Miet-Marie

Das Marie-Kondo-Rezept ist einfach: Schränke ausräumen, aussortieren, glücklich werden. Seit die Sendung der japanischen Aufräumexpertin auf Netflix läuft, ist der Hashtag #aufräumen auf Instagram explodiert.

Vier Bücher, eine Fernsehsendung und eine kurzlebige Pappboxkollektion (drei Schachteln 89,-€) sind der sichtbare Teil des Marie-Kondo-Imperiums. Und dann gibt es noch einen weniger bekannten Geschäftszweig: Die KonMari-"Consultants".

Wer sie bucht, bekommt Hausbesuch – genau wie auf Netflix. Nur nicht von Marie Kondo, sondern von einem ihrer "zertifizierten Consultants".

215 Trainer soll es laut konmari.com weltweit geben. In Deutschland sind es nur vier: Eine von ihnen ist Anika, 31, aus Berlin.

Deinen Kleiderschrank entrümpelt sie in fünf Stunden – das kostet allerdings 290,– €. Anika ist ein Level "Grün"- Consultant. Das ist ungefähr wie bei Kampfsportarten:  

Die Consultants können verschiedene Ränge erreichen, Grün, Bronze, Silber, Gold, Platin, das ist das System. Wer 500 Sitzungen (etwa 2500 Stunden) aufräumen mit 50 Kunden hinter sich hat, darf sich "Master" nennen.

Es ist morgens um zehn in Moabit, dem rauen Teil von Berlin Mitte. Um zu Anikas Wohnung zu kommen, geht man an Dönerbuden und Handyshops vorbei und klingelt an der Tür einer unsanierten Altbaufassade.

Dahinter ist es rosa. Rosa Kissen, rosa Kerzen, rosa Sektgläser. Sogar Anikas Haare sind rosa.

"Stört dich die Musik? Ich mag die so gern, ist so energetisch", sagt sie und stellt rosa Tee und rosa Donuts auf den Tisch. Es ist blitzsauber und seltsam leer – natürlich. Trotzdem ist es überraschend, wie leblos die Konmari-Perfektion wirkt: ohne herumliegende Pullis, Teetassen, Zeitschriften, ohne die kleinen Hinweise auf ungeordnetes Leben.

Wie kam Anika zu Konmari?

Das erste Marie-Kondo-Buch bekam Anika 2016 zu Weihnachten, von ihrem Bruder. Da ist der Hype in den USA schon in vollem Gange. "To Kondo" hat sich als Verb durchgesetzt und die Gründerin wurde vom Time-Magazin unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt.

"Klingt nach dir", habe der Bruder gesagt. Denn Anika war immer unstet: Seit dem Tod des Vaters, als sie 14 war, ist sie zwanzig Mal umgezogen. Eine Weile hat sie nur aus zwei Koffern gelebt: einem für den Sommer, einem für den Winter, der bei ihrer Oma in Erfurt wartete. 

Das ist ja auch unsere Generation: bereit sein, umzuziehen. Offen sein, was kommt.

Anika liest das Buch nicht. Sie blättert mal hier und da rein. Liest den Buchrücken, dann ein paar Kapitel. Währenddessen arbeitet sie weiter in der Personalabteilung eines Veranstalters für Escape Games. An schlechten Tagen muss sie Lohnabrechnungen, Verträge, Anstellungen, Kündigungen machen. An guten darf sie vor einem Bildschirm sitzen und die Gruppen beobachten.

"Ich hab gemerkt, der Job erfüllt mich nicht."

Anika fehlt etwas. Und sie weiß auch, was. Sie sagt es immer wieder: Glück, Glück, Glück.

Das Buch von Marie Kondo verspricht genau das. Glück durch Aufräumen. Kapitel für Kapitel liest sie nun doch. Und fängt nebenbei an, ihre WG aufzuräumen. Ihr Zimmer. Die Küche. Was im Bad ihr gehört. Sie liest das zweite Buch. Klickt auf die Konmari-Webseite und stellt fest: sie hat schon drei Schritte auf dem Weg zur Trainerin absolviert.

Vielleicht stellt sich nach Schritt sieben das Glück ein?

