Bild: Per Horstmann
Ein Besuch auf der Männermesse

"Die Karten haben wir in einem Drogeriemarkt gewonnen", erzählen zwei sechzigjährige Männer vor dem Eingang zur "Man's World", einer Messe für Männlichkeit. "Sonst hätten wir auch gar nicht mitgekriegt, dass das stattfindet." Seit 2016 zeigt das Event an wechselnden Standorten Produkte ausschließlich für Männer. 

Die beiden Besucher freuen sich jetzt auf Barbecuesaucen, schwere Motorradstiefel und Schnaps, der hier natürlich crafted ist. Und hoffen, dass es eine Fußballecke gibt, um St. Pauli "mit einem schönen Bier" zu schauen. Bis jetzt sind sie angetan von der Atmosphäre im Hamburger Hafen, "richtig was für Männer", meint der eine. Der andere stört sich an den auffälligen Autos, die zu Dutzenden vor der Halle geparkt stehen: "Angeberautos!" – "Was hast du erwartet?" 

Gute Frage, was erwartet man im Jahr 2019 von einer Männermesse? 

Man könnte an Motoröl und Alkohol denken, aber auch an eine neue Form von Männlichkeit. Debatten um Sexismus und Geschlechterrollen haben es spätestens seit dem Hashtag #metoo in den ganz breiten Diskurs geschafft. Auf die Frage, was männlich ist, gibt es inzwischen mehr als nur eine Antwort. Ist das auch auf der Man's World zu spüren? 

Das Bild unmittelbar vor dem Eingangsbereich widerspricht dem erst mal: Es riecht nach Grillfleisch, Männer in Motorradjacken oder hellblauen Hemden essen Steak im Brötchen, und dann kommt auch noch Tim Mälzer rauchend aus der Halle. Direkt hinter den Kassen stehen Luxusautos und eine zwölf Meter lange Segelyacht, es läuft Frank Sinatras "I Did It My Way". Die Halle ist abgedunkelt, indirekt angestrahltes Holz vermittelt das Gefühl, man befinde sich in einer angestrengt hippen Bar im Szeneviertel. 

Die Besucher sind im Schnitt eher älter und männlich. Auch einige Familien und junge Paare haben die Messe als sonntägliches Ausflugsziel gewählt, doch es fällt auf: keine Frau ohne Mann, viele Männer ohne Frauen. Eines der Paare: Judith und Benjamin, beide 24. Während Judith im Vorfeld keine Erwartungen an die Messe hat, freut sich Benjamin auf Gaming und Entertainment in "nicer Atmosphäre". An den vielen Flippern und Pong-Tischen spielen Jungs neben erwachsenen Männern.

Mann gegen Mann.

(Bild: Per Horstmann)

Ab und an geht ein Hupen durch die Halle, wenn sich wieder einmal einer hinter den Lenker eines Luxusautos setzt, um sich fotografieren zu lassen. Auch sonst ist der Geräuschpegel hoch. Es wird gehämmert, geprostet, und rasiert; das Magazin "11 Freunde" zeigt Fußball. So weit, so klassisch männlich.

Einen Gegenpol dazu bildet der Stand der Picnic Makers aus Hamburg. Als einziger ist er in bunten Farben gehalten, die zwei Schaufensterpuppen stellen kurzhaarige Frauen dar. Nina, 47, von den Picnic Makers sagt, Picknick werde mit "Mädchen" assoziiert, während "die Jungs beefen oder Bier trinken". Mit ihrem Produkt, einer konfigurierbaren Picknickdecke, möchte das Team das klassische Rollenverständnis beim Essen im Park überwinden. Dazu passt ein Tablett mit integrierter Wasserwaage und ansteckbarem Fuß, denn: Funktionalität sei sehr maskulin. "Wir wollen ein gemeinsames Erlebnis schaffen", so Nina. Tatsächlich ist der Stand der Picnic Makers der einzige, der ein Männerbild zulässt, das nicht aus den Fünfzigerjahren zu stammen scheint.

Das ist schade. Die Rasiererfirma Gillette, die Anfang 2019 noch mit einem Werbespot gegen toxische Männlichkeit Aufsehen erregte, stellt schlicht die Evolution ihres Produkts seit Gründung der Marke aus. Für Diskussionen um Rollenklischees ist auf der Man's World kein Platz. 

Guter Bart ist teuer – natürlich sind auch Barber Shops auf der Messe vertreten. 

(Bild: Per Horstmann)

Tatsächlich achten die Veranstalter bei der Auswahl der Aussteller aber darauf, dass sich keine Hersteller auf der Messe präsentieren, die Produkte sexistisch bewerben. "Nackte Haut wollen wir nicht, auch keine Marken, die zu platt agieren", sagt Man's World-Projektleiter Kai Klemm, 37. 

Das geht weitestgehend auf – eine Ausnahme gibt es dann allerdings doch. Slotfire aus Leverkusen stellen nostalgische Holzrennbahnen her und bewerben sie so: "Männer steh'n auf schöne Kurven". Inwieweit dieser Claim dabei hilft, Kindheitserinnerungen aufleben zu lassen, bleibt ihr Geheimnis. "Man kann da noch mehr machen", sagt Dirk, 36, von Slotfire, "aber da kommt ganz schnell der Sexismusvorwurf". Die Reaktionen auf ihre Sprüche seien jedenfalls durchweg positiv, ihr Slogan der meistfotografierte auf der Messe, behauptet Dirk – "auch von Frauen", fügt er an. 

