Bild: Alex Baur
Es begann ein 14 Jahre langer Kampf.

Ich treffe Micha in einem Park in der Stuttgarter Innenstadt. Seit fast einem Jahr habe ich mit dem 31-jährigen Erzieher Kontakt. Lange habe ich nach Menschen gesucht, die bereit sind, mit mir über Homosexualität und Glauben zu reden. Nach einigen Gesprächen mit Vereinen, die sich für die Opfer von Konversionstherapien einsetzen, meldete sich Micha bei mir. 14 Jahre lang hat er aufgrund seines Glaubens gegen seine Homosexualität gekämpft und sich mehreren Therapien unterzogen. Nun erzählt er mir seine Geschichte.

Als ich 14 Jahre alt war, konnte ich es nicht nachempfinden, wenn meine Mitschüler ein Mädchen interessant fanden. Ich dachte immer, dass ich einfach länger brauche, um mich sexuell zu entwickeln. Aber ich habe Frauen nie als sexuell anziehend empfunden.

Für mich war das ein riesiges Problem. Meine Eltern haben mich freikirchlich-evangelikal erzogen. Unser Glaube war sehr bibeltreu orientiert. Mir war klar: Ich möchte mein Leben nach dem Willen Gottes gestalten – da hatte Homosexualität keinen Platz. In meinem Kopf hatte Gott immer einen Plan für mich.

Mein Schwulsein habe ich als Prüfung gesehen: als das Kreuz, das ich zu tragen habe. Für mich war es der Satan, der mir homosexuelle Gedanken in den Kopf setzt, um diesen Plan zu sabotieren.

Ich habe versucht, gegen meine Sexualität anzukämpfen, bin aber immer mehr verzweifelt.

„Mal habe ich es geschafft, mehrere Wochen keine Schwulen-Pornos zu schauen, dann habe ich mich wieder voll hingegeben.“

Ich habe mich geschämt und regelrecht selbst gehasst.

Irgendwann habe ich mich bei einem Freund aus meinem Schülerbibelkreis geoutet. Ich habe ihm erzählt, welche homosexuellen Gedanken ich hatte, welche Pornos ich konsumiert habe. Wir haben dann zusammen symbolische Dinge verbrannt und mich von der Sünde freigesprochen.

Als Erwachsener habe ich an einer Bibelschule eine Ausbildung zum Erzieher angefangen. Ein Dozent dort bot ein "Mentoring" an. Eine psychotherapeutische Ausbildung hatte er nicht. Trotzdem traf ich mich regelmäßig mit ihm. 

Unsere Treffen hatten ein konkretes Ziel: Ich sollte meine Homosexualität hinter mir lassen. 

Was ist eine Konversionstherapie?

In einer Konversionstherapie wird versucht, die (homo-)sexuelle Orientierung eines Menschen so zu ändern, dass sie heteronormativen Vorstellungen entspricht. Befürworter dieser umstrittenen und in einigen Ländern bereits verbotenen Praxis gehen davon aus, dass jeder Mensch grundsätzlich heterosexuell veranlagt ist und erst durch verschiedene Faktoren (wie z.B. Kindheitstraumata) homosexuelle Neigungen entwickelt. In einer Therapie wird dann versucht, heterosexuelles Potenzial zu stärken und homosexuelle Gedanken durch Konditionierung oder negative Konnotationen zu unterdrücken. (Bundesgesundheitsministerium)

Viele Konversionstherapien werden von geistlichen Ärzten und Ärztinnen betrieben, aber auch nicht professionelle evangelikale Therapeutinnen und Therapeuten bieten diese gefährliche Therapieform an. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt sich aufgrund der großen psychischen Risiken der Konversionstherapie für ein Verbot dieser Praxis in Deutschland ein. (bento

Zu Beginn sprachen wir über meine Kindheit: Wie war die Beziehung zu meinem Vater und meiner Mutter? Hatte ich irgendwelche Traumata erlitten? Aber ich hatte eine gute Kindheit, das Verhältnis zu meinen Eltern war super.

Also habe ich "Hausaufgaben" aufbekommen: Ich sollte bis zur nächsten Sitzung mit drei Mädchen flirten, ihnen Komplimente machen oder mit ihnen Essen gehen. Zwei Jahre war ich bei diesem "Mentor" – ohne, dass sich wirklich etwas änderte.

