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Die Hautkrankheit kann auch psychisch zur Belastung werden.

"Ich habe alle Dating-Apps von meinem Smartphone gelöscht, weil ich wusste, dass ich mich mit niemandem treffen kann", erzählt Max*, 28. Ein Jahr lang blieb Max allein – denn ein Jahr lang war er krank. Er hatte die Krätze.

Krätze – allein das Wort löst bei vielen Menschen Ekel aus. Immerhin benennt Harry Potters Freund Ron seine schäbige Ratte nicht umsonst nach der Krankheit. Und wir kriegen sprichwörtlich die Krätze, wenn uns etwas zuwider ist oder wir uns über etwas ärgern. 

Doch Krätze existiert nicht nur in Büchern. Tatsächlich ist die Hauterkrankung in Deutschland wieder besonders aktiv. Und sie hat nicht nur körperlich unangenehme Auswirkungen. 

Für Menschen wie Max kann die Krätze auch zur psychischen Belastung werden.

Die Krätze, auch Skabies genannt, wird durch eine Milbe ausgelöst. Die Parasiten sind mit dem bloßen Auge nur schwer zu sehen. Einmal eingefangen, paaren sie sich auf der Hautoberfläche. Anschließend sterben die männlichen Milben, während die Weibchen Gänge in die obere Hautschicht graben und dort Eier legen und Kot ausscheiden. Dieser Vorgang verursacht eine allergische Reaktion, die, vor allem bei Wärme, zu starkem Juckreiz führt. Besonders schlimm ist das Jucken oft nachts.

Übertragen wird die Krankheit vor allem durch längeren Körperkontakt. Bei einem Begrüßungskuss oder einer kurzen Umarmung gibt es also kein Risiko, beim Sex allerdings schon. So war es wahrscheinlich auch bei Max: "Ich glaube, ich habe mich beim Sex im Urlaub angesteckt," erzählt er. Für ihn der Beginn eines langen Leidenswegs.

"Insgesamt hatte ich die Krätze ein Jahr, ich bin sie einfach nicht losgeworden. Irgendwann habe ich meinen besten Freund angesteckt. Danach hatte ich ständig Angst, noch jemanden zu infizieren. Deshalb habe ich versucht, niemanden anzufassen und so wenig Körperkontakt wie möglich zu haben. Ich habe ein Jahr niemanden gedatet und, abgesehen von einem Ausrutscher, mit niemandem geschlafen."

Über Apps neue Leute kennenzulernen, sich mit ihnen zu treffen und auch intim zu werden, gehört für viele junge Menschen zum Alltag. Daran, dass man sich mit einer hartnäckigen Hautentzündung infizieren könnte, denken allerdings wohl die wenigsten von ihnen. Im Gegensatz zu sexuell übertragbaren Krankheiten wie Chlamydien oder Syphilis schützen auch Kondome nicht vor den Milben. Und: Die Krankheit macht sich zwar erst nach zwei bis fünf Wochen bemerkbar, aber kann schon übertragen werden, bevor jemand Symptome hat. Dating kann also ein Risikofaktor sein.

Wie viele Fälle von Krätze es in Deutschland genau gibt, lässt sich nicht sagen. 

Meldepflichtig ist die Krankheit nur, wenn sie in Pflegeheimen oder anderen Gemeinschaftsunterkünften diagnostiziert wird. Aber: Es werden mehr. Eine Analyse der Barmer Krankenkasse zeigt, dass die Verordnungszahlen der Medikamente für die Krankheit von 2016 auf 2017 um 60 Prozent gestiegen sind. Das Statistische Bundesamt erfasst seit 2010 ebenfalls mehr Behandlungen.

Herbert Kirchesch, Mitglied des Berufsverbandes Deutscher Dermatologen, hatte früher durchschnittlich zwei Patientinnen oder Patienten mit Krätze jährlich. Seit einiger Zeit sind es mehr als 150 Patientinnen und Patienten. "Wir haben eine Epidemie", sagt er. "Ich habe meine Praxis seit 26 Jahren, 20 Jahre davon hatte ich Ruhe vor der Krätze."

