Bild: Ed Keane Associates

Bevor sie die Bühne betritt, zieht Mandy Harvey ihre Schuhe aus. Sie trägt ein rotes Kleid und spielt auf einer Ukulele, hinter ihr ein Keyboarder und ein Gitarrist. Mit sanfter Stimme beginnt die 29-Jährige zu singen:

I don't feel the way I used to / The sky is grey much more than it is blue / But I know one day I'll get through
And I'll take my place again/ So I will try / So I will try

Als die Musik verstummt, bricht tosender Applaus aus. Mandy lächelt, sie kann den Zuspruch spüren. Aber sie hört die begeisterten Rufe nicht, das Meer klatschender Hände. Sie hört auch das Lob der Jury nicht, vor der sie gerade steht. 

Als sie antwortet, hört sie nicht mal ihre eigene Stimme. Mandy ist gehörlos.

Die Amerikanerin leidet an einer Autoimmunerkrankung, die ihr unter anderem einen Teil ihrer Sehstärke nahm. Vor zehn Jahren verlor sie ihr Gehör. Zu diesem Zeitpunkt studierte sie gerade Jazzgesang.

Zehn Jahre später hat sie trotzdem drei Alben aufgenommen, tourt regelmäßig durch die USA und begeisterte die Jury von "America’s got Talent" (zu der auch Heidi Klum gehört) so sehr, dass sie die junge Sängerin mit dem goldenen Buzzer direkt in die Live-Shows katapultierten.

Hier ist Mandy bei einem Auftritt zu sehen:

Wie hat sie das geschafft? Wie schreibt sie Lieder, wie singt sie, ohne etwas zu hören? Wir haben mit ihr gesprochen:

Mandy, du bist nicht gehörlos geboren. Wann hast du bemerkt, dass dein Gehör schwindet?

Ich habe schon mein ganzes Leben lang Hörprobleme. Richtig schlimm wurde es aber im Herbst 2006. Ich war 18, 19 Jahre alt und studierte zu der Zeit an der Colorado State University Musik und Jazzgesang, ich wollte Gesangslehrerin werden. 

Dringt gar kein Ton mehr zu dir durch, oder hörst du noch etwas?

Wenn ein Raum sehr laut ist, oder ein Flugzeug startet, höre ich Geräusche, aber ich kann sie nicht zuordnen. Das kann auch gefährlich sein und meinen Ohren schaden. Es tut mir manchmal wirklich weh, als würde mein Trommelfell durchlöchert. Wenn ich weiß, dass die Umgebung sehr laut sein wird, trage ich daher Ohrstöpsel, um Infektionen zu vermeiden.

Ich habe eine Art Geisterstimme in meinem Kopf
Was ist mit deiner eigenen Stimme – kannst du sie hören?

So laut könnte ich gar nicht schreien, ohne etwas kaputt zu machen (lacht)

Ich habe eine Art Geisterstimme in meinem Kopf. Es ist die letzte vage Erinnerung an meine eigene Stimme. Wenn ich spreche oder Lippen lese, schalte ich sie ein, damit ich aufmerksam bleibe – und wenn ich singe. 

Als du gemerkt hast, dass du gehörlos wirst, hast du dein Studium abgebrochen. Wie kamst du zur Musik zurück?

Meine Eltern haben mich dazu gedrängt, die Gitarre wieder in die Hand zu nehmen. Früher habe ich immer mit meinem Vater gespielt. Es ging also gar nicht darum, daraus eine Karriere zu machen, sondern mir ein Hobby zurückzugeben, mit dem ich aufgewachsen bin.

Um einen Song zu lernen, habe ich acht Stunden gebraucht. Ich hätte niemals erwartet, mich daran zu erinnern. Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich scheitern, um dieses Kapitel endlich für immer abzuschließen.

Aber es stellte sich heraus, dass mein Körper sich an mehr erinnerte, als ich dachte. Das hat mir Kraft für einen neuen musikalischen Traum gegeben. 

Wie triffst die richtigen Noten, ohne deine eigene Stimme zu hören?

Ich arbeite mit visuellen Stimmgeräten und achte sehr darauf, wo in meinem Hals ein Ton anschlägt, wenn ich ihn singe. Von dort hangele ich mich durch die Tonleiter und übe Intervalle.

Ich wurde außerdem mit einem fast absoluten Gehör geboren. Durch diese Veranlagung und das viele Üben der Muskeln kann ich quasi erfühlen, ob ein Ton richtig ist – auch ohne ihn zu hören. Manche Noten vibrieren in der Nase und wenn das Gefühl nicht kommt, weißt du, dass etwas nicht stimmt. 

Wenn ich ehrlich bin, wollte ich scheitern, um dieses Kapitel endlich für immer abzuschließen
Wie funktioniert das Zusammenspiel mit deiner Band, wenn du das Ergebnis nicht hören kannst?

Das ist alles sehr viel Teamarbeit. Auf der Bühne summe ich ihnen oft meinen ersten Ton vor und sie sagen mir, ob er richtig ist und wenn nicht, welchen Ton ich eigentlich gesungen habe.

Wenn wir ein neues Lied üben, gehe ich es zuerst mithilfe von Notenblatt und Stimmgerät Note für Note durch. Ich achte darauf, welche Intervalle zwischen den Tönen liegen, wo die Pausen sind und wie lange und übe das Lied gefühlt Hunderte Male. Dabei zähle ich immer, das gesamte Lied durch. Wenn ich etwas falsch mache, fangen wir von vorne an. 

Du trägst auf der Bühne auch nie Schuhe. Warum?

So kann ich den Rhythmus der Musik durch meine Füße spüren. Es gibt viele Arten, Musik zu fühlen. Ich halte auch Vorträge darüber und bringe es anderen Menschen bei. 

Was denn zum Beispiel?

Meistens geht es darum, sich auf einen der Sinne zu konzentrieren, den man bisher nicht so stark brauchte. Ich fange klein an und schlage vor, einen Ballon aufzupusten. Dann sprechen wir in die Ballons hinein und erfühlen die Vibration unserer Stimme mit unseren Fingern.

Du hast deinen Traum verwirklicht und bist trotz allem Musikerin geworden. Selbst Musikhören kannst du aber nicht mehr. Was macht das mit dir?

Vor allem Konzerte sind emotional anstrengend für mich, weil ich das Endergebnis nicht verstehen kann. Wenn ich darüber nachdenke, zieht mich das runter. Ich versuche dann, mich so gut es geht auf das Positive zu konzentrieren.

Dafür bist du für viele Menschen zu einem Hoffnungsträger geworden. 

Ich glaube, wir alle kämpfen mit irgendwas. Wir sollten offen und ehrlich damit umgehen, damit wir einander ermutigen können und Lösungen finden – und sei es, zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Ich will Leuten Hoffnung machen und sie motivieren, ihre Träume trotzdem zu verfolgen.


Art

Wer hat's gemalt?

"Der Maler hat den Hintergrund rot gemalt, weil er damit Wut ausdrücken wollte." "Die Katze am rechten Bildrand weist auf ungelöste Spannungen mit der Mutter hin." – Wem solche Sätze bekannt vorkommen, der hat vermutlich in der Oberstufe Kunst belegt.