Bild: Petra Wedler
"Von vielen Beziehungen ist nur noch Sex übrig"

Wie Schüsse knallen die Absätze von Daniela van Santens Stiefeletten auf den Holzboden ihrer Hamburger Altbauwohnung. Eine ordentliche Kampfansage muss nach was klingen.

"Ich mach Tempo", sagt sie. "Jemand kommt unglücklich hier rein, kommt glücklich wieder raus."

Von dem Flur, in dem sie ihre Klienten begrüßt, gehen ein paar private Zimmer ab, hier lebt Daniela van Santen, 55, mit ihrer Tochter. Den Raum zur Straße nennt sie "Liebeskummerpraxis". Darin trifft sie sich mit Menschen, die mit dem Ende einer Beziehung nicht zurechtkommen.

"Wenn das Herz schreit: 'Haltet alle die Klappe, ich komm da nicht mehr raus!'", sagt van Santen, "dann komm ich ins Spiel." 

So sieht die Praxis aus:
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Die Praxis: hohe Decke, antiker Schreibtisch, zwei dunkle Sessel, die sich gegenüberstehen. Dazwischen ein Tisch, auf dem Taschentücher liegen. Auf der Fensterbank ein Aschenbecher. "Manchmal helfen Zigaretten, und die sind hier erlaubt", sagt van Santen.

Sie lässt sich in einen Sessel fallen. Seit fünf Jahren hört sie sich von diesem Platz aus die Geschichten ihrer Klienten an. Sie sind zwischen 18 und 70, die meisten sind Männer.

Manchmal helfen Zigaretten, und die sind hier erlaubt
Daniela van Santen

Einmal konnte jemand nicht begreifen, warum all seine Beziehungen nur drei Monate hielten. Einmal kam jemand, der seine Ex-Freundin seit vier Jahren nicht vergessen konnte. Einmal wollte sich jemand umbringen wegen Liebeskummer. "In dem Kopf war Chaos", sagt van Santen, "das hab ich aber hingekriegt".

Auch Lene, 27 Jahre alt, war schon oft in der Praxis. Sie kommt, als sie einen Mann zurückwill, den sie verlassen hat und der nun nichts mehr von ihr wissen will.

Fünf Jahre war sie mit David zusammen. Um in diesem Text anonym zu bleiben, möchte sie nur per E-Mail kommunizieren.

Lene, die sich selbst als zielstrebig beschreibt und nach dem Abi weiß, dass sie Lehrerin werden will. Und David, der nach dem Abi nicht so viel weiß, zwar ein Freiwilliges Soziales Jahr macht, ein wenig jobbt, "aber das Geld immer schnell ausgab", sagt Lene.

Liebeskummerberaterin van Santen: "Wenn das Herz schreit"(Bild: Petra Wedler)

"Seine Unentschlossenheit war eine Herausforderung. Das Leben schien für mehrere Jahre einfach an ihm vorbeizuziehen." Als sie für ein Jahr nach Rotterdam geht, um dort zu arbeiten, gibt er sich kaum Mühe für die Liebe. "Zwei Besuche. Dafür reichte das Geld. Ich fühlte mich allein", sagt Lene.

David entscheidet sich für ein Studium, verpasst aber die Bewerbungsfrist. "Schusseligkeit", sagt Lene. 

Sie verliert die Geduld, als David einen lange angekündigten Besuch in Rotterdam spontan absagt. "Ich machte Schluss, kopflos. Mit meinem Lieblingsmenschen. Ich hatte keine Kraft mehr." 

Aber eigentlich will Lene ihren Freund nicht verlieren. Er fleht sie an, sie solle sich für ihn entscheiden, Lene überlegt. Und entscheidet sich wieder für ihn.

Nur, dass David sich in den wenigen Wochen nach der Trennung in eine andere verliebt hat. "Das ging so schnell. Es zerriss mich", sagt Lene. 

Jede Nacht träumt sie von ihm, der jetzt unerreichbar ist für sie. "An unserem Lieblingscafé konnte ich nicht mehr vorbeigehen. An seiner Bushaltestelle schon gar nicht."

Sie spricht mit ihrer Familie, den Freundinnen. Die sagen: "So jemanden möchtest du doch nicht als Ehemann. Die Zeit heilt alle Wunden." Lene sagt: "Ich fühlte mich so unverstanden."

Dann empfiehlt ihr eine Freundin: Liebeskummerpraxis.

Die Fensterbank der Praxis: Zigaretten, Schreibzeug, Schutzengel(Bild: Nike Laurenz)

Daran, dass Menschen wie Lene sich nach Liebe sehnen und an ihr verzweifeln, verdient Daniela van Santen Geld. Das Erstgespräch in ihrer Praxis kostet 145 Euro, egal, wie lange es dauert. Jede Folgesitzung kostet 100 Euro pro Stunde.

"Für die einfachen Fälle braucht mich niemand", sagt van Santen. "Ich steig bei den Vollkatastrophen ein. Massive Enttäuschungen, Seitensprünge, Trennungen, Eifersucht."

Aber wie fängt man jemanden auf, wie tröstet man jemanden, den man nie zuvor gesehen hat?

