In Ruhe lassen oder vorbeikommen?

Plötzlich kann die beste Freundin oder der beste Freund abends nicht mehr mit zum Sport, am Wochenende durch die Kneipen ziehen oder spontan mit nach Prag fahren. Wir wollen uns diese Situation nicht vorstellen, trotzdem tritt sie manchmal ein: Jemand, der uns nahe steht, wird krank. Die Partnerin hat Krebs, der Vater sitzt nach einem Motorradunfall im Rollstuhl. 

Dann wollen wir da sein, helfen und vernünftig reagieren. Wie geht das? Wir haben Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen gefragt.

Erwachsenwerden für Anfänger

Irgendwie dachten wir früher immer, Leute in unserem Alter hätten das Leben besser im Griff: Finanzen geregelt, Kühlschrank gefüllt. Heute wissen wir: Sachen im Griff haben ist schwerer als gedacht. Also googlen wir unsere Probleme. Die Antworten der Suchmaschine sind nur leider manchmal unbefriedigend. Deshalb klären wir mit Hilfe von echten Experten Fragen, die Google uns vorschlägt, wenn wir bestimmte Begriffe eingeben. Zum Beispiel Plastikflaschen – oder Kopfhörer.

1.

Das erste Gespräch, nachdem die Diagnose gestellt ist: Wie reagiere ich?

"Die erste Frage sollte lauten: Willst du darüber reden?", sagt Seifried. Denn: "Es gibt Menschen, die offen über ihre Erkrankung sprechen, andere verschließen sich und ziehen sich zurück." Deshalb: Erstmal abwarten und herausfinden, zu welchem Typ der- oder diejenige gehört. "Wenn jemand nicht reden möchte, dann sollte ich das akzeptieren und nicht versuchen, die Person zu drängen." 

Möchte er oder sie darüber sprechen, hören wir erst zu und bieten dann konkret unsere Hilfe an: Was kann ich für dich tun, wie kann ich dir jetzt helfen?

2.

Sie vergräbt sich im Bett, aber ich finde, sie braucht dringend Ablenkung. Darf ich mit Popcorn zum Binge-Watching vorbeikommen? 

"Wir können anbieten, gemeinsam Zeit zu verbringen oder für den Erkrankten zu sorgen", sagt Seifried. Ein guter Vorschlag kann sein: "Ich komme vorbei, ich bringe dir etwas, ich fahre mit dir an einen schönen Ort."

Wenn die Freundin abblockt, können wir es mit einem Spontanbesuch versuchen – aber wir sollten uns darauf gefasst machen, dass sie niemanden sehen will. Nicht einmal uns und die Lieblingsserie. "Ich kann Menschen vorsichtig dazu ermuntern, etwas zu unternehmen oder über die Krankheit zu sprechen", sagt der Psychologe. "Aber wenn sie sich komplett verschließen, hilft oft nur professionelle Unterstützung."

Wir können es mit einem Spontanbesuch versuchen - wir sollten aber drauf gefasst sein, dass sie niemanden sehen will.
Klaus Seifried, Psychologe

3.

Darf ich eine Therapie vorschlagen?

"Natürlich kann ich als Freund oder Angehöriger sagen: Ich bin der Meinung, du brauchst professionelle Hilfe", sagt Seifried. Aber: Das sollte nur ein vorsichtig formulierter Vorschlag sein – die Entscheidung liegt nicht bei uns." Es ist wie bei Rauchern: Wenn man jemandem sagt, dass Rauchen schädlich ist und derjenige doch aufhören sollte, dann hilft das nur selten. Man muss es selbst wollen."

4.

Auch mir geht es schlecht. Darf ich das zeigen? 

Ich will direkt losheulen, denke an die vielen Pläne, die wir für die nächsten Monate hatten – und die Auswirkungen, die die Krankheit auch für mich hat. Darf ich das mit der betroffenen Person teilen? "Man kann sie in den Arm nehmen und gemeinsam trauern oder weinen", sagt der Psychologe. "Aber eigentlich wünscht sich die kranke Person, dass man ihr Halt gibt. Wer selbst zu sehr mitleidet, kann im Zweifel nicht helfen und wenig geben."

Am besten ist ein Mittelweg: Mitgefühl und Traurigkeit zeigen, aber sich gleichzeitig zusammenreißen und für die andere Person stark sein. Heulen können wir später zu Hause immer noch.

5.

Darf ich mich abgrenzen? Nein sagen, wenn die kranke Person um Hilfe bittet?

Notwendig kann das vor allem dann sein, wenn es sich bei der erkrankten Person um ein Elternteil handelt. "Wenn junge Menschen erfahren, dass die Mutter oder der Vater schwerkrank ist, setzt oft eine sogenannte Parentifizierung ein", sagt Seifried. "Die Rollen werden getauscht, die Kinder kümmern sich plötzlich um alles und versorgen Vater oder Mutter. Das überfordert die Kinder oft und sie müssen lernen, sich abzugrenzen."

Das bedeutet: Vorsichtig erklären, was man leisten kann, und was nicht. Wenn der eigene Job, die Beziehung daran zerbricht, ist niemandem geholfen. "Die genaue Grenze kann natürlich jeder nur für sich selbst finden", sagt Seifried. 

Die Krankheit der Eltern überfordert Kinder oft
Klaus Seifried, Psychologe

6.

Kann es sein, dass ich selbst einen Therapeuten brauche? 

Das hängt von der Beziehung zum kranken Menschen ab. Wenn der eigene Freund plötzlich querschnittsgelähmt ist oder ich erfahre, dass mein Vater bald stirbt, kann das so sehr belasten, dass eine Therapie sinnvoll ist. "Oft kommen auch Schuldgefühle und Selbstzweifel hinzu, weil man das Gefühl hat, nicht genug Unterstützung zu leisten und nicht stark genug zu sein", sagt Seifried. Psychologische Hilfe ist dann ein guter Weg, um nicht selbst an der Situation zu zerbrechen.

7.

Kann ich noch feiern gehen – obwohl ich weiß, wie gern mein Freund oder meine Freundin dabei wäre?

Das ist okay. So komisch es sich zunächst anfühlt. "Viele Menschen haben Schuldgefühle, weil es ihnen gesundheitlich gut geht und der anderen Person nicht", sagt der Psychologe. Aber ein schlechtes Gewissen hilft niemandem – ganz im Gegenteil: Es ist für uns und unsere Freunde wichtig, dass wir zwischendurch eine gute Zeit haben, uns ablenken und Energie tanken. 

"Wenn die Bezugsperson dann zufrieden wiederkommt, kann sie der kranken Person mehr geben, als wenn es ihr selbst schlecht geht, weil sie sich zu sehr anpasst." Wer für die Freundin stark sein will, muss auf sich selbst achten – und das eigene Leben weiterleben.


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