Bild: Kristina Tripkovic/Unsplash
Paula hat eine Angststörung. Was die Corona-Vorsichtsmaßnahmen mit ihr machen und wie sie es schafft, einen Alltag aufrecht zu erhalten.

Triggerwarnung: In diesem Text werden konkrete Angst- und Panikzustände geschildert.

Jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr klingelt Paulas* Wecker. Sie macht in ihrem Bett ein paar Entspannungstechniken und Yoga, dehnt sich und meditiert. Im Winter setzt sie sich danach manchmal während des Frühstücks vor ihre Tageslichtlampe. Sie zieht sich an, fährt in die Uni und schreibt an ihrer Masterarbeit. Seit sieben Jahren lebt Paula, 25, mit einer Angststörung. 2019 war sie deswegen für sechs Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Ihr Morgenritual gibt ihr seitdem Struktur und Stabilität, wenn in ihr die Panik hochkommt.

Paula, 25

Nach der Klinik wurde es besser, doch immer wieder kommt es zu solchen Momenten. Nicht selten hat sie eine irrationale Todesangst, Angst vor dem Alleinsein oder davor, die Kontrolle zu verlieren. Manchmal werden diese Ängste so stark, dass sie das Gefühl hat, ohnmächtig zu werden – ob mit oder ohne äußeren Auslöser.

Die Routine, die sich Paula nach dem Klinikaufenthalt aufgebaut hat, wird durch die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen auf den Kopf gestellt. Ihre Uni hat geschlossen, ihr Studentenjob fällt weg, sie kann nicht mehr in die Bibliothek und ins Fitnessstudio. "All die Orte, die mir Ablenkung schaffen, wenn es mir nicht gut geht, sind weg", stellt Paula am Telefon fest. Immer wieder zittert dabei ihre Stimme. Mit jeder neuen Maßnahme, die beschlossen wird, geht es Paula schlechter.

„Diese Vorstellung, 14 Tage allein zu Hause zu sein, ist der blanke Horror.“
Paula

Besonders schlimm ist für sie die Angst vor dem Alleinsein. Nicht nur Orte, sondern auch ihre Freunde kann sie durch die Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr besuchen. Seitdem fühlt sie sich immer mehr abgekapselt und einsam. Etwas, das ihrer Krankheit Futter gibt: Sie wacht jetzt anstatt um sieben um fünf Uhr auf. Sie hat Angst, weiß nicht, ob sie in ihrer WG bleiben, zu ihren Eltern nach Köln oder zu ihren Großeltern fahren soll. Ihre Mitbewohnerin ist die meiste Zeit bei ihrem Freund, sollte es Ausgangssperren geben oder sollte eine von beiden krank werden, würde sie ganz dort hinziehen. "Diese Vorstellung, wenn ich jetzt erkranke, dann 14 Tage allein zu Hause zu sein, ist der blanke Horror", erklärt Paula.

Vor Corona steckte sie oft in einer Abwärtsspirale: Sie war sich dann sicher, dass sie ihr Leben nie alleine meistern würde, sie nie wieder einen normalen Alltag oder eine Beziehung führen würde. In ihrer schlimmsten Zeit traute sie sich nicht einmal mehr zu, alleine einkaufen zu gehen. Alles irrationale Ängste, wie sie mühsam in der Therapie lernte – und sich auch heute immer wieder bewusst machen muss. 

Dass sie nun die meiste Zeit alleine zu Hause ist und ihr mühsam restrukturierter Alltag auf unbestimmte Zeit nicht mehr funktioniert, konfrontiert sie wieder real mit diesen Ängsten. "Die ganze Situation ist in sich ein krasser Trigger", sagt Paula. Sie fragt sich, ob sie in einem Notfall überhaupt auf einer psychiatrischen Station aufgenommen wird. Viele Kliniken pausieren momentan ihre offenen Sprechstunden (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit) oder lassen keine Menschen mehr auf das Gelände (Psychiatrische Klinik Lüneburg).

