Ich streiche mit meinen Fingern sanft über Omars* Arme und knete seine Hände. Eigentlich kenne ich ihn gar nicht. Eigentlich kenne ich keinen der acht Leute, die da neben mir liegen.

Doch unsere fremden Körper schmiegen sich eng aneinander, wir kraulen einander unsere Köpfe, unsere Hände fahren sanft über die Haut des anderen.

Keine sexuellen Gefühle. Fast keine. Es ist das erste Mal, dass ich auf einer Kuschelparty bin.

Eine Veranstaltung, bei der man sich zum Schmusen verabredet. An Kuschelpartys nehmen maximal ein paar Dutzend Leute teil, sie sind nackt oder angezogen, es gibt Regeln – oder nicht.

Jeder kann sie anbieten, sie werden meistens online beworben – im vergangenen Jahr an mindestens 52 Orten in ganz Deutschland. Warum? Weil Menschen, so eine Vermutung, Kuscheldefizite hätten, seit der Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft immer weniger funktioniere. Weil Menschen sich zunehmend einsam fühlten. (Zeit Online

Es ist das erste Mal, dass ich auf einer Kuschelparty bin
Autorin Lisbeth

Es ist Oktober. Ich sehne mich nach etwas Nähe, denn ich bin vor zwei Wochen fürs Studium nach München gezogen. Hier kenne ich noch niemanden. Ich installiere ich mir die Netzwerk-App "Meetup", die das ändern könnte. Zum Beispiel durchs Joggen, Stadt erkunden – oder durch eine Kuschelparty.

"Geil, das ist gerade genau das Richtige!", denke ich, und klicke auf "Teilnehmen". Kurz danach schickt mir Omar, der Veranstalter, die Adresse seiner Wohnung. 

Während der Bahnfahrt werde ich nervös: Ist es wirklich eine gute Idee, mich mit Fremden in einer fremden Wohnung zu treffen? Zum Schmusen? Was, wenn das alles perverse Spinner sind? 

Vor Omars Haustür beschleunigt sich mein Herzschlag. Doch dann empfängt er mich sehr herzlich: "Schön, dass du da bist", sagt er und lächelt.

Die langen schwarzen Haare fallen ihm leicht ins Gesicht. Er ist genau wie ich Mitte 20, so alt sind auch die meisten anderen Leute, die langsam in Omars Einzimmerwohnung eintrudeln.

Er hat sein Wohnzimmer eher minimalistisch eingerichtet, ohne viel Deko, dafür steht da aber ein Regal mit einer Fantasybuch-Sammlung. In der Mitte liegt eine Luftmatratze, daneben ein Doppelbett. Wir stehen erst mal.

Szene auf der Kuschelparty: überall Hände!(Bild: privat)

Die anderen scheinen alles andere als perverse Spinner zu sein. Es sind genauso viele Frauen wie Männer da. Drei der Teilnehmer leben in einer polyamoren Beziehung, die anderen sieben sind Single. Und die meisten sagen von sich, dass sie nicht hier seien, um Kontakte zu knüpfen, sondern einfach, weil ihnen Kuscheln Spaß macht.

Das merkt man: Schon allein das Reden darüber treibt ihnen ein Lächeln ins Gesicht. Wir machen eine Vorstellungsrunde und lachen viel.

Auch, als Omar die Regeln vorliest. "Es ist okay, wenn erotische Gefühle aufkommen, aber sexuelle Handlungen sind tabu", sagt er. "Die Kleidung bleibt an." Ein paar kichern, andere stöhnen ironisch. 

Ich schaue mich in der Runde um: Noch glaube ich nicht, dass bei mir erotische Gefühle aufkommen werden. Die Menschen wirken sehr locker und freundlich – aber nicht sexy.

