Bild: Tomas Hustoles/Unsplash
Freie Liebe, Drogenkonsum, Besitzlosigkeit – was macht das mit einem als Tochter?

Meine Mutter war in einer Kommune. Besser gesagt, in der Aktionsanalytischen Organisation (AAO), auch Muehl-Kommune genannt. Ihre Mitglieder teilten sich alles: Geld, ein Haus und auch das Bett. Dass freie Liebe und Sexualität Teil der Komune war, hat meine Mutter nie verheimlicht. Deswegen wollte ich die genauen Details früher nie wissen. 

Niemand stellt sich gerne die eigenen Eltern beim Sex vor. Besonders nicht als wildes Knäuel aus Körpern – so sah das Leben meiner Mutter in der Kommune in meinem Kopf aus, wenn ich die Gedanken doch zuließ. Doch vor Kurzem habe ich begriffen: Ihre Vergangenheit hat auf mich einen großen Einfluss. Deshalb habe ich angefangen, mich damit auseinanderzusetzen – auch, um meine eigenen Einstellungen zu Liebe und Sex zu verstehen.

Was ist die Aktionsanalytische Organisation oder Muehl-Kommune?

1970 aus einer WG in Wien entstanden, hatte die AAO innerhalb einiger Jahre auch viele Ableger in Deutschland, beispielsweise in Berlin. Gegründet wurde sie von dem Aktionskünstler Otto Muehl. Die Mitglieder suchten nach einer neuen Form des Zusammenlebens, einem "neuen Humanismus". Dieses Gesellschaftsmodell wollten sie weltweit durchsetzen. 

Wichtige Punkte waren dabei die freie, gemeinsame Sexualität und die Abschaffung des Privateigentums. Es sollte nur noch gemeinsamen Besitz geben, daher hatten die Mitglieder ihr gesamtes Vermögen der Gemeinschaft überschrieben.

Zu ihrer Blützezeit umfasste die Kommune bis zu 600 Mitglieder. 

Mit 18 Jahren zog meine Mutter in die AAO ein. Ich hingegen lebte im selben Alter noch zu Hause. Während sie sich ihre langen blonden Haare abrasierte, um wie die anderen in der Kommune auszusehen, blieb ich dem selben Langhaarschnitt noch Jahre treu. Morgens verkaufte sie Second-Hand-Kleidung in einem Laden oder kochte für die rund 60 Menschen, mit denen sie zusammenlebte. Abends trafen sie sich und sprachen über ihr Leben, therapierten sich in Gruppengesprächen. Ich hingegen arbeitete in einem Café und aß abends mit meinen Eltern. 

Ein weiterer großer Unterschied: Während ich mit 18 meinen ersten Freund hatte, war meine Mutter ungebunden, schlief mit vielen Männern in der Kommune und probierte sich aus.

Das Ideal der Kleinfamilie zu überwinden, war eines der wichtigsten Ziele der Kommune. Zu diesem Zweck ließen sie sich manchmal nur mit einer Unterhose bekleidet in eine kleine, isolierte Box einsperren und wurden von einem Anleiter an bestimmten Stellen ihres Körper berührt. Das sollte helfen, sie in ihre Kindheit zu versetzen und beim Verarbeiten von Trauma helfen. 

Als sie mir das zum ersten