Bild: Westend 61/imago

Samstagabend, kurz vor zehn in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Ich sitze in der Küche meiner Eltern und warte mit einer Freundin darauf, dass ein Freund uns abholt. Es fühlt sich an, als sei ich wieder 17.

Unsere Elternhäuser sind nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt, dazwischen eine Kirche, eine Grundschule und ein Tante-Emma-Laden. Wer hier lebt und ein Auto besitzt, hat alles, was er braucht. Draußen ist es fast still. Die Tankstelle am Ortseingang schließt in wenigen Minuten.

Ich lebe heute mehr als 500 km entfernt in Hamburg. Meine Freunde in Stuttgart oder Südamerika. Treffen wir uns in unseren Heimatdörfern, ist es wie früher. Und es stellt sich dieselbe Frage:

Wo bekommen wir jetzt noch ein Bier her?

Früher habe ich mich nach der Großstadt gesehnt, heute sind die Abende auf dem Dorf für mich eine Flucht. Auf dem Land gibt es nach Sonnenuntergang nichts außer Stille, die gelegentlich vom Klappern sich schließender Rolläden durchbrochen wird.

Es gibt keinen Späti und keinen Hipster-Laden mit Craft-Gin-Auswahl. Stattdessen Seniorenteller, Kaffee in Kännchen und Abendessen um 18 Uhr. Selbst am Wochenende schließen in der nächstgrößeren Kurstadt alle Gaststätten spätestens um zehn.

In den meisten Nächten bleibt danach nur die Raucherkneipe. Ein unterirdischer Zufluchtsort für alle zwischen 16 und 60 Jahre, die um keinen Preis nach Hause wollen. Ein Raum mit Billardtisch, alten Nummernschildern an den Wänden und ohne Handyempfang.

Stadt oder Land?

Mehr als 40 Prozent der Menschen in Deutschland leben in Dörfern und Kleinstädten und fast ein Drittel in sogenannten Mittelstädten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Nur etwa 20 Prozent der Menschen wünschen sich derzeit, in einer Großstadt zu leben. Viele ziehen  in angrenzende Kleinstädte oder ländliche Gegenden, die sogenannten "Speckgürtel" der Stadt. Prognosen zeigen, dass in Zukunft immer weniger Menschen in Dörfern leben werden. (ARD/Bertelsmann-Stiftung/Statista/Statista)

Mein Heimatdorf hat mittlerweile 790 Einwohnerinnen und Einwohner. Ich gehöre nicht mehr dazu. Genau wie fast alle meine Schulfreunde. Niemand ist geblieben und nur wenige sind zurückgekommen. Sie haben Kinder oder einen Hund, eine Wohnung gekauft oder ein Haus gebaut, denn dafür eignet sich das Heimatdorf gut.

In der Stadt sind Stille und Natur Luxus.

Auf dem Land ist das Normalität. Als Jugendliche war das furchtbar. Ich fuhr mit Freundinnen mit der Regionalbahn zweieinhalb Stunden zum Einkaufen nach Stuttgart. Zum feiern suchten wir uns bald spannendere Orte als unsere Kinderzimmer, Partykeller oder den Schulhof.

Wir wollten weg. Erfahren, was wir aus Filmen und Serien kannten: Partynächte wie in New York, riesige Einkaufsstraßen und Kaffee von Starbucks. Am Ende war es nur die bayerische Mittelstadt, die uns mit ihren kleinen Clubs und jungen Cafés etwas Eleganz und Exklusivität vermittelte.

Fast zehn Jahre später lebe ich genau so, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Wenn ich heute nach der Arbeit Lust auf einen "Flat White mit Hafermilch" habe, bekomme ich den problemlos auf dem Heimweg. Es gibt alles, was ich mir vom Stadtleben gewünscht habe. Konzerte, Lesungen, Museen, gemütliche Kneipen, neue Restaurants. Im Frühsommer "cornern" wir mit dem Bier oder der Limo in der Hand auf dem Gehweg. Wenn ich will, gehe ich in eine Bar und trinke Moscow Mule aus kupferfarbenen Bechern mit Metallstrohhalmen. 