Nach meiner Ausbildung wollte ich es noch mal versuchen und wandte mich an den Verein "Wuestenstrom", der Konversionstherapien anbietet. 

Den Therapeuten musste ich aus eigener Tasche bezahlen. Dabei weiß ich gar nicht, welche Ausbildung oder welchen Abschluss er hatte.

Die Therapie lief ähnlich ab wie das "Mentoring". Ich traf mich regelmäßig mit meinem Therapeuten. Unsere Gespräche fanden vor einem biblischen Hintergrund statt: Ich dachte noch immer, der Teufel hätte mich schwul gemacht, und mein Therapeut und ich suchten Wege, seinen Einfluss zu verringern.

Wieder begannen wir damit, meine Kindheit zu analysieren. Er meinte, vielleicht hätte ich in meiner Entwicklung Traumata erlitten, die mich schwul gemacht hätten. Doch ich konnte einfach keine Auslöser finden. Also versuchten wir wieder, meine "heterosexuelle Seite" zu stärken: Ich sollte lernen, Frauen zu begehren und schwule Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen.  Wurde ich "rückfällig", besprach ich das mit meinem Therapeuten und wir beteten und suchten nach Wegen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Irgendwann beendete ich meine Therapie bei Wuestenstrom. Alle therapeutischen Ansätze erschienen mir aussichtslos. 

Nach Ende dieser Therapie hatte ich dann fast ein Jahr lang eine Beziehung mit einer Frau, dachte sogar über eine Verlobung nach. Aber ich konnte sie einfach nicht so begehren, wie ich es sollte.

Einen Tag vor unserem einjährigen Jubiläum machte ich mit der Frau Schluss. Im Nachhinein sehe ich unsere Beziehung als sehr enge Freundschaft. Ich bereue es, sie in mein "Experiment" reingezogen zu haben.

Zuvor hatte ich mir noch eingeredet, vielleicht bisexuell zu sein. 

Doch spätestens jetzt war mir klar: Ich bin schwul, Gott hat die letzten Jahre nichts gemacht und ich habe alles versucht – an meiner Sexualität wird sich nichts ändern.

Damals schien mir die einzige Lösung, zölibatär zu leben. Ich wollte keinen Sex haben, keine Familie gründen. Diese Zeit war mit die schlimmste meines Lebens. Ich hatte ein so großes Bedürfnis, meine schwule Seite auszuleben. Stundenlang war ich auf Pornoseiten. Danach schämte ich mich so sehr, dass ich Gott anflehte, mir zu vergeben.

Ich hatte Angst, dass mein Umfeld erfährt, was für ein schlechter Mensch ich bin. Manchmal bin ich in den Wald gerannt, habe mich auf den Boden geworfen und so lange geweint und geschrien, bis ich nicht mehr konnte.

Erst Ende 20 fasste ich wieder Hoffnung. Ein Christ aus dem Nachbarort hatte sich geoutet. Seitdem bekam ich den Gedanken, wie befreiend das sein muss, nicht mehr aus dem Kopf.

Also nahm ich all meinen Mut zusammen und vertraute mich einem Freund an. Ich ließ nichts aus: Meine Jahre in der Therapie, meine Schuldgefühle. Seine Reaktion war perfekt: Er verurteilte mich nicht, sondern ermutigte mich, meine Sexualität nicht länger zu verheimlichen. Er schickte mir auch Vorträge, die sich mit einer liberaleren Auslegung der Bibel zum Thema Homosexualität befassten.

Plötzlich wurde mir alles klar. Ich hatte zwar panische Angst vor dem Outing, gleichzeitig habe ich aber auch einen tiefen inneren Frieden beim Gedanken daran verspürt.

Mit 28 Jahren wusste ich also endlich, dass das der richtige Weg für mich ist. In den folgenden zwei Monaten führte ich mehr als 60 Outing-Gespräche mit Freunden, Familie und Bekannten. Das war extrem kräfteraubend, schließlich wusste ich nicht, wie diese Beziehungen nun weitergehen würden und ob sie daran vielleicht zerbrechen. Mir war klar, dass ich es würde aushalten müssen, wenn sich manche Menschen von mir zurückzögen. 

