Bild: bento

Manchmal gibt es dieses eine Buch, das man mit Herzklopfen liest, morgens um drei, obwohl der Wecker um halb sieben klingelt. Oder die Geschichte, die einen so vereinnahmt, dass man erst im Dämmern aus der Strandliege aufsteht, einen fetten Sonnenbrand auf den Unterarmen.

An solche Bücher erinnert man sich auch noch Jahre später, an das Gefühl, das in einem aufstieg, als man Seite für Seite tiefer ins Innere der Story drang.

Herbst ist Lesezeit, deswegen stellen wir hier die Romane vor, die uns berührt, verändert und zum Nachdenken angeregt haben:

Der erfolgreiche Journalist und Karrieretyp Mitch erfährt im Fernsehen, dass sein ehemaliger Lieblingsprofessor Morrie Schwartz bald an ALS sterben wird (genau, die Krankheit mit der Ice-Bucket-Challenge). Nach einem ersten Anstandsbesuch zieht es ihn immer wieder zu Morrie. Jeden Dienstag, bis zu Morries Tod, besucht er seinen alten Mentor und lässt sich von ihm erklären, worauf es im Leben ankommt.

Jeder weiß, dass er sterben wird, aber niemand glaubt es. Wenn wir es täten, würden wir die Dinge anders machen...

Morrie ist nämlich nicht bitter, sondern milde geworden. Das Buch hat eine so hohe Dichte an klugen Sätzen, dass ich am liebsten alles aufschreiben würde. Vom Wertschätzen der Liebe bis zum Erlangen von Glück bietet diese (wahre!!!) Geschichte Dutzende Lektionen für ein besseres und erfüllteres Leben.

Hier siehst du unsere Buchempfehlungen für kalte Herbsttage:
Diese Bücher empfiehlt die Redaktion für den Herbst.
1/12

Das Hotelfrühstück in Moskau ist widerlich, das Zimmer in Kamerun ekelhaft staubig und das Schiff nach Honolulu schaukelt viel zu viel. Und die Menschen erst! Können diese Chinesen nicht endlich mal aufhören, so viel zu spucken?

Nein, das sind keine Auszüge aus einer beliebigen Trip-Advisor-Bewertungsspalte, sondern Reise-Erkenntnisse der Schriftstellerin und Kriegsreporterin Martha Gellhorn. Ihre gesammelten Berichte sind die Bibel der Expedia-Nörgler: Es hätte in der Fremde doch alles so schön sein können, wäre es nur ein bisschen mehr wie zu Hause gewesen. Mit westlicher Überheblichkeit und jeder Menge Selbstironie führt Gellhorn ihre Leser um den Globus und in die Welt zwischen den Vierziger- und Siebzigerjahren – China, Afrika, Russland. Zumindest zu Beginn an ihrer Seite: UG, der unfreiwillige Begleiter, Gellhorns damaliger Ehemann Ernest Hemingway.

Man kann Gellhorns rund 500 Seiten pointierten Gemeckers lesen und sich selbst für die nächste positive Hotelbewertung auf die Schulter klopfen. Doch hinter dem snobistischen Gejammer verstecken sich spannende Erzählungen aus einer Welt im Umbruch und scharfe, schonungslose Einblicke in das Innere der vermeintlich Weltoffenen – also unser eigenes. Was bleibt vom Fernweh, wenn man die Romantik wegreißt? Meine persönliche Antwort: Pure Reiselust, jetzt erst recht. Und mit dem Buch, das ich auf Reisen immer dabei habe, kann ich im Notfall immerhin Kakerlaken erschlagen.

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Sinah: "Shantaram" von Gregory David Roberts

Lin ist das, was man einen Taugenichts nennt. Einen kriminellen Versager. Heroinabhängig, geschieden, Bankräuber, 23 Jahre Knast liegen vor ihm. Aber er ist auch ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. Er bricht aus seinem australischen Gefängnis aus, flieht nach Mumbai und beginnt ein neues Leben in den Slums der indischen Metropole.

Was erst mal klingt wie ein unrealistischer Hollywood-Klamauk, ist tatsächlich so ähnlich passiert. Der Roman "Shantaram" ist das autobiografische Werk von Gregory David Roberts. Klar, einige Dinge mögen ausgeschmückt und verdichtet sein. Trotzdem kann der Leser kaum fassen, wie viel wildes Leben auf 1000 Seiten passt.

Man kann viel aus dem Buch lernen, wenn man möchte. Dass sich Freiheit nicht nur auf die Beweglichkeit des Körpers reduzieren lässt, sondern im Kopf beginnt. Oder, dass sich die Vergangenheit nicht abstreifen lässt wie ein abgetragenes Sakko. Man kann aber auch sein komplettes Konsumverhalten in Frage stellen. So war es jedenfalls bei mir. Beim Lesen habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, warum Menschen, die nichts haben, das Leben so viel leichter nehmen. Das Buch hat meine Einstellung zu Reichtum und Glück völlig auf den Kopf gestellt.

Marc: "Die Pyramide" von Ismail Kadare

Der Blick ins Gestern hilft oft beim Verstehen des Heute. Das ist eine ziemlich simple Weisheit – aber erst Ismail Kadare hat sie mir in seinem Roman "Die Pyramide" so brillant wie knapp deutlich gemacht.

Kadare schreibt über den Bau der Cheops-Pyramide – diesen Koloss der Weltgeschichte, erbaut über Jahrzehnte vor etwas mehr als 4500 Jahren. Die Sklaven brechen unter der Wucht der Steine zusammen, die Berater bei Hofe rätseln in einer "großen Ermittlung" über den möglichen verhexten Quader Nummer 92.249.19596.4 tief im Inneren der Pyramide.

Das alles könnte nach einem skurrilen Historienstück klingen – würde nicht Kadare ziemlich clever den Ton für die Gegenwart setzen. Über die Lust des Pharaos auf sein gigantisches Grabmal schreibt er etwa: "Etwas Ungewöhnliches musste unternommen werden, etwas, das die Ägypter durch seine Großartigkeit beschränkte und geringer machte. Kurz gesagt, etwas, das Körper und Geist auslaugte und dabei völlig unnötig war."

Das klingt nicht nur nach Ägypten, das klingt auch nach all den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts. Kadare selbst wuchs im kommunistisch geführten Albanien auf, aber "Die Pyramide" ist eine Parabel auf jedwede Unterdrückung. Der Pharao herrscht mit und durch Paranoia. Aber Angst war noch nie ein guter politischer Ratgeber.

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Miriam: "Persepolis" von Marjane Satrapi

Es gibt Geschichten, für die reichen Worte nicht aus. Die Geschichte von Marji ist so eine Geschichte. Deshalb zeichnete die iranische Comiczeichnerin Marjane Satrapi mit klaren Strichen ihre Erinnerungen aufs Papier und veröffentlichte ihre Biographie in Form eines Graphic Novels.

Marji ist das Kind von Marxisten und die Ur-Enkeltochter des letzten persischen Schahs. In ihrer Kindheit erlebt sie die Islamische Revolution in den Siebzigerjahren. "Persepolis" erzählt von den islamistischen Veränderungen in ihrer Schule, von den Schließungen der Universitäten, von der Verhaftung ihres Onkels, vom Rückzug ihrer Familie ins Private und schließlich auch von ihrer Migration und ihrer Zeit auf einem österreichischen Internat.

Kaum ein Buch hat mich so berührt, erschüttert und zum Lachen gebracht wie die Geschichte von der jungen, emanzipierten Marji, die es trotz vieler Rückschläge schaffte, ihren Weg zu gehen. Heute lebt Marjane Satrapi in Paris. Die Filmadaption von "Persepolis" wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

Nike: "Effi Briest" von Theodor Fontane

Super altbacken, super lame? "Effi Briest" erzählt keine moderne Geschichte, Theodor Fontane schrieb das Buch 1896. Und trotzdem, oder deswegen, erschrak ich beim Lesen, Seite für Seite. Wie konnte mich ein Mädchen, dessen Lebensgeschichte sich in jedem Punkt von meiner unterscheidet, nur so anbrüllen?

Effi heiratet auf Wunsch ihrer Eltern noch als sehr junge Frau den 20 Jahre älteren Baron von Instetten – und zieht nach der Hochzeitsreise zu ihm aufs Anwesen. Zunächst bewundert sie ihr neues Heim, dann fühlt sie sich immer öfter allein. Sie streitet mit dem Baron, verliebt sich in einen anderen, wird auch noch schwanger. Während sie in Kur ist, findet der Baron Liebesbriefe von Effi und dem anderen. Es folgt: Gewalt.

Effi hat ein Leben, das es ihr schwer macht, das Glück zu finden. Als ich das Buch mit 17 las, hatte ich alles, was Effi nicht hatte: eine Familie, die mich beschützt, eine Erziehung, in der ich mich frei entfalten konnte, Freunde. Unbekümmert schaukelte ich das Leben. Dann rüttelte Effi mich wach.

Ich ließ mich anbrüllen von Effi, ließ all die Forderungen des Buches in mich fließen. Versprach Effi, versprach mir, mich auf die Suche zu machen. Und bin es noch heute.

Magdalena: "Glückskind" von Steve Uhly

Es gibt Momente im Leben, nach denen ist nichts mehr, wie es einmal war. Sie kommen, wenn du nicht mit ihnen rechnest und sie haben die Macht, alles zu verändern: Deine Sicht auf die Welt, auf dein Leben, dich selbst.

Seit Jahren lebt Hans D. alleine in seiner winzigen, verwahrlosten Wohnung in einem trostlosen Wohnblock irgendwo in Deutschland, von seiner Familie verlassen, arbeitslos. Die Tage sind grau und gleich, Hans D. ist kaum unter Menschen.

Einmal aber muss er wieder nach draußen, den Müll zum Container bringen: Selbst das kostet ihn Überwindung und hätte er geahnt, was ihm dort passiert, hätte er seine Wohnung wohl nie verlassen. Im Müll findet der alte Mann ein Baby. Er hält es zunächst für eine Puppe, doch als er es anfasst, merkt er, dass die Puppe lebt. Jemand hat das Kind hier ausgesetzt. Aber anstatt die Polizei zu rufen, nimmt er das kleine Kind in seine Arme, und dann nach kurzem Zögern mit in seine Wohnung. Er nennt das Kind Felizia, sagt seinen Nachbarn, es sei sein Enkel.

Hier beginnt die packende Geschichte über die Beziehung zweier Menschen, die so überhaupt nicht zusammen gehören. Über das Versteckspiel des Hans D. vor der Polizei, was trotz seiner Dramatik auf eine unglaublich berührende und einfache Art erzählt, wie sich das Leben des Hans D. zum Positiven verändert: Die Beziehung zu seinen direkten Nachbarn und dem alten Kioskbesitzer, denen er von seinem Geheimnis erzählen muss, verändert sich genauso wie die Wertschätzung seines eigenen Lebens.

Glückskind hat mich in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken gebracht: Über den Wert des eigenen Lebens, über Verantwortung, aber auch über die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Deutschland.

Käthe: "Die Unperfekten" von Tom Rachmann

Tom Rachmann erzählt in “Die Unperfekten” von einer internationalen Tageszeitung, die ihrem Ende entgegenblickt. Doch hier geht es nicht um wirtschaftliche Entwicklungen, sondern um Menschen, die neben ihren privaten Problemen auch noch ihren Job meistern müssen. Da ist Lloyd, der einsame Pariser Korrespondent. Arthur, der Experte für Nachrufe, und Ruby, die nach der großen Liebe sucht.

Ich habe das Buch während des Studiums gelesen. Mir hat es gezeigt: Es lohnt sich, für den Job zu brennen und sich gleichzeitig nicht auf dem auszuruhen, was Publizisten vor uns erschaffen haben.

Aber auch für alle, die nichts mit Medien zu tun haben, wird dieser Roman bewegend sein. Man wird seine Kollegen anschauen und denken: Wir alle arbeiten für eine Sache, aber privat hat jeder noch einmal seine ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen.

Annika: "Die Welle" von Morton Rhue

"Die Welle" ist ein Roman aus den Achtzigern, der auf erschreckend realistische Weise schildert, wie schnell sich Massen durch bereits im "Dritten Reich" angewendete Methoden manipulieren lassen können. Die Geschichte basiert auf einem realen Experiment, das 1967 in Kalifornien stattgefunden hat.

Der Geschichtslehrer Ben Ross zeigt im Unterricht einen Film über den Holocaust, woraufhin die Schüler die feste Überzeugung äußern, dass eine derartige Massenmanipulation nicht noch einmal passieren könne. Kurzerhand ruft der Lehrer ein Sozialexperiment ins Leben, das zeigen soll, wie autoritäre gesellschaftliche Strukturen entstehen. Die von Benn Ross angeführte Bewegung "Die Welle" verselbstständigt sich schnell auch außerhalb des Geschichtsunterrichts und eskaliert in Gewalt.

Der Roman hinterlässt das ungute Gefühl, dass unsere Gesellschaft berechenbar einfach funktioniert. Wie der Erfolg der AfD und der Sieg von Donald Trump zeigen, reicht unsere abschreckende Vergangenheit nicht aus, um zukünftige Fehler ausschließen zu können. "Die Welle" hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, zu hinterfragen, was in unserer Gesellschaft passiert und warum das so ist.


Haha

Comic: Die Homos sollen doch froh sein