Täglich gibt es zahlreiche Anrufe von Menschen, die beispielsweise bei der Telefonseelsorge zum Thema Corona und psychische Gesundheit eingehen (Ärzteblatt). "Wir haben momentan ein deutlich höheres Anrufaufkommen", sagt Ludger Storch, Leiter der Telefonseelsorge in Bochum. Normalerweise seien es 2000 Anrufe am Tag, jetzt seien es über 3000. "In den meisten Gesprächen geht es um Corona und die Sorge vor einer Ansteckung oder die Auswirkungen auf das gesellschaftliche und private Leben." Stabilisierende Faktoren brechen für viele Menschen jetzt weg, was besonders Menschen mit einer psychischen Erkrankung hart treffe und zu Verunsicherung führe. "Die Therapie fällt aus oder wird nur noch telefonisch abgehalten. Gerade wenn alleinstehende oder ältere Menschen zu Hause in den Nachrichten nur noch Corona sehen, schürt das ihre Ängste. Für manche Leute ist das eine große Überforderrungssituation."

Paula nutzt Social Media, um bei dem ständigen Nachrichtenfluss und Änderungen auf dem Laufenden zu bleiben. Sie folgt auf Instagram Psychologinnen, die in ihren Storys Tipps für den Umgang mit der Situation geben oder schaut sich Videos aus Italien an, in denen die Menschen gemeinsam auf ihren Balkonen singen.

Der positiven Anstöße zum Trotz ist sie dadurch ständig mit dem Thema konfrontiert: "Ich versuche mich ganz viel zu informieren, um die Kontrolle zu behalten. Diese Informationsflut führt aber dazu, dass ich noch unruhiger bin und an gar nichts anderes mehr denken kann."

„Es ist so wichtig, das Gefühl zu haben, dass man nicht alleine ist.“
Paula

Hilfe bei ihrem Therapeuten kann sie momentan nicht bekommen: Er ist für zwei Wochen im Urlaub. Wenn er zurückkommt, sollen die Sitzungen ganz normal weiter gehen. Ein Besuch beim Therapeuten gilt als medizinisch notwendig, ist also nach wie vor erlaubt. Falls die Sicherheitsvorkehrungen noch weiter verschärft werden, könnten die Stunden über Telefon oder Videochats abgehalten werden. Paula hofft aber, dass es nicht dazu kommt: "Für mich ist es wichtig, die Therapie immer im selben Raum zu machen, weil ich mich dort mit meinen Problemen beschäftige und sie am Ende dort lassen kann", erklärt sie. Therapie über Video würde bedeuten, dass sie zu Hause mit ihren Problemen wäre, mit ihnen leben, einschlafen und aufwachen würde. Eine Abgrenzung würde da schwerfallen.

So sehr das Internet für Paula eine Belastung ist, so sehr hilft es ihr auch, sich zu stabilisieren. Mit Teilnehmerinnen einer Selbsthilfegruppe auf Facebook hat sie eine WhatsApp-Gruppe gegründet: Jeden Morgen schreiben die neun Mitglieder, die ebenfalls an einer psychischen Krankheit leiden oder einen Klinikaufenthalt hinter sich haben, was sie für den Tag vorhaben. Zwischendurch schicken sie sich Aufmunterungsnachrichten oder Fotos von ihren Spaziergängen – alles was ablenkt, hilft. Abends tauschen sie sich dann darüber aus, wie ihr Tag war und wofür sie dankbar sind. Wenigstens ein bisschen Struktur, die Paula hilft, morgens wieder aufzustehen. "Es ist so wichtig, das Gefühl zu haben, dass man nicht alleine ist. Dass nicht nur mich das überfordert."

Manche Routinen schafft es Paula weiterhin aufrechtzuerhalten: Sie steht immer noch um sieben auf, macht ihre Übungen, frühstückt. Manchmal zieht sie sich an, als würde sie zur Arbeit gehen, um sich zu motivieren. Sie verabredet sich mit Freunden zum Telefonieren und schreibt an ihrer Masterarbeit an ihrem Schreibtisch. Doch die Angst sitzt ihr dabei immer gegenüber.


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