Oder ich versacke in den WG-Küchen meiner Freundinnen und Freunde in der Stadt. Dort gefällt es uns an manchen Abenden so gut, dass niemand wirklich Lust hat, noch ein einen Club zu gehen. Manchmal brechen wir trotzdem auf, wer weiß, was man sonst verpasst. Aber wenn der Abend nicht spektakulär wird, wird viel zu früh die letzte Runde bestellt. Es ist ja nicht weit bis nach Hause.

Auf dem Dorf ist das anders. Wenn man weggeht, dann richtig. 

Wer eine knappe Stunde fährt, um mit Freunden auszugehen, haut nicht um zwei Uhr ab, weil der DJ nervt. Und wer im eigenen Dorf bleibt, prostet sich mit Menschen zu, die er schon sein ganzes Leben kennt. Wenn es keine Kneipen oder Clubs gibt, lädt man Freunde öfter zu sich ein oder feiert auf dem Dorffest in der Sporthalle.

Das alles ist auf eine angenehme Art privater als eine Szenebar. Und trotzdem ausgelassener. Denn auf dem Dorf ist man sich nicht ständig zu cool. Niemand muss mit Balenciaga oder Handy um den Hals darauf warten, in den Club zu kommen. Hier wird man an der Tür mit Vornamen begrüßt und gefragt, wie es den Eltern geht. Drückt ein Song die Stimmung, verlässt niemand genervt die Party. Weil ich über ein paar Ecken alle kenne, kann ich mich richtig fallen lassen.

Mein Heimatabend wird so, wie es immer war.

Als wir uns auf den Weg in die kleine Innenstadt machen, fragen wir in drei Gaststätten, ob es um kurz vor zehn noch etwas zu Essen gibt. Gibt es natürlich nicht. Zwei schließen gerade, sie haben nicht mal mehr etwas zu trinken. Selbst die Döner-Läden haben zu. In einer Pizzeria am Bahnhof haben wir Glück – zumindest für eine Dreiviertelstunde. Dann werden wir höflich aufgefordert, zu zahlen.

Der Abend endet im Garten meiner Eltern. Mit gratis Getränken, Schokolade, Lieblingsmusik und unserer alten Abi-Zeitung. Das Bier ist lauwarm, fernab des Gartentischs ist es stockdunkel und außer der Musik und unseren Gesprächen absolut still.

Ich fühle mich wieder wie siebzehn. Das ist cornern "auf Dorf" und ich liebe es, weil es nicht hip sein will. Niemals, denke ich oft, würde ich zurück aufs Land ziehen. Aber  in solchen Momenten vermisse ich nichts, gar nichts, an meinem Leben in der Großstadt.


Gerechtigkeit

Was sich für junge Menschen ändern würde, wenn die AfD in Sachsen an die Macht käme
Wir haben mit einem Experten ins Regierungsprogramm geschaut.

Im September wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt. In aktuellen Umfragen liegt die AfD mit der CDU entweder gleichauf – oder sogar vorn. Die Rechtspopulisten haben damit erstmals die Chance, in einem Bundesland stärkste Kraft zu werden. Also auch: möglicherweise die Regierung zu führen.

Zum Auftakt ihres Wahlkampfs stellte die AfD in Sachsen daher auch kein Wahlprogramm vor – sondern gleich ein eigenes Regierungsprogramm.

Zwar gibt es aktuell keine Partei, die mit der AfD koalieren möchte – und auch Parteien mit weniger Stimmen könnten gemeinsam an der AfD vorbei eine Regierung bilden. Dennoch geben sich die Rechtspopulisten selbstbewusst. Ihr Regierungsprogramm wird vor allem als Angebot an die sächsische CDU verstanden.