Bild: Susan Barth
Rote Lippen = Komplimente.

Eigentlich bin ich ziemlich gelassen, was Make-up angeht. Ich schminke mich nicht besonders auffällig. Aber ich mag die drei Minuten, in denen ich morgens vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer sitze und mich kurz genau ansehe. 

Ich benutzte Concealer, um die Schatten unter meinen Augen abzudecken. Ich fülle meine Augenbrauen mit einem braunen Stift auf. Und ich benutze ein wenig Wimperntusche. Manchmal ein bisschen Lippenstift. Fertig. 

Auffällig geschminkt aus dem Haus? Vielleicht ein oder zwei Mal im Monat.
Ungeschminkt die Wohnung verlassen? Kein Problem.

So sehe ich aus, wenn ich mich morgens in drei Minuten schminke. Und so geschminkt gehe ich auch meistens aus dem Haus.

No-Make-up-Make-up nennt man meine Selbstoptimierungskünste. Ein Make-up, das mich aussehen lässt, als wäre ich ungeschminkt, mit dem ich mich aber wohler fühle.

Früher wäre das unvorstellbar für mich gewesen. Zwischen fünfzehn und zwanzig war ich von allem besessen, was mit Make-up zu tun hatte. YouTube-Tutorials und Limited Editions – mein Herz schlug für Lidschatten, Highlighter und Lipgloss.

Jetzt werde ich mich eine Woche lang jeden Tag so schminken, als würde ich abends ausgehen.

Was macht das Experiment mit mir? Wie werde ich mit mehr Make-up wahrgenommen? Wie lange brauche ich dafür?

Und – werde ich am Ende der Woche froh sein, wieder auf Make-up zu verzichten, oder werde ich wieder den Spaß daran gefunden haben, mich zu schminken?

So sehe ich ganz ohne Make-Up aus. Ein bisschen müde. Ein bisschen blass. Aber ganz normal eben.

Tag 1

Ich starte mein Experiment an einem Sonntag, als ich auf dem Bett liege und nicht weiß, was ich tun soll. Ich besitze eine Schminktasche und einen kleinen Kasten mit zwei Schubladen, in denen ich alles aufbewahre, was ich an Make-up besitze. Da ich Anfang des Jahres ein Praktikum in einer Beauty-Redaktion gemacht habe, ist das gar nicht so wenig. Wirklich viel benutze ich davon im Alltag aber nicht. 

Ich leere alles auf einen Tisch und sortiere. Dabei überlege ich, was ich als erstes ausprobieren soll. 

Gar nicht so wenig, obwohl ich vor einem Jahr richtig viel aussortiert habe! Dabei benutze ich im Alltag nicht viel Make-up.

Ein Lidstrich wäre schön. Den habe ich aber noch nie so richtig hinbekommen. Ich bewundere alle Menschen, die in scheinbar müheloser Perfektion einen schwungvollen schwarzen Strich über den Wimpern aufmalen. Ich sah meistens so aus, als hätte ich mich mit jemandem geprügelt.

Das Problem: Ich habe Schlupflider. Mein bewegliches Lid ist kaum zu sehen – das Auge wirkt dadurch kleiner und der Lidstrich verliert sich am äußeren Augenwinkel. 

Die Lösung: Ich google nach Augen-Make-ups für Menschen mit Schlupflidern und finde – Blake Lively, aka Sabrina van der Woodsen aus Gossip Girl. Eine Frau, die immer wundervoll geschminkt ist und dabei das gleiche Problem hat wie ich. Außerdem Kate Moss und Heike Makatsch. Ich lese mir mehre Artikel durch, die ihr Augen-Make-up bis ins kleinste Detail erklären, und beschließe dann, den Lidstrich dünn zu ziehen und stattdessen das Auge an den unteren Wimpern mit einer hellen Farbe zu betonen – das soll die Augen größer wirken lassen.

Ich konturiere, highlighte und trage drei Mal so viel Wimperntusche auf als sonst. Dann greife ich zu dem auffälligsten Lippenstift, den ich besitze: ein glänzendes Tomatenrot.

Als ich mich im Spiegel sehe, bin ich verblüfft. Wahnsinn, was so ein bisschen Farbe im Gesicht ausmacht! Ich bin so fasziniert von mir und den roten Lippen, dass ich anfange, Selfies zu schießen. 

Auf meine Insta-Story reagieren fünf Frauen aus meinem Umfeld mit netten Worten und Herz-Emojis. Obwohl das nicht das erste Selfie ist, das ich poste.

