Lessie, 25, fragt:

Woran ich zu knabbern habe, das lässt sich so zusammenfassen: Ich weiß nicht, was Liebe ist. 

Ich bin kein verkorkster Freak, auch wenn das so klingen mag. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, habe ein vertrautes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich besuche sie ständig und wir erzählen uns viel. Sie wissen auch, dass ich gerade diese Zeilen schreibe...

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Ich hatte auch schon einige Beziehungen. Aber irgendwie hab ich dabei immer dasselbe empfunden – etwas, das ich nicht definieren kann: eine Mischung aus Kribbeln und Gleichgültigkeit

Ich fand die Männer, mit denen ich zusammen war, immer toll. Auch toller als andere. Man könnte meinen, ich war in sie verliebt. Doch alle Männer waren mir gleichzeitig egal. Es war schön mit ihnen – aber ohne sie ging es mir nicht schlechter.

Man könnte meinen, ich war verliebt
Lessie

Während meine Freundinnen Liebeskummer hatten, trennte ich mich immer ohne Schmerz. Ich genoss Küsse, Nähe, Sex, aber wenn das alles nicht da war, dann fehlte es mir auch nicht. Männer haben schon wegen mir geweint, ich hatte noch nie so ein tiefes Gefühl für einen, dass mir die Tränen kamen. 

Auch meine jetzige Beziehung funktioniert so. Wir sind ein super Team, die besten Freunde, wir haben guten Sex. Aber neulich, als wir uns mal einige Wochen nicht sahen, da hab ich ihn gar nicht vermisst

Ich versteh mich selbst nicht mehr. Ich brauche ihn, ich brauche ihn nicht. Bin ich unfähig, Liebe zu empfinden? 

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Lessie,

mangelnde bzw. reduzierte Gefühlswahrnehmung kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Zum einen spielt die genetische Veranlagung eine Rolle, wie gefühlsbetont wir sind, zum anderen die Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens macht.

So kann es zum Beispiel sein, dass man von den Eltern (oder einem Elternteil) einen eher kühleren Charakter geerbt hat und man zudem einen eher rationalen Umgang mit den Themen Beziehung und Liebe vorgelebt bekommen hat.

Womöglich war in deiner Jugend die Erfahrung, wie sehr deine Freundinnen teils gelitten haben, sehr erschreckend und bedrohlich für dich. Um dich emotional zu schützen, hast du möglicherweise mehr oder weniger bewusst beschlossen, dich nie so sehr zu verlieben.

Mehr Notfälle? Hier:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Frage dich einmal selbst:

  • Wie sieht das in deiner Familie aus? Wie sind deine Eltern charakterlich? Eher rational, ausgeglichen oder emotional impulsiv und ausdrucksstark? 
  • Sind deine Eltern in ihrer Beziehung sehr leidenschaftlich und emotional verbunden oder sind vielleicht Werte wie Sicherheit, Stabilität, gemeinsame Werte und Interessen im Vordergrund? 
  • Wie stark empfindest du andere Gefühle (Freude, Trauer, Wut)? 
  • Bist du eher ein Kopfmensch oder ein Bauchmensch
  • Ist es dir wichtig, dich selbst gut unter Kontrolle zu haben – oder bist du oft impulsiv?
Wie stark sind Gefühle – wie stark ist Kontrolle?(Bild: Unsplash)

Das Thema Beziehung beinhaltet ja immer ein großes Konfliktfeld: Der Konflikt zwischen Bindungswunsch (mit der Angst, allein zu sein) und dem Bedürfnis nach Autonomie (mit der Angst, sich hinzugeben und sich selbst zu verlieren).

In einer Beziehung zu sein, scheint für dich ja grundsätzlich sehr wichtig zu sein und du genießt es auch. Doch gleichzeitig empfindest du eine innere Unabhängigkeit. Und das hat ja auch ganz klare Vorteile.

Du leidest nicht, wenn der andere mal nicht da ist, richtest wahrscheinlich auch nicht dein ganzes Leben nach deinem Partner aus und verfolgst deine eigenen Interessen und Ziele. Und es schützt dich eben auch vor dem enormen Schmerz im Falle einer Trennung.

Du empfindest Unabhängigkeit – das hat auch Vorteile!
Kathrin Hoffmann

Du bist froh, deinen Partner zu haben, aber du könntest eben auch ohne ihn. Wie viele Frauen gibt es, die innerlich so abhängig und zutiefst emotional verstrickt sind – die beneiden dich wahrscheinlich.

Was ich damit sagen möchte: Es gibt nicht die eine richtige und angemessene Gefühlsintensität. Wir alle sind unterschiedlich gestrickt, jeder hat eine einzigartige emotionale Landkarte – manche Gefühle werden stärker empfunden, manche weniger, manche gar nicht.

Was auch immer die Ursache deiner geringen Liebesempfindung ist, versuche dich deshalb nicht, unter Druck zu setzen oder zu verurteilen. Du kannst das Gefühl nicht erzwingen. Du kannst nur versuchen, ein besseres Verständnis für deine Veranlagung, deine Prägungen, deine Bedürfnisse und Ängste zu entwickeln.

Falls eine Angst dahinter steckt, schau ihr ins Gesicht, mach dir klar, dass du es mit ihr aufnehmen kannst und riskiere einen ersten kleinen Schritt aus deiner Schutzzone.

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


Streaming

"The Jungle Book" und was diese Woche noch neu auf Netflix ist

Netflix erstaunt immer wieder mit seinem qualitativen Film- und Serienangebot und haut auch diese Woche ein richtiges Highlight raus: "The Jungle Book" ist eine faszinierende Neuverfilmung des Disney-Klassikers und begeistert sowohl jung als auch alt! Passend zur aktuellen NFL-Saison gibt es den Football-Film "Erschütternde Wahrheit" nach einer wahren Geschichte. 

"Lone Survivor" beruht ebenfalls auf einem Tatsachenbericht des ehemaligen United States Navy Seals Marcus Luttrell. Außerdem geht "Grace & Frankie" mit der dritten Staffel an den Start.

Erschütternde Wahrheit (Start 18.01.)