Die Schritte:

  1. Beide Bücher lesen.
  2. Aufräumen und Fotos der Wohnung an die Firma schicken, "zur Verifizierung"
  3. Einen der zweitägigen Kurse besuchen. Die nächsten in London (2400 Dollar) und New York (2200 Dollar) sind ausverkauft.
  4. Der Community und der Facebookgruppe beitreten.
  5. Zwei Aufräumberichte über 30 Stunden "KonMari" einreichen.
  6. Online -Prüfung mit "potenziellen Szenarios“.
  7. Beantragen der Lizenz und zahlen der jährlichen Gebühr von 500,- Dollar.

Marie Kondo lässt sich ihren Namen etwas kosten. Das klingt nach Franchise-Unternehmen. 

Anika lässt sich davon aber nicht aufhalten. Sie schickt Fotos ihrer aufgeräumten Wohnung an die KonMari Media Inc. und meldet sich für einen Kurs in New York an: 1500 Euro. "Ich habe alles Geld, das ich irgendwie noch hatte, ausgegeben. Ich wusste einfach, ich will da hin. Ich hatte den Rest gar nicht geplant."

Ihr Geld reicht nur noch für ein kleines Airbnb: eng, heiß und ohne Fenster. Anika hat eine schwere Erkältung, Fieber und Geburtstag. Sie heult die ganze Nacht vor dem ersten Seminartag.

In ihrem Buch beschreibt Marie Kondo ihre eigene Erweckung. Mit 15 habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei in Ohnmacht gefallen. Als sie zu sich kam, habe sie eine "mysteriöse Stimme" gehört, die habe ihr das Aufräumen beigebracht.

So ähnlich klingt es, wenn Anika erzählt, wie ihr Marie Kondo erschien.

Sie habe im Seminarraum in New York gesessen, zwischen über 70 weiteren Frauen, erzählt sie. "So richtig New York, vielleicht 15 Minuten vom Central Park". Durch die bodenlangen Fenster habe man die Hochhäuser gesehen. Aber alle starrten auf die Bühne, auf Marie Kondo.

Sie ist noch kleiner als ich. Und sie ist einfach so süß. Und aus ihr kommt eine ganz positive Ausstrahlung!

Dann sei Marie Kondo gegangen, sagt Anika. Denn den Workshop leitete ein Mitglied ihres Teams.

Anika ist danach trotzdem wie beseelt. Sie hat in der kurzen Zeit noch ein Selfie mit Kondo schießen können, es ist noch immer ihr Profilbild im Trainerinnen-Verzeichnis auf der Konmari-Webseite.

Marie Kondo ist für viele ihrer Anhängerinnen mehr als eine Aufräumberaterin. Wenn sie über sie sprechen, glänzen die Augen, auch in der Netflix-Serie wird sie von manchen Protagonisten geliebt wie ein Guru.

Schritt fünf steht an: Anika muss eine erste Klientin finden und entscheidet sich für ihre Mutter. Keine gute Idee, findet sie heute.

"Man geht ja nach bestimmten Kategorien vor und am Ende kommt die Königskategorie: sentimentale Gegenstände. Alte Fotos, Briefe und so weiter. Da gab es eine Box, in der waren etwa hundert Bilder vom Grab meines Vaters. Im Sommer, im Winter, mit Menschen, ohne Menschen."

Ihre Mutter habe angefangen zu Weinen und gesagt: sie könne noch nicht loslassen. Schön habe sie die Bilder aber auch nicht gefunden. Und glücklich gemacht haben sie sie schon gar nicht.

Was tun?

In anderen Kategorien darf auch behalten werden, was nützlich ist. In der Kategorie der Erinnerungen ist die KonMari-Methode eindeutig: Was keine Freude bringt, kann weg.

Marie Kondos Methode beruht auf dem Shintoismus. Demnach bevölkern kleine Geister die Welt, auch unbelebte Objekte. 

Ein traditioneller japanischer Glaube. Aber wie alle Religionen, bleibt der Shintoismus im vagen. Vom Umgang mit modernen Lebenskrisen steht auch in Kondos Büchern nichts.

Anika trifft eine Entscheidung: Die Mutter darf die Kiste vorerst behalten.

Sie nehme die Box jetzt regelmäßig zu einer Therapie mit, erzählt Anika. Sie hat ihren Umgang mit dem schmalen Konmari-Regelwerk gefunden: Patchwork.

