Bild: Privat
Der beste Nebeneffekt: Man merkt, zu wem man keinen Kontakt mehr hat, weil er oder sie einfach langweilig ist.

Freuzeit

Wer sich selbst und seine Mitmenschen nicht gefährden möchte, geht zur Zeit nur nach draußen, wenn es sein muss. Aber was macht man eigentlich, wenn man alle Serien durchgeguckt hat? In dieser Reihe sammeln wir Tipps und Hinweise, für die Freizeitgestaltung zu Hause. Ein unterschätzter Podcast, ein DIY-Projekt, ein Spiel, eine Buchreihe? Du hast eine gute Idee? Schreib uns an fuehlen@bento.de.

Heute empfiehlt Caro: In Zeiten von Social Distancing sozial sein

Worum geht es?

Ich habe in meinem Smartphone 668 Kontakte abgespeichert. Unter ihnen sieben Pias, vier Tanjas, fünf Martins und sechs Juans. Ich würde schätzen, dass ich bei etwa einem Drittel dieser 668 Kontakte nicht mehr zuordnen kann, wer diese Menschen sind oder woher ich sie kenne. Bei einem weiteren Drittel habe ich mir beim Einspeichern einen Hinweis hinterlassen, etwa den Zusatz "Uni", sodass ich die Verbindung rekonstruieren kann. 

Bleiben immer noch ganz schön viele Menschen übrig, zu denen ich mal Kontakt hatte, aber nun nicht mehr. Bei den meisten ist das auch okay. Bei ein paar wenigen wünschte ich, es wäre anders.  

Das sind diejenigen, mit denen ich keinen Alltag mehr teile, aber doch einiges an Vergangenheit. Die schon 40 Stunden die Woche arbeiteten, während ich selbst noch studierte. Diejenigen, mit denen ich mich koordinieren musste, um einen Telefontermin zu finden. Deren WhatsApp-Nachrichten ich als ungelesen markiere, weil ich ihnen noch antworten möchte. 

In der Corona-Zwangsruhe fällt auf, wie schnell sich viele bislang im Hamsterrad der Arbeit und sozialer Verpflichtungen gedreht, und links und rechts vieles nur noch verschwommen oder gar nicht mehr wahrgenommen haben. Darunter Menschen, die einem mal sehr nahestanden. Zumindest mir geht das so.  

Jetzt hat das Rad aufgehört sich zu drehen. Erst kam das Durchschnaufen. Dann der Schockmoment: und jetzt? Die Krise ist keine existenzielle Bedrohung für mich, sondern bedeutet zunächst einmal mehr Zeit. Ich merke gerade, was ich alles vernachlässigt habe. Und habe Zeit, mich wieder bei alten Freunden zu melden.  

Wie funktioniert das?

Heutzutage ganz einfach über sämtliche Social-Media-Kanäle. Neulich habe ich einen verloren gegangenen Freund auf Twitter gefunden. Wir waren gleichzeitig in den USA im Auslandssemester, haben dort zusammen Halloween gefeiert, Football geschaut und bei Walmart eingekauft. Heute lebt er – wie ich erfahren habe – in Südasien und hat eine sehr flauschige Katze. 

Einem anderen Freund von früher – dem ich auf Instagram folge, aber mit dem ich seit Jahren nicht gesprochen habe – antwortete ich vor ein paar Tagen auf seine Insta-Story. Schon waren wir im Gespräch. Die Freunde aus dem alten Sportverein finden sich bei Facebook. Und wer gleich richtig tief eintauchen möchte, kann die Clique direkt in einen Zoom-Chat einladen, und dort ein Glas Wein trinken.

Das macht dir Spaß, wenn du sonst...

… grob geschätzt 102 ungelesene Nachrichten in deinen Messengern liegen hast, die du jetzt endlich nach und nach alle öffnen und beantworten kannst. Oder wenn manchmal ein Freund oder eine Freundin von früher deine Gedanken durchkreuzt und du dich fragst, wie es ihm oder ihr wohl so geht. 

Der beste Nebeneffekt: Man merkt endlich, wer die Menschen sind, mit denen man keinen Kontakt mehr hat, weil sie einfach langweilig sind. Und wer diejenigen sind, mit denen man es früher wirklich nett hatte und für die man sich wieder mehr Zeit nehmen möchte.

Wie lange kann ich mich damit beschäftigen?

Bis die Ohren heiß oder die Augen müde werden. Oder der Wein leer ist und die Kerzen runtergebrannt sind. Also: sehr lange. 

Hilft es gegen Einsamkeit?

Ja! Aus offensichtlichen Gründen. Außerdem: Der Psychoanalytiker Hans Jürgen Wirth erklärt, wie wichtig soziale Kontakte vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie für uns sind. Weil wir uns als soziale Wesen ständig austauschen müssen, über Gefühle, Ängste, Sorgen, Zukunftsvisionen – das helfe dabei, unseren Gefühlshaushalt zu regulieren. Und wer keine Lust mehr auf Corona-Gespräche hat, kann sich mit alten Freunden in die Vergangenheit träumen. "Weißt du noch, damals…?"

Abschließende Punktebewertung:

Spaß: variabel, je nach dem, wie witzig ihr seid. 

Lernfaktor: 2/5 – erfahrungsgemäß wird es doch nur ein großes Palaver.

Gemeinschaftsgefühl: 5/5 

Social-Media-tauglich: 5/5 – wer was auf sich hält, schmückt seine Insta-Story dieser Tage mit Videokonferenz-Pics.


Fühlen

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Ausgangssperre – zu dir oder zu mir?

Als wir uns das erste Mal trafen, war um uns herum noch alles wie immer. Naja, fast. In den Drogerien waren Desinfektionssprays bereits restlos ausverkauft und Menschen begannen, "Happy Birthday" zu singen, während sie sich die Hände wuschen. Das, was das Coronavirus über die Welt bringen sollte, lag in Deutschland zwar bedrohlich, doch noch beinahe unsichtbar in der Luft.

Mein erstes Date mit diesem Mann beeinflusste das nicht: Wir trafen uns in einer Bar, redeten, lachten und tranken, bis wir morgens um sieben mit dem Taxi nach Hause fuhren. Die ganze Zeit über wurde uns nicht langweilig. Wir wollten uns wiedersehen. Seitdem sind nur etwas mehr als sechs Wochen vergangen. Die unsichtbare Bedrohung ist an vielen Stellen sichtbar geworden und hat eine weltweite Krise verursacht. Eine Krise, die das Leben aller Menschen verändert hat.

Für mich hat sich aber noch etwas geändert: mein Beziehungsstatus.

Mal sehen, was das wird, dachte ich nach unserem ersten Treffen gelassen. Zu Beginn versuchten wir, ganz normal zu daten und uns kennenzulernen. Doch um uns herum veränderte sich alles, manchmal sogar innerhalb weniger Stunden. 

Wir waren ein einziges Mal zusammen essen – am nächsten Morgen wurde bekannt gegeben, dass die Restaurants schließen mussten. Ich traf ein einziges Mal Freunde von ihm – wenige Tage später gab es eine deutschlandweite Kontaktsperre. Und ich war drei oder vier Mal in seiner Wohnung – dann zog ich gewissermaßen bei ihm ein.