlüsselmomente, durch die sie lernte, was sie (nicht) will – im Bett und im Leben.

Er verband mir die Augen, legte sich neben mich und flüsterte in mein Ohr, was er mit mir vorhatte. Dann nahm er etwas, ließ mich daran schnuppern – ich machte eine tropische Frucht aus - und träufelte mir den Saft der Frucht auf die Zunge. Zwischendurch leichte Berührungen. Ich spüre sie noch heute, so intensiv war es.

Und obwohl auch der anschließende Sex schön war, kann ich mich hauptsächlich an dieses unfassbar sinnliche Vorspiel erinnern.

"Mit allen Sinnen", diese Idee hat sich mir seitdem eingebrannt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mein Gehirn mehr Stimulation braucht als meine Geschlechtsorgane. Ich muss nicht unbedingt regelmäßig Sex haben, aber eine Welt ohne Erotik kann ich mir nicht vorstellen. Auch nicht (oder vor allem nicht?) als Single. Denn meine Sinnlichkeit hängt nicht von Partnerinnen oder Partnern ab.

Nach und nach habe ich ein kleines erotisches Universum für mich geschaffen. Man könnte es auch nennen: "Alles außer Sex".

Alltag

Ein gutes Glas Wein in einer schummrigen Bar bestellen, sich alleine in eine Ecke setzen und die Gäste beobachten. Ein Kleidungsstück aus edlem Stoff tragen und fühlen, wie es die Haut streichelt. Langsam den Löffel in ein Dessert tauchen, die schaumige Konsistenz auf der Zunge fühlen und den Geruch von Zimt und Muskatnuss einatmen.

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Literatur

Ich liebe Sprache, schöne Wortgefüge sind das Elixier meiner Fantasie. Bevor ich erstmals einen Porno schaute, hatte ich einige Bände erotischer Literatur verschlungen, fernab von "50 Shades of Grey" – denn da gefällt mir weder Sprachstil noch Handlung. Mit starken Frauenfiguren, die ihre Sexualität selbstbewusst leben, kann ich mich besser identifizieren.

Mit 15 las ich "Salz auf unserer Haut", und auch wenn die Handlung aus heutiger Sicht recht harmlos ist, fand ich die Geschichte der gebildeten George und des bretonischen Fischers Gauvain faszinierend.

Jahre später stieß ich auf das Buch "Honigkuss" von Salwa Al-Neimi, eine syrische Autorin, die in Paris lebt. Es erzählt von den sinnlichen Entdeckungen einer jungen Frau, die zu arabischer Literatur forscht – und manches in die Praxis umsetzt.

Auf eine deftigere Art sexy sind die Texte von Sophie Andresky, eine deutsche Autorin zahlreicher Kurzgeschichtenbände und Romane.

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Filme

Ich bin eher verbal als visuell erregbar, doch manchmal will ich auch einfach Menschen beim Vögeln sehen. Blöd nur, dass die meisten konventionellen Pornos mich wenig anmachen. Was für eine Offenbarung war es deshalb, als ich das Werk von feministischen Porno-Regisseurinnen, zum Beispiel von Petra Joy und Erika Lust, entdeckte! (bento)

Meist gibt es einen kleinen Handlungsrahmen; die Darsteller sind keine eingeölten Muskelprotze, sondern eher Typ "die Heißesten des Campus"; sie rammeln nicht lieblos durchs Programm, sondern tun Dinge miteinander, die allen Beteiligten Spaß zu bringen scheinen.

Was das mit Feminismus zu tun hat? Da sind sich auch die Regisseurinnen nicht ganz einig. Gemein ist ihnen, dass faire Arbeitsbedingungen herrschen und weibliche Lust im Fokus steht.

Alle Kolumnen von Livia im Überblick:

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Die Unterschiede:

  • Manche Regisseurinnen arbeiten grundsätzlich mit Kondomen,
  • andere lassen die Darstellerinnen und Darsteller individuell entscheiden.
  • Was die gezeigten Praktiken betrifft: Petra Joy beispielsweise schließt manche Dinge kategorisch aus, die "von vielen Frauen als degradierend empfunden werden", wie Ejakulation ins Gesicht.
  • Erika Lust sieht das anders. Für sie kommt es auf den Willen der Darstellerinnen an: Wenn diese Lust an Unterwerfung haben, geht es in Ordnung.

Dieser Meinung schließe ich mich an. Denn Feminismus und submissive Praktiken sind für mich kein Widerspruch – auch nicht privat.


Grün

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