(Bild: Susan Barth/Benjaminrobyn Jespersen/Unsplash (bento-Montage))

Als ich merke, dass ich mich selbst gerade an Narziss erinnere – der Schönling aus einer griechischen Sage, der sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebte und später ertrank, – schäme ich mich ein bisschen. Dann poste ich eine Instagram-Story von mir und meinem roten Lippenstift.

An diesem Tag schreiben mir fünf Freundinnen. Manche davon hatte ich schon seit ein paar Monaten nicht gesehen. Alle machen mir Komplimente zu meinem Aussehen und fragen, was ich so mache. Ich fühle mich gut. Und ich fühle, dass das irgendwie nicht so sein sollte. Warum schreiben sie mir ausgerechnet jetzt? Sollte es nicht egal sein, wie ich aussehe? Oder geht es um etwas anderes?

Abends hole ich meinen Freund auf dem Weg zum Einkaufen ab. "Nicht küssen!", sage ich zur Begrüßung und wir umarmen uns kurz. Er findet, ich sehe hübsch aus – obwohl er Make-up nicht besonders mag.

Einmal alles: So gehe ich sonst höchstens aus dem Haus, wenn ich feiern gehe.

Tag 3

Stress. Jetzt, wo ich zur Arbeit muss, schätze ich die Zeit, die ich morgens habe, völlig falsch ein. Gestern habe ich den Kaffee nicht geschafft und stattdessen dunklen Lippenstift und glänzenden Lidschatten aufgetragen. Heute setze ich wieder auf Tomatenrot und renne die letzten hundert Meter zu meiner S-Bahn. 

Dass ich meinem Freund zum Abschied aber nicht wie sonst einen Kuss geben kann, ohne dass auch er mit roten Lippen zur Arbeit geht, ärgert mich. 

In der Bahn und auf dem Weg in die Redaktion fühle ich mich irgendwie mehr beobachtet als sonst. Sehen mich andere Menschen an? Oder achte ich nur mehr darauf als sonst? Ein Mann lächelt mir kurz zu, als ich mich ihm gegenüber auf einen freien Platz setze. Sehe ich das sonst einfach nicht?

In der Redaktion bekomme ich für den tomatenroten Lippenstift drei Mal so viele Komplimente wie für den dunkleren Ton am Tag davor. In der Konferenz am Morgen fühle ich mich auf eine sonderbare Art und Weise präsenter und wacher. Das könnte aber auch an dem kurzen Sprint heute früh zur Haltestelle liegen.

An jedem Glas und jeder Tasse hinterlasse ich einen farbigen Abdruck meiner Lippen. Größtes Problem an diesem Tag: das Mittagessen. Es gibt Nudeln. Und mit dem knalligen Rot auf den Lippen befürchte ich, danach auszusehen wie Heath Ledger als Joker in Batman. 

Meine Kollegin versichert mir nach dem Essen aber, dass noch alles da sitzt, wo es soll. Ich frische auf der Toilette die Farbe noch einmal auf. Etwas, das ich sonst fast nie mache. Überhaupt habe ich plötzlich immer auch Make-up dabei. Und mir fällt auf, wie sich andere Frauen schminken.

Abends packe ich zur Sicherheit aber dann doch ein kleines Fläschchen Make-up-Entferner und Wattepads in meinen Rucksack – falls doch mal etwas verschmieren sollte. Beim Abschminken bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie viel Farbe den ganzen Tag über auf meinem Gesicht war. Nach dem Abschminken habe ich das Gefühl, dass meine Haut wieder atmen kann. 

Beim Abschminken merke ich jeden Abend einen großen Unterschied. Links: So viel Make-Up trage ich normalerweise. Rechts: So viel ist es diese Woche.

Tag 5

Nein, ich glaube, ich bilde mir die Blicke der anderen Menschen nicht ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbstsicherer auftrete oder durch das Make-up selbstsicherer wirke. Letztendlich liegt es wahrscheinlich einfach daran, dass ich glaube, dass ich selbstsicherer wirke und dadurch auch selbstsicherer auftrete. 

