Folge 1 unserer Serie: Dorfliebe

Tanja und Mareke sind ihr halbes Leben lang ein Paar. Vor 17 Jahren lernen sie sich in der Disco kennen. Hochzeit, Haus auf dem Land und Kind – so haben sie sich ihr Leben vorgestellt. Es sollte eine Liebesgeschichte sein, dann trennten sie sich überraschend.

Dorfliebe

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben auf dem Land (Statista). Dort spielen die Geschichten des Alltags, die großen und kleinen Dramen. Davon berichten Masterstudierende des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie haben sich aufgemacht und die Liebe auf dem Dorf gesucht. 

Hier findest du alle Geschichten der Reihe und hier gibt es mehr Infos zum Projekt.

Um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen, brechen Mareke und Tanja früh am Morgen auf. Sie fahren quer durch Ostfriesland, vorbei an platten Feldern, schlafenden Höfen, entlang der Nordseeküste und dann über die dänische Grenze. Nach knapp sechs Stunden erreichen sie die Kinderwunsch-Klinik in Aarhus. Endlich wollen sie eine Familie werden.

So erzählt das Paar von einer seiner Fahrten nach Dänemark. Fünf Mal waren Tanja und Mareke schon dort. Beide sind Mitte 30 und versuchen seit drei Jahren, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen. Dann wäre ihr Glück perfekt. 

Immer wieder treten Mareke und Tanja die Reise an. Jedes Mal hoffen sie, dass es klappt.

"Ohne Mareke hätte ich längst aufgegeben", sagt Tanja. Und: "Was Mareke sich in den Kopf setzt, zieht sie durch." Über Tanja würde das niemand sagen. Wenn sie spricht, blickt sie unsicher auf den Boden, lächelt schüchtern oder zippelt an ihrem Schal. Sie hat beinahe etwas Kindliches. Es sind nur ein paar Grad über Null an diesem Nachmittag Mitte Dezember, aber sie spaziert jeden Tag durch den Wald gegenüber ihres Bauernhauses. Immer klebt Hündin Lucy an ihren Beinen.

(Bild: Wiebke Bolle)

Tanja bleibt auf dem Waldweg stehen. Sie selbst hätte schwanger werden sollen. "Es hat einfach nicht geklappt", sagt sie leise. Jetzt soll Mareke das Kind bekommen. Gerade macht sie eine Kur in der Nähe von Lübeck und Tanja ist allein in Ostfriesland geblieben. Sie werde Mareke nicht besuchen, sagt Tanja. Nur an Heiligabend komme Mareke für einen Tag nach Hause. Silvester feiern sie in diesem Jahr getrennt.

Vor 17 Jahren lernt sich das Paar in der Disco kennen, der Beginn einer Jugendliebe. 

Neun Jahre später heiraten sie. Den Antrag bekommt Tanja auf der Geburtstagsparty einer Freundin. Plötzlich blinkt ihr Handy auf. Eine Nachricht: 

Willst du mich heiraten? 

Tanja reißt den Kopf herum, schaut ihrer Freundin in die Augen – und sagt: "Ja." In diesem Moment sind sie überglücklich.

Doch das ist nicht immer so gewesen. Einmal haben sie sich für fast ein Jahr getrennt – wegen Tanjas Eifersucht. "Das war furchtbar", ruft Tanja in den Wald hinein, das 'a' betont sie stark. Sie habe Mareke nachgeweint und an sich gezweifelt. Dann lernte sie eine andere Frau kennen. Einen Tag, bevor sie zu ihrer neuen Freundin nach Nürnberg ziehen wollte, stand Mareke mit einem Blumenstrauß auf einem Parkplatz vor ihrem alten Wagen. Aus dem Kofferraum spielte ihr gemeinsames Lied: der Titelsong von "Dirty Dancing".

'Cause I've had the time of my life 

Einmal "Time of my Life" spüren, einmal tanzen wie Jennifer Grey und Patrick Swayze – das haben die beiden immer gewollt. Zum zehnjährigen Hochzeitstag platnen sie eine Gartenparty und wollten dafür extra einen Tanzkurs machen. "Nur die Hebefigur lassen wir weg", sagte Tanja schnell.

(Bild: privat)

Sie überquert eine Klinkerstraße und erreicht das Bauernaus mit dem roten Dach. Mareke ist hier aufgewachsen. 

Früher, sagt Tanja, hätte sie sich niemals vorstellen können, auf dem Land zu leben. 

Sie ist in Stuttgart geboren, hat später in Emden und Aurich gewohnt. Nach sieben Jahren Dorfleben könne sie sich nichts anderes mehr vorstellen. Da ist Ruhe statt Lärm, Weite statt Enge. Morgens hört man nur Wind und ein paar Vögel.

In der Küche ist es warm, Tanja hat den Kamin schon vor dem Spaziergang angemacht. Sie blickt aus dem Fenster auf die Wildblumenwiese hinter dem Haus. "Im Frühling ist hier alles grün. Nichts ist so schön, wie zu beobachten, was da so wächst." Im Garten hacke Mareke das Holz und sie selbst pflanze Zwiebeln an. Tanja kramt nach den Hochzeitsfotos. Zu sehen ist das frisch getraute Paar, wie es durch eine Gasse aus Menschen mit Rosen in den Händen läuft. Tanja trägt ein knielanges Brautkleid, Mareke einen weißen Hosenanzug. Beide lachen.

Tanja braucht jemanden, der ihr die Angst nimmt. Jemanden wie Mareke. 