Es ist okay, wenn erotische Gefühle aufkommen
Omar, Kuschelparty-Veranstalter

Falls jemand zu weit geht, gilt "Nein heißt nein" – und wer mit einer Person nicht kuscheln möchte, dem sei das erlaubt. Es folgen drei Übungen, wie Omar sie nennt: 

1. Rumwuseln.

Wir strecken unsere Hände in die Mitte und schließen die Augen. Dann sollen wir uns anfassen. Ich muss grinsen und mir das Lachen verkneifen, ab und zu höre ich ein Kichern, ansonsten nur das leise Geräusch von Haut auf Haut.

Ich folge am Anfang den Bewegungen der anderen, mit der Zeit erkunde ich auch selbst: Einige Hände fühlen sich an wie Eisbrocken, andere sind wärmer, es gibt raue und weiche, eher hastige Bewegungen und sinnliches Fühlen. Nach fünf Minuten ist es vorbei.

2. Einzelpartie.

Einer stellt sich in die Mitte, schließt die Augen und die anderen fassen ihn von Kopf bis Fuß an. Ich traue mich als erstes nicht, die Augen zu schließen, mich fallen zu lassen. Dann mach ich es doch. Ich konzentriere mich auf die Berührungen und vergesse die Welt um mich herum – es ist wahnsinnig schön. 

Auch die anderen genießen es. Einer dreht und wendet sich, wirft den Kopf vor und zurück. Sein Körper scheint unseren Berührungen zu folgen. 

Die Kuschelnden – darunter Autorin Lisbeth (2.v.r.)(Bild: privat)
3. Rumflauschen. 

Wir legen uns alle auf Bett und Luftmatratze. Jetzt läuft klassische Musik, Omar dimmt das Licht. Nun gibt es keine Regeln mehr – und alle kuscheln wild drauf los.

Ich setze mich zunächte schüchtern auf den Rand der Luftmatratze, dann lege ich mich zu Omar.

Ich streichel seinen Bauch, Arme und Beine. Plötzlich fühlt sich alles erregend an. Ich stelle mir vor, wie wir Sex haben, wir allein auf dieser Matratze – und erschrecke. Soll ich den Gedanken zulassen? Ja, laut Regelwerk sind erotische Gefühle hier ja durchaus erlaubt. Und ganz ehrlich, anders geht es auch nicht.

Ohh, wie flauschig
Teilnehmer der Kuschelparty

Ich gebe mich der Vorstellung ein paar Minuten hin, und bin ganz still. Ich fühle, lasse los. Ob es den anderen auch so geht? Ich höre: "Ohh, wie flauschig" oder "Kuscheln ist sooo schön!" Es ist ziemlich dunkel. Ab und zu legt sich einer auf alle – wir stöhnen zunächst unter dem Gewicht, lachen dann aber. 

Zwischendurch lösen wir die Kuschelknäule, naschen was vom Essen, das alle mitgebracht haben. Bis auf zwei, die noch auf dem Bett liegen und sich schon sehr lange tief in die Augen schauen. 

Die Musik wandelt sich, jetzt läuft was von den Backstreetboys, und die meisten singen mit. Irgendwie ist das befreiend. Es stimmt: Kuscheln tut gut und setzt Glückshormone frei. Zumindest bei mir. Ich habe mich selten so wohl gefühlt. 

Es geht vor allem darum, sich Halt und Geborgenheit zu geben – die Mauer zu durchbrechen, die manche von uns täglich umgibt.

Ich jedenfalls fühle mich schon etwas weniger einsam. Und wenn ich jemanden von den Kuschel-Leuten wieder sehe, dann besteht zwischen uns ganz sicher eine Verbindung. Eine, die nur wir verstehen.


*Name von der Redaktion geändert.


Future

Modus, Gugelhupf & Co.: Kennst du den richtigen Plural?

Vergiss Gedichte aufsagen an Weihnachten – zeig lieber, dass du die deutsche Sprache beherrschst! Denn manchmal ist es schwerer als gedacht, den richtigen Plural zu finden. 

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