Eine Studie, die 2011 veröffentlicht wurde, bestätigt mein Gefühl. Viele Frauen fühlen sich selbstbewusster, wenn sie Make-up tragen. Hierbei handelt es sich um einen Placebo-Effekt. Die Studie zeigt aber noch viel mehr: Geschminkte Frauen werden auch als kompetenter wahrgenommen. (New York Times

In der Studie wurden fünfundzwanzig Frauen zwischen zwanzig und fünfzig Jahren ungeschminkt (natural), "normal" geschminkt (moderate) und stark geschminkt (dramatic) fotografiert. Männer und Frauen, die die Bilder betrachteten, schätzten die geschminkten Frauen als kompetenter ein. (New York Times)

Symmetrischen Gesichtern wurde zuvor schon eine höhere Attraktivität beigemessen und auch die Tatsache, dass "schöne" Menschen intelligenter wirken, ist in der Wissenschaft eine bekannte und mehrfach durch Studien belegte These. (Plos One)

Dass Make-up aber dafür verantwortlich sein kann, dass Frauen als fähiger, zuverlässiger und liebenswerter betrachtet werden, ist eine durch die Studie neugewonnene Erkenntnis. 

Und was macht das mit mir?

Der New York Times gegenüber äußerte sich – nach Veröffentlichung der Studie – Deborah Rhode, Professorin für Rechtswissenschaften an der Stanford Universität. 

Weder trage ich Make-up noch will ich 20 Minuten meiner Zeit damit verschwenden, mich zu schminken. Die Qualität meiner Lehre sollte nicht von der Farbe meines Lippenstifts abhängen, oder davon, ob ich Mascara trage.
Deborah Rhode, Professorin für Rechtswissenschaften an der Stanford Universität

Ich persönlich stimme Rhode zu und finde, dass sie damit Recht haben sollte. Urteile über die Attraktivität eines Menschen sollten nicht zu Urteilen über deren Kompetenz werden. Mit dieser Erkenntnis kann ich aber nur meine eigenen Urteile hinterfragen. Nicht die unbewusste Kategorisierung der anderen. 

Tag 7

Ich bin froh, dass heute der letzte Tag ist, an dem ich zum siebten Mal hintereinander so stark geschminkt das Haus verlasse. Mittlerweile schaffe ich es, mich in ungefähr zehn Minuten zu schminken. Letzten Sonntag habe ich länger dafür gebraucht. 

Ganz schön viel im Gesicht. Links: So viel benutze ich normalerwesie. Rechts: So viel benutze ich durchschnittlich diese Woche täglich. Viel davon.

Als ich abends mit zwei Freundinnen essen gehe, sprechen wir überhaupt nicht über mein Make-up. Beide kennen mich ungeschminkt und geschminkt, mit tiefen Augenringen und mit Glitzer im Gesicht. Ich mag es, dass wir einfach nur reden und essen. Ob der Lippenstift verschmiert oder nicht, ist mir egal.

Mein Freund ist sichtlich erleichtert, als ich mich später Zuhause abschminke. Dass er mich ganz ohne Make-up am Schönsten findet, freut mich am meisten. 

Denn auch, wenn ich mich mit dem tomatenroten Lippenstift und goldenem Lidschatten selbstbewusst und schön fühle, bin ich froh, dass es den Menschen, die mir etwas bedeuten, völlig egal ist, ob ich geschminkt bin oder nicht.


Außerdem haben sich für mich zum Ende der Woche noch drei Erkenntnisse ergeben:

  1. Ich schminke mich für mich selbst und für niemanden sonst. Studie hin oder her. Wenn ich mich schminke, dann nicht, um auf jemanden schöner, schlauer oder kompetenter zu wirken, sondern um mich schöner, schlauer und kompetenter zu fühlen. Oder auch einfach nur, weil ich Lust dazu habe. Weil ich eine Schwäche für hübsche Lippenstift-Farben habe. Oder weil ich mir heute mit ausdrucksstarken Augenbrauen gefalle.
  2. Make-up ist kein Teufelszeug und jeder Mensch soll bitteschön so viel oder so wenig davon benutzen, wie er möchte. Ich möchte Lidschatten, Mascara und Lipgloss als Booster für meine eigene Selbstsicherheit betrachten, die mir helfen können, wenn ich mich einmal unsicher fühle. So wie man ein Lieblings-Hemd, Lieblings-Schuhe oder ein Lieblings-Kleid besitzt, in dem man sich besonders selbstbewusst und selbstsicher fühlt, habe ich eben auch meinen roten Lippenstift. Und mein Freund einen gut gepflegten Bart. Ich entscheide für mich, wie ich aussehen möchte, und damit auch wie ich mich fühle. Wenn mir Make-up dabei hilft – schön. Wenn nicht – auch. 
  3. Es ist okay, wenn man mir mit Make-up im Gesicht mehr Komplimente macht als ohne. Ich sage anderen Menschen auch oft, dass mir ihr Kleid oder ihre Frisur heute besonders gut gefallen. Eigentlich finde ich es sogar toll, wenn meine Mühe am frühen Morgen mit einem netten Kompliment belohnt wird. Und auch, wenn sich eine alte Bekannte wieder bei mir meldet, nur weil ich ein Selfie mit knallrotem Lippenstift poste. Schön, dass sie sich gemeldet hat.