Wo die Methode zu pragmatisch ist, reichert Anika sie mit dem an, was sie in ihrem Psychologiestudium gelernt hat, was sie in Selbsthilfe-Podcasts über Achtsamkeit hört und in anderen Büchern liest.

Deutsche brauchen sowieso keine klassische Marie Kondo, glaubt Anika. Die Wohnungen ihrer Kundinnen sähen ganz anders aus, als die riesigen, chaotischen Häuser der Amerikanerinnen und Amerikaner in der Netflix-Serie.

"Die könnten auch einfach das Buch lesen und alles selbst hinbekommen, " sagt Anika. "Es geht eher um das, was da innerlich passiert."

Das KonMari-Team nickt Anikas Aufräumbericht aus dem Haus ihrer Mutter ab. Schritt sechs ist geschafft. Sie schreibt die Multiple-Choice-Prüfung und zahlt die Lizenzgebühr. Schritt sieben. Ein Jahr hat alles zusammen gedauert. Seit Oktober darf sich Anika "KonMari-Coach" nennen.

Die ersten Kundinnen melden sich. "Prominente", sagt Anika. Mehr nicht.

Aber vor allem Frauen, natürlich. Die Netflix-Serie wurde immer wieder für ihre stereotypen Rollenbilder kritisiert. Aufräumen sei kein Lifestyle sondern unbezahlte Care-Arbeit.  Anika sieht das so: "Was wir vergessen, gerade als Frauen, ist, uns um uns selbst zu kümmern."

Aufräumen ist für sie Self-Care, ein Schritt zum Glück.

Die ersten Male verbringt sie so viele Stunden mit den Kundinnen, dass sie danach dehydriert ist. Nach den Beratungen duscht sie, um die fremden Sorgen abzuspülen. Anika hört auf, kostenlos bei Freunden aufzuräumen. Anfragen für Messi-Haushalte lehnt sie ab. Sie färbt sich die Haare pink und schreibt mutige Preise auf ihre neue Webseite.

Langsam hat sie eine Routine für ihre Beratungen. Kostenloses Erstgespräch, dann folgt ein Interview, das von "der Firma" vorgegeben wird und die Ziele abfragt. Danach geht sie nach der Kondo-Methode vor: Erst der Kleiderschrank, dann der Rest. Besitz des Partners ist tabu.

Alles auftürmen. Schockmoment. Aussortieren, manchmal Tränen.

"Es dauert so lange wie es dauert", sagt sie. Und am Ende stehen Säcke vor der Tür. Immer. "Nach dem Aussortieren sagen die oft: Willst du nicht was davon haben?"

Was hat sie selbst damals eigentlich als Erstes aussortiert? 

"Meinen Ex-Freund."

Ernsthaft? Du hast einen Menschen aussortiert?

Ja. Da bin ich auch ganz ehrlich. Es gibt Beziehungen, die bringen Freude oder Wärme. Und andere sind einseitig. Ich habe mich auch von ein paar Freundschaften gelöst.

Sie habe Briefe geschrieben. Danke und Tschüß.

Und Anika ist noch nicht fertig: Es gibt immer etwas, das noch aussortiert werden kann.

Anika besitzt nur noch ein Dutzend Bücher. Darunter drei von Marie Kondo – das erste, das zweite und der neue Comic. Außerdem solche über Zero-Waste, also das Leben ohne viel Abfall. Im nächsten Jahr will sie möglichst wenig Müll produzieren, ihre Seife kauft sie bereits im Unverpackt-Laden. Sie will auch versuchen, möglichst wenig zu konsumieren, vielleicht gar keine Kleidung mehr kaufen – trotz des tollen Second-Hand-Ladens an der Ecke.

Manchmal komme Anika jetzt aber auch Abends von einer Party und schmeiße ihre Kleider in die Ecke, wo sie bleiben, bis ihr Freund sie aufräume. Und manchmal besuche sie ihre Freunde und denke: "Es gibt so ein Chaos, wo ich sage: das ist irgendwie schon wohnlich und schön."

Hinweis: Zum "Master" sind 500 Aufräum- Sitzungen nötig, nicht 500 Stunden. Wir haben das korrigiert.


Streaming

Im Halbfinale wird der Dschungel noch mal ordentlich gerodet. Das sagt Twitter dazu
Tschüß Chris, tschüß Sandra, tschüß Bastian!

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Chris Töpperwien gefällt das.