Seit drei Wochen erholt sich Mareke nun schon in Bad Schwartau. Der Kurort liegt etwa zehn Minuten von Lübeck entfernt. An einem Samstagmittag kurz vor Weihnachten lehnt Mareke an einem Geländer vor dem Bahnhof. Ihre Haare sind wenige Zentimeter kurz, durch die rechte Augenbraue trägt sie einen Ring. Mareke sagt, sie könne hier Kraft sammeln. Nicht nur der Kinderwunsch sei anstrengend und belaste die Beziehung: "Ich brauche mal Zeit für mich."

Sie geht zum Naturpark neben dem Kurhaus. Hier gibt es inmitten vieler Kiefern einen Hügel, den sie ohne Umwege hinaufsteigt. Mareke nimmt einen tiefen Atemzug Kiefernduft. Keiner könne sich vorstellen, sagt sie dann, dass sie bald womöglich einen Bauch vor sich her trage. "Ich bin weniger Mutter, eher Kumpeltyp." Tanja hingegen würde bestimmt eine besonders sensible Mutter sein. Ein "Herzmensch", wie Mareke es nennt. 

(Bild: Wiebke Bolle)

Mareke hingegen provoziert gerne. Im Sommer hat sie eine Regenbogenflagge vor dem Haus befestigt, so groß wie das Garagentor. Einige Nachbarn haben sich darüber aufgeregt. Man müsse seine Sexualität nicht zur Schau stellen, sollen sie gesagt haben. Bei dem Gedanken daran prustet Mareke laut los. "Meinen Bauch würde ich stolz in die Sonne halten", sagt sie. Ihr ist egal, was die Leute denken.

Die eigenen Mütter wissen nichts vom Kinderwunsch, das Verhältnis ist nicht gut. Tanjas Mutter entschied sich vor Jahren gegen ihre Tochter und für den Stiefvater. Mareke hält oberflächlich zu ihrer Mutter Kontakt. "Wir reden nicht. Da ist etwas kaputt", sagt sie. Als sie 17 Jahre alt ist, outet sie sich. Ihre Mutter kann das nicht akzeptieren. Mareke zieht aus und bricht den Kontakt zu ihrer Familie ab. Mit dem Vater und dem Bruder habe sie sich später versöhnt. "Aber meine Mutter", sagt sie mit fester Stimme, "hat mich bis heute nicht zu Hause besucht." Wenn sie bei ihrer Oma Tee trinken und die Mutter dabei ist, küsst sie Tanja nicht.

Anfang Januar kommt Mareke von der Kur zurück. Aber etwas ist anders. 

Mareke ist durcheinander und weiß nicht mehr, was sie will. Der Kinderwunsch ist plötzlich ganz weit weg. Sie und Tanja sind ehrlich zueinander – so ehrlich, wie schon lange nicht mehr. Mareke hat in der Kur eine andere Frau kennengelernt und Tanja erzählt von einer früheren Liebschaft.

Kurz darauf zieht Tanja vorübergehend aus und nimmt Hündin Lucy mit. Beide haben es der anderen immer nur recht machen wollen, sagen sie. Dabei hätten sie sich selbst verloren. Tanja ist für Mareke aufs Land gezogen und ein bisschen ist sie auch enttäuscht, dass sie das Kind nicht selbst bekommen konnte. Mareke ist erschöpft, weil sie immer die Starke sein musste. 

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Zuerst wollen sie nur Abstand. Nach einigen Wochen ist klar, dass dies das Ende ist. 

Die vielen Versuche, schwanger zu werden, waren eine Zerreißprobe für die Beziehung. Jedes Mal hofften sie, dann waren sie enttäuscht. Immer wieder Hoffnung und Enttäuschung. Eigentlich wollen Tanja und Mareke nur gute Mütter sein, es besser machen als ihre eigenen. Nähe zeigen und immer für ihr Kind da sein. Es akzeptieren, wie es ist. Diesmal sollte die Mutter-Tochter-Beziehung gelingen. Ein Kind hätte sie wieder näher zusammenbringen können, dachten sie.

In den vergangenen Wochen haben sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Aber 17 Jahre schmeißt man nicht einfach weg. Eine Ehe ist nicht über Nacht vorbei.

Im Februar treffen sie sich zum letzten Mal, um Finanzielles zu regeln. Und um aufzuteilen, wer sich wann um Lucy kümmert. Sie haben die Hündin schließlich zusammen großgezogen. 

(Bild: Wiebke Bolle)

Wenige Tage danach bekommt Tanja einen Brief von Mareke, in dem sie sich von ihr verabschiedet. Sie habe sich verändert, steht darin. Aber auch Tanja ist anders. Aufrecht sitzt sie da, am Tisch ihrer kleinen Dachwohnung am Stadtrand von Aurich und erzählt von ihren Plänen für die Zukunft. Feiern gehen wolle sie bald und zum Café in der Innenstadt habe sie es nicht weit.

Tanja und Mareke sind heute kein Paar mehr. Manche Beziehungen scheitern und Jugendlieben enden. Das ist für beide in Ordnung. Sie hatten ihre Zeit.


Gerechtigkeit

Verdienen Politikerinnen und Politiker wirklich zu viel Geld?
Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Fast immer, wenn sich die Diäten von Bundestagsabgeordneten erhöhen, ist der Aufschrei groß: "Saftige Diätenerhöhung" oder "Diäten-Hammer!" titeln Zeitungen regelmäßig. Seit dem 1. Juli beträgt das Grundgehalt unserer Parlamentarierinnen und Parlamentarier erstmals mehr als 10.000 Euro im Monat. 

Aber sind die Gehälter für Politikerinnen und Politiker gerechtfertigt? Bezahlt werden die Abgeordneten schließlich vom Geld der Steuerzahlenden.

Einige Parlamentarier verdienen außerdem nebenbei kräftig in der Wirtschaft mit, bei manchen sind es Hunderttausende Euro im Jahr.