Und morgen?

Den Sonntag verbringe ich den ganzen Tag ohne Make-up. Am Montag habe ich aber dann doch wieder Lust, mich zu schminken. Ganz spurlos ist die Woche also doch nicht an mir vorbeigegangen. So sehr wie früher verfalle ich der Make-up-Industrie hoffentlich trotzdem nicht mehr. Das ist gut für meinen Geldbeutel, für meine Haut und besonders für mich selbst. Denn ungeschminkt zu zeigen, wie viel ich draufhabe, ist mir jetzt, wo es mir bewusst ist, noch viel wichtiger als vorher. Klappt bei den Männern schließlich auch wunderbar. 



Grün

Forscher untersuchten Schildkröten aus der ganzen Welt – JEDE hatte Plastikmüll im Körper
Sechs Details der Untersuchung

Plastik braucht hunderte Jahre, bis es zersetzt ist. Wir wissen das, aber ändern bislang zu wenig, um Kunststoffmüll wirksam zu vermeiden. Jedes Jahr landen Millionen Tonnen Verpackungen, Folien und Kleinstteilchen im Müll – und damit auch in Flüssen und Ozeanen.

In den Weltmeeren wird der Plastikmüll von Tieren, Fischen und Vögeln aufgenommen, nicht wenige von ihnen sterben daran auf tragische Weise. Nun haben Forscherinnen und Forscher untersucht, wie weit verbreitet der Plastikmüll wirklich ist – indem sie die Mägen verschiedener Meeresschildkröten untersuchten.

Das traurige Ergebnis: Von 102 Schildkröten hatte jede einzelne Schildkröten Plastikteile verschluckt. 

Die Wissenschaftlerinnen haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Global Change Biology" veröffentlicht, die Analyse trägt übersetzt den simplen Titel "Verschlucktes Microplastik ist bei Meeresschildkröten allgegenwärtig". Was sich dahinter verbirgt, ist allerdings ernst.

Die Details:

  1. Untersucht wurden insgesamt 102 Schildkröten, dabei waren Exemplare aller großen weltweit bekannten Arten.
  2. Die Tiere kamen aus dem Atlantik, dem Pazifik und dem Mittelmeer.
  3. Alle Tiere hatten Plastik-Kleinstteilchen im Magen – egal, woher sie kamen. 
  4. Das Forscherteam fand mehr als 800 Plastikstückchen, obwohl jeweils nur ein kleiner Teil des Darms untersucht wurde. Die Wissenschaftler vermuten, dass im ganzen Körper "20 Mal mehr Plastik" zu finden sein dürfte.
  5. Der Großteil des Kunststoffs bestand aus Synthetik-Fasern, wie sie in Polyester vorkommen. Höchstwahrscheinlich stammt es von unserer Kleidung und fand seinen Weg über die Waschmaschine ins Abwasser. 
  6. Auch gefunden wurde Microplastik, wie es in Pflegeprodukten zum Einsatz kommt, sowie Plastikfragmente von Bechern, Besteck und anderem Plastikmüll.

Die Untersuchung zeigt, dass wir es vermutlich geschafft haben, dass jede einzelne Schildkröte auf diesem Planeten mit unserem Müll im Magen herumschwimmt.

  • Ist alles verloren?

Noch nicht. Mittlerweile haben viele US-Städte und auch Länder wie Großbritannien und Neuseeland Gesetze auf den Weg gebracht, um Plastimüll zu vermeiden – auch Dänemark und Österreich legten jüngst mit Verboten nach (bento). 

Dänemark will dünne Einweg-Plastiktüten verbieten, Österreich zusätzlich auch Plastikpartikel in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln. Und auch in Deutschland denkt man mittlerweile über mehr Müllvermeidung nach (bento).

Damit das viele Plastik in den Weltmeeren allerdings wirksam reduziert werden kann, sollte vermutlich auch jede Einzelne und jeder Einzelne seinen eigenen Konsum überdenken: