Bild: Katja Salge
Unsere Autorin hat Magersucht. Wie sich die Corona-Schutzmaßnahmen auf ihren Heilungsprozess auswirken.

Wenn ich morgens aufwache, hören sich meine Gedanken so an: "Soll ich jetzt aufstehen, frühstücken und laufen gehen, oder bleibe ich lieber bis mittags liegen - Frühstück fällt dann schon mal weg? Soll ich einfach den ganzen Tag liegen bleiben und gar nichts essen? Wozu überhaupt aufstehen? Außer zwanghaft herumlaufen kann ich eh nichts machen, das sich für mich produktiv anfühlt. Wieso also essen, wenn ich absolut nichts leiste?"

Seit den Corona-Schutzmaßnahmen sind diese Gedanken noch stärker geworden. Schließlich habe ich gerade kaum andere Möglichkeiten: entweder den ganzen Tag drinnen bleiben, oder auch mal draußen "spazieren gehen" – was bei mir eher einem zügigen Walken ähnelt. Auch wenn ich mich in der Wohnung beschäftigen kann, für meinen Kopf zählt das nicht, es gibt nur zwei Kategorien: Bewegung oder Nicht-Essen. Nur in der Wohnung "aktiv" sein und trotzdem ganz normal meine vollen vier bis fünf Mahlzeiten essen? No way!

Die Empfehlung der Ärzte: Nicht sozial zurückziehen, ausgehen, viel unternehmen

Vor wenigen Wochen erst bin ich nach einem halben Jahr aus der Klinik zurückgekommen, in der ich wegen meiner Magersucht in Behandlung war. Die Empfehlungen meiner Ärzte und Therapeuten lauteten bei der Entlassung Ende Februar: "Nicht sozial zurückziehen, sondern ausgehen, viel unternehmen, leben!" Nach nur ein bis zwei Wochen kamen Schlag auf Schlag die Kontaktbeschränkungen. Reitstunden und Fahrschule, womit ich nach der Klinik eigentlich wieder beginnen wollte, fielen weg. Tschüss Leben, willkommen zurück Essstörung. In der Klinik habe ich viel gelernt, aber wie ich in Zeiten einer Pandemie, die das Leben nahezu aller Menschen auf den Kopf stellt, mit alten Verhaltensmustern, extremer Unsicherheit und Ungewissheit umgehe, das war kein Thema.

Grob unterscheidet man zwischen drei Arten der Essstörung: Anorexia nervosa (auch Magersucht oder Anorexie), Bulimia Nervosa (Bulimie) und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es allerdings noch zahlreiche Mischformen und nicht genauer bezeichnete Arten der Essstörung.

Etwa zehn bis 20 von 1000 Frauen in Deutschland leiden im Laufe ihres Lebens an Magersucht, das sind auf die Gesamtanzahl der Frauen in Deutschland gerechnet immerhin über 800.000 (BZgA). Hinzu kommen noch der zwar etwas geringere, aber dennoch vorhandene Prozentsatz an erkrankten Männern, sowie die in etwa gleich hohen Zahlen der Bulimie- und Binge-Eating-Erkrankten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Dunkelziffer der Betroffenen, die aus Angst nie Hilfe in Anspruch nehmen, oder denen gar nicht bewusst ist, dass ihre "abnormalen Essgewohnheiten" krankhaft sein können, und die deshalb in den Statistiken nicht erfasst werden.

Das gemeinsame Essen fällt weg - das kann zu Rückschritten führen

Faktoren wie Einsamkeit, Stress, gesundheitliche oder finanzielle Sorgen wirken sich stark auf die Psyche aus. Das alles sind Umstände, die derzeit durch den empfohlenen sozialen Rückzug und die zusätzliche wirtschaftliche Krise durch Corona verstärkt werden. So werden bereits vorhandene psychische Leiden verstärkt, selbst "gesunde" Menschen bringt das mit der Zeit aus dem seelischen Gleichgewicht.

Gerade bei Patienten mit Essstörungen sind soziale Kontakte oft eine große Motivation für die Genesung (Studie der Northumbria University). Neben der Unterstützung von Freunden und Verwandten fällt mit dem Social Distancing auch der zwischenmenschliche Faktor des gemeinsamen Essens weg: Sei es beim Festessen an Weihnachten oder beim Mittagessen mit den Kollegen – gemeinsame Mahlzeiten festigen soziale Beziehungen, bereiten Freude und sind ein fest verankerter Teil des Zusammenlebens. Als Essgestörter aber muss man meist lernen, das Leben und damit auch das Essen wieder zu genießen, jedoch fallen Restaurantbesuche, Essen mit Freunden oder Feste momentan aus. Das kann zu Rückschritten im Essverhalten führen.

Eine Gewichtszunahme: der absolute Kontrollverlust

Als ich aus der Klinik kam, habe ich mich anfangs sehr einsam gefühlt. Mein Plan, zuhause alle meine Freunde wiederzusehen, ging durch Corona nicht auf. Ich fing wieder an, mein Essen einzuschränken, Mahlzeiten auszulassen und viel durch die Gegend zu laufen, so hatte ich wieder eine Aufgabe, ein Ziel für jeden Tag. Immer mit dabei: die Angst, dass die Einschränkungen wie in Spanien oder Italien noch strenger werden könnten, dass man das Haus gar nicht oder nur sehr eingeschränkt verlassen dürfte. 

Ich wusste, wenn auch hier die Ausgangssperre kommen würde, gäbe es für mich nur zwei Optionen: meine Nahrungszufuhr auf ein absolutes Minimum reduzieren und den ganzen Tag depressiv im Bett verbringen - oder einigermaßen "normal" weiteressen, aber dafür den ganzen Tag zwanghaft in der Wohnung herumlaufen oder Sport machen. Die dritte Option, normale Mengen zu normalen Zeiten zu essen und mich drinnen mit ruhigen Tätigkeiten zu beschäftigen, die man während der Quarantäne so erledigen kann, stand absolut außer Frage. Denn diese Möglichkeit würde vermutlich eine Gewichtszunahme mit sich bringen – für mich den absoluten Kontrollverlust.

Um von der Magersucht zu heilen, muss man sich genau diesem vermeintlichen Kontrollverlust mitsamt den damit verbundenen Ängsten ausetzen. Nichts anderes hatte ich ja in den vergangenen sechs Monaten in der Klinik getan. Doch durch Corona fühlte sich die Situation plötzlich ganz anders an, nicht zu vergleichen mit der in der Klinik. Ich dachte: "Wenn ich JETZT esse und mich nicht bewege, passiert bestimmt etwas Schreckliches".

Das Gefühl, wenigstens über eine Sache die Macht zu haben

Über das eigene Essverhalten und das Gewicht werden bei der Magersucht der Selbstwert gesteuert und sämtliche Emotionen reguliert. Wer den ganzen Tag lauter Zahlen im Kopf hat – Kalorien, Gewicht, Schritte, Verbrauch, Kilometer, Essen, die Stärke des unerträglichen Hungers – der denkt wenig über Ängste nach. Durch den Fokus auf das Essen, beziehungsweise das Nicht-Essen, rücken alle anderen Probleme und Sorgen in den Hintergrund, man hat das Gefühl, in einer Welt, in der alles außer Kontrolle zu sein scheint, wenigstens über eine Sache die Macht zu haben. 

Logischerweise führt eine globale Krise, die für die meisten Menschen viele Ängste und wenig Kontrolle mit sich bringt, auch wieder zu verstärkt essgestörten Gedanken. Bei mir ist vor allem die Angst vor der Ungewissheit groß: Wann wird alles wieder normal, routiniert?

Auch wenn momentan wieder vieles gelockert wird, meine Ängste bleiben bestehen. Was, wenn eine zweite Infektionswelle auf uns zukommt, was wenn dann die komplette Ausgangssperre durchgesetzt wird? Wie lange werde ich noch keine konkreten Pläne für die Zukunft machen können? So schwierig das auch ist, schlussendlich muss ich abwarten, darauf vertrauen, dass alles wieder besser wird und akzeptieren, dass es jetzt nun einmal so ist, wie es ist. 

Schließlich schränken wir uns gerade ja ein. Um möglichst bald wieder ein normales, schönes Leben führen zu können. Um Menschenleben zu retten. Und ich fange an zu verstehen, dass auch meines dazu zählt und es wert ist, gerettet zu werden.


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