Frauen nicht als Werbe- und Dekoobjekte einzusetzen, ist das eine. Doch auch darüber hinaus haben die Veranstalter der Man's World den Anspruch, ein offenes Männerbild zu transportieren. 

Kai versichert, in Zukunft mehr gesellschaftliche Themen in den Vordergrund rücken zu wollen, zum Beispiel die Elternteilzeit für Väter. 

Zu sehen ist davon allerdings noch nichts. Aussteller von Babytragetaschen oder Infostände zum Arbeitsrecht sucht man in der Messehalle vergebens. Neben der Kernzielgruppe des "gehobenen Mannes" mit teurer Uhr und sauber rasiertem Bart werden höchstens noch Gaming-Enthusiasten durch Virtual-Reality-Spielzeug angesprochen. 

An der Fleischtheke versteckt sich eine Fußballanspielung – Franck Ribéry würde sich freuen.

(Bild: Per Horstmann)

Einzig die E-Mobilität schafft es als politisches Thema auf die Messe – allerdings nicht als Klimamaßnahme, sondern fast immer in Verbindung mit teuren Autos und dem Innovationsgedanken. Die Marke Cake beispielsweise stellt elektrische Motocross-Bikes aus. "Wir polarisieren", sagt der Mann am Stand, "entweder die Leute finden unser funktionales Design megageil oder sie sagen, das ist das hässlichste Produkt auf der ganzen Messe". Und weiter: "Einer hat gefragt, ob die Greta noch kommt."

Und das fasst den Eindruck, den die Man's World vermittelt, ziemlich gut zusammen: 

Hier geht es um das Ausleben einer Männlichkeit zwischen starken Motoren und teurem Fleisch, Störfaktoren werden ausgeblendet. 

Wird die E-Mobilität nicht in Form eines Luxusautos präsentiert, sondern durch ein Produkt, das tatsächlich elektrisch aussieht, ist das ein Affront. Der Klimawandel, #metoo, die Gender Pay Gap – Politik bleibt draußen. Lieber ein Gold Steak auf den Grill werfen, solange es noch geht. 


Gerechtigkeit

Eine Anwältin für die Erde: Wie Ida Konzerne zum Umweltschutz zwingt

Karg wirkt der Arbeitsplatz von Ida Westphal. In anderen NGO-Büros schreien bunt plakatierte Wände und herumstehende Fahnen schon beim Hereinkommen nach politischer Aktion. Bei ClientEarth gibt es ein paar Stühle, Tische, Computer und einen Meetingraum. 

Die juristische Vertretung der Erde ist auffällig unaufregend. Denn Idas Organisation ähnelt einer Anwaltskanzlei. Plakatieren geht hier niemand. ClientEarth setzt auf etwas anderes: Vorschriften, Gesetze, Gerichtsverhandlungen.

Ida ist Umweltjuristin – und ihre Mandantin die Erde. 

Die 32-Jährige trägt Kurzhaarfrisur und schwarzen Rollkragenpullover. Sie lächelt viel und wählt ihre Worte mit Bedacht. Ida ist selbstbewusst, eine ruhige Zuhörerin. Ihre eigenen Argumente hinterfragt sie manchmal noch im gleichen Satz, versucht immer wieder, sich zu präzisieren.

"Wir wollen zeigen, dass der Klimawandel ein Unternehmensrisiko ist", sagt sie.

Der Amerikaner James Thorton hatte die Organisation 2007 in London gründet. Er fand, dass im Umweltschutz zu wenig auf bereits geltendes Recht gesetzt wurde. Inzwischen sind Gerichtsprozesse im Namen des Umweltschutzes ein effizientes Mittel für NGOs. So hatte zum Beispiel eine Klage des BUND den Rodungsstopp im Hambacher Forst möglich gemacht. 

Jura für die Umwelt – das ist genau das Richtige für Ida. 

Die Norddeutsche ist für das Studium in Potsdam nach Berlin gezogen. Nur der passende Job fehlte danach: "Für mich war immer klar, dass ich nicht in eine Wirtschaftskanzlei gehen könnte", sagt sie. Auch die Stationen am Gericht gefielen ihr nicht, die Arbeit hatte einen zu werkzeughaften Charakter.  "Ich habe während meiner gesamten Ausbildungszeit mit Jura gehadert." 

Im September 2018 eröffnete ClientEarth ein Büro in Berlin. Doch als Volljuristin, nach fast zehn Jahren Studium, für eine kleine Organisation arbeiten, die sich mit Stiftungsgeldern und Spenden über Wasser hält? Deren Budget etwa durch die Versteigerung von 127 Pink Floyd-Gitarren entsteht? In einer klassischen Kanzlei könnte Ida viel mehr verdienen. Es gibt deutlich größere Anwaltskanzleien, die deutlich kleinere – besser zahlende Mandanten als die Erde annehmen.