Meine Angst davor, von der Familie verstoßen zu werden, hat sich nicht bewahrheitet. Niemand attackierte mich, allerdings stieß ich auf eine riesengroße Sprachlosigkeit – auch das war schmerzhaft für mich.

So beängstigend die Mienen meiner Verwandten oft waren, so befreiend empfand ich die Gespräche auch. 

Früher hatte ich immer die Vision, wie ich auf einer großen Bühne stehe und davon erzähle, wie Gott mich von meiner Homosexualität geheilt hat. Und Gott hat mich tatsächlich geheilt. Aber anders, als ich es dachte.

Endlich habe ich wieder Energie für andere Dinge im Leben. Ich mache mir keine Sorgen mehr, feminin zu wirken, wenn ich beim Sitzen meine Beine überschlage. Ich habe keine Angst mehr, dass jemand herausfindet, dass ich schwul bin.

Ich möchte niemandem, der in einer psychischen Krise steckt oder mit sich selbst nicht zurechtkommt, von einer Therapie abraten – Gesprächstherapien bei approbierten Therapeuten helfen bestimmt vielen Menschen in der Selbstfindung, ich selbst mache gerade eine.

Konversionstherapien aber sollten verboten sein. Denn dort wird etwas versprochen, was nicht möglich ist. Man kann seine Sexualität nicht ändern. Ich habe es fast mein halbes Leben lang aktiv versucht. Ich kenne niemanden, der tatsächlich von Homosexualität befreit wurde.

Durch meine Selbstverleugnung habe ich viele Jahre verloren, in denen ich vielleicht tolle Beziehungen gehabt haben könnte. Trotzdem bin ich froh, dass es "nur" 14 Jahre waren. Ich kenne Menschen, die 40 Jahre lang in diesem Prozess gesteckt haben.

Heute habe ich einen Partner, mit dem ich sehr glücklich bin. Ich bin sicher, dass Gott unsere Beziehung unterstützt.

(Bild: Alex Baur)

Letztes Jahr haben wir geheiratet und nach langem Bangen sogar eine Segnung bekommen. Der Pfarrer unserer Kirchengemeinde musste sich zuerst die Genehmigung des Kirchengemeinderats und des Dekans holen. In einer Kirche durften wir nicht heiraten, allerdings konnten wir einen Kirchenraum nutzen, der nicht der Landeskirche gehört. Dafür waren wir sehr dankbar. Umso schmerzhafter war es, als ein Drittel der geladenen Gäste wegen ihrer christlichen Überzeugung nicht erschienen ist.

Deshalb möchte ich vor allem an das Umfeld queerer Christ*innen appellieren. Auch in konservativen Gemeinden sollte zumindest gelten: "Vielleicht verstehen wir es nicht, aber du bist uns trotzdem willkommen."


Gerechtigkeit

Wir haben nachgezählt, wie oft Frauen im Bundestag wirklich zu Wort kommen
Und Millennials gleich mit. Alle Ergebnisse findest du in unserer Datenanalyse.

Frauen halten im Bundestag deutlich seltener Reden als Männer. Und Millennials gar noch seltener. Das ist das Ergebnis einer Datenanalyse von bento über den Redeanteil der Abgeordneten im Deutschen Bundestag. 

Im aktuellen Bundestag sitzen 221 Frauen und 488 Männer (Bundestag). Der Frauenanteil liegt also bei 31,2 Prozent, es ist der niedrigste Stand seit 1998. Gleichzeitig waren zu Beginn der Legislaturperiode im Oktober 2017 nur 23 Abgeordnete 30 Jahre oder jünger – ein Anteil von 3,2 Prozent. Sieben der 23 jungen Abgeordneten sind Frauen.

Der Bundestag soll uns alle vertreten – Frauen und Millennials sind im Plenarsaal jedoch deutlich unterrepräsentiert. 

Wir wollten wissen: Können sie das durch einen größeren Redeanteil wettmachen? Wie nutzen die einzelnen Fraktionen ihre Möglichkeit, Abgeordnete aus unterrepräsentierten Gruppen in den Mittelpunkt zu stellen?