Van Santen hat Psychologie studiert, danach arbeitete sie im Business-Coaching – Mitarbeitern und Chefs in Firmen aus Krisen helfen. Doch die hatten oft keine Jobprobleme wegen des Jobs, sondern weil sie in ihrer privaten Beziehung unzufrieden waren, erzählt van Santen. Enttäuschungen, Bindungsangst, von allem bekam sie in den Firmen zu hören, sagt sie. So kam ihr die Idee einer Praxis.

Hier darf sie beraten und betreuen, aber keine Therapien anbieten. Das würde nur gehen, wenn sie Psychotherapeutin wäre, doch nach ihrem Studium verzichtete van Santen auf die entsprechende Ausbildung.

Stattdessen ließ sie sich zum systemischen Coach ausbilden. "Ich gebe Anleitungen, den Alltag wieder zu bewältigen. Ich bin lösungsorientiert, das sind viele Therapeuten nicht."

Daniela van Santen: keine Freundin, aber Beraterin(Bild: Petra Wedler)

Die Neuen lädt sie zu einem Erstgespräch. Van Santen sitzt dann in ihrem Sessel, lässt erzählen und stellt Detailfragen. 

Wenn jemand abdriftet und nicht mehr von der Beziehung berichtet, um die van Santen sich kümmern soll, sagt sie zu ihren Klienten auch schon mal: "'Den Teil können Sie raffen.'" Schließlich wisse sie, dass ihr Stundensatz hoch sei.

Ich weiß, dass mein Stundensatz hoch ist
Daniela van Santen

Hat ihr Klient fertig erzählt, holt van Santen zwölf Karten raus mit Begriffen wie Vertrauen, Respekt, Zärtlichkeit und Achtung. Worte, die sich für Verzweifelte wie Stiche anfühlen.

Die Karten breitet van Santen auf dem Boden aus. Der Klient sortiert aus, was auf seine Beziehung oder das, was davon übrig ist, nicht mehr zutrifft. "Die meisten stellen am Ende fest: Mit dem Menschen, den ich mal liebte, hab ich nur noch Sex", sagt van Santen. "Vertrauen, Humor, Respekt, alles weg. Aber Sex geht manchmal noch."

Sie mache sich dann Notizen auf Karteikarten. Bloß nichts digitalisieren, sagt sie. "Ich nehme es ernst mit den Daten. Notizen werden regelmäßig geschreddert."

Das Gute an dieser Frau ist: In diesem Raum ist sie von niemandem die Freundin. Doch wie eine Mutter kommt sie auch nicht rüber. "Ich bin emotional nicht in die Situation verwickelt", sagt sie.

Sie mag strukturiert klingen, doch sie schafft sich dadurch Distanz, die sie braucht, um Menschen professionell zu helfen. "Bei jedem Liebesfilm bin ich die Erste, die heult. Aber in diesem Raum bin ich die Frau van Santen."

Lene geht drei Monate lang wöchentlich zu ihr. In den Sitzungen erzählt sie viel von David, gemeinsam mit van Santen denkt sie nach über die Frage: Wie überstehe ich die kommende Woche? Sie fertigen Pläne an, diskutieren, was Lene stärker machen könnte. 

Aber was heilt den Schmerz einer verlorenen Liebe wirklich?

"Individuell", sagt van Santen. Sie mache nicht "Klick" und dann sei der Kummer weg, aber sie helfe ihren Klienten, besser mit ihm umgehen zu können. Sie höre zu, bleibe neutral, halte ihre Klienten an, sich die gute Tage farbig im Kalender zu markieren.

"Der Schmerz wurde dadurch mit der Zeit berechenbarer", sagt Lene. Bis heute hat sie Kontakt mit van Santen, obwohl sie mittlerweile einen neuen Freund hat. Ihre Beraterin von damals hält sie auf dem Laufenden, dafür bezahlt sie auch.

Lektüre in der Praxis: "Warum ich fühle, was du fühlst"(Bild: Nike Laurenz)

Vielleicht begründet das den Erfolg von van Santens Praxis: Dass ihr Make-up tadellos aussieht, während gegenüber die Tränen laufen. Dass sie in einem Raum, in dem kaum einer mehr an etwas glaubt, selbstsicher bleibt. 

Es gebe nur wenige Situationen, in denen sie nicht weiter weiß. "Dann reizt es mich richtig", sagt sie. Meistens, wenn es um krankhafte Eifersucht gehe. "Wenn Leute nicht nur das Handy des anderen checken, sondern ihm nachreisen, ihn terrorisieren." 

Van Santen bespricht sich dann mit einem befreundeten Psychotherapeut, manchmal rät sie Klienten auch zu einer Therapie.

Ich hole Sie da raus
Daniela van Santen

Doch anders als ein Therapeut gehe sie auch nachts ans Telefon, weil Liebeskummer eben keine Uhrzeit kenne, sagt sie. Schon oft habe sie nach Mitternacht mit fester Stimme in den Hörer gesprochen: "Ich nehme Sie jetzt an die Hand. Ich hole Sie da raus."

Nach einer Sitzung verabschiedet sich van Santen im Wohnungsflur von ihren Klienten, reicht ihnen die Jacke.

"Eine Situation ist niemals kompliziert, das sind nur die Gedanken", ruft sie. Die Tür wirft sie mit Schwung ins Schloss.


Lene und David heißen eigentlich anders, die Namen wurden von der Redaktion geändert.


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