Doch nicht nur beim Dating kann man sich mit Krätze anstecken: Die Milben übertragen sich auch beispielsweise über Bettwäsche oder Kleidung. 

Das ist Susanne*, 25, passiert. 

"Mein Freund und ich haben uns die Milben wahrscheinlich in einem Hotel eingefangen – jedenfalls gehe ich davon aus. Das Zimmer war nämlich voll ranzig.

Wir haben uns dann gleich mit der Salbe behandelt, die aber leider gar nicht geholfen hat. Anschließend haben wir uns Tabletten verschreiben lassen, die aber auch nicht gewirkt haben. Mein Freund hat nach der Behandlung sogar zusätzlich einen Nesselausschlag bekommen."

Mit den richtigen Medikamenten lässt sich Krätze innerhalb von zwei Wochen loswerden. Doch häufig flammt die Erkrankung immer wieder auf – und wird so für die Betroffenen zum ständigen Begleiter. 

Max hat sich zehnmal mit Salbe und viermal mit Tabletten behandelt, bevor die Krätze verschwand. Auch Hautarzt Kirchesch erlebt solche Fälle immer wieder. Allerdings liege das seiner Erfahrung nach daran, dass die Behandlung nicht richtig angewendet werde. "Die Leute machen es nicht anständig, die Hygienemaßnahmen werden nicht konsequent durchgeführt", sagt er. Oft habe man die Krankheit an eine Person im näheren Umfeld übertragen, die einfach noch keine Symptome zeigt. 

Vor allem im engen Zusammenleben mit anderen besteht dieses Risiko. In Wohngemeinschaften sollten sich beispielsweise immer alle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner mitbehandeln – auch wenn es noch nicht juckt. 

Genau diese Risiken sind es, die Krätze psychisch und sozial so belastend machen können. Erkrankte wollen ihr Umfeld nicht gefährden, ziehen sich zurück.  

Susanne: "Ich schlafe nicht mehr in einem Bett mit anderen Menschen und staubsauge meine Polstermöbel immer wieder. Bei meinem Freund ist es noch viel schlimmer. Weil seine Mitbewohner sich nicht mit der Salbe behandeln wollten, hat er sie auch angesteckt. Ihm geht es richtig schlecht, er redet andauernd über die Krankheit und kann kaum schlafen." 

Max: "Ich habe all meine Kleidung immer auf 60 Grad gewaschen, alle Teppiche in meiner Wohnung weggeräumt und alles immer wieder für eine Woche in Plastiktüten verpackt. Außerdem habe ich versucht, mich so wenig wie möglich irgendwo hinzusetzen, habe meine Couch immer wieder abgesaugt und meine Matratze sogar gebügelt. Mit der Zeit wurde ich immer paranoider und habe einen Putzfimmel entwickelt. Die Krätze war einfach immer präsent und ist es zum Teil auch heute noch. Sobald mich etwas juckt, habe ich Angst und frage mich: Habe ich es wieder?" 

Und so wird aus einer behandelbaren Hauterkrankung ein vermeintliches Stigma. 

Denn eigentlich kann Krätze jeden erwischen – und lässt sich mit entsprechenden Medikamenten behandeln. Nur möchten eben die wenigsten Leute gern zugeben, dass sie buchstäblich die Krätze haben.

Susanne: "Als ich mich angesteckt habe, hat mich das psychisch ziemlich belastet. Mittlerweile habe ich mich zwar fast daran gewöhnt – aber ich habe Angst, die Krankheit nicht mehr loszuwerden.

Das größte Problem ist, dass niemand über Krätze redet. Immer wenn ich jemandem davon erzähle, werde ich angeekelt angeschaut oder ausgelacht. Klar, es ist unangenehm, aber es ist nichts, wofür ich mich schämen sollte."

*Namen von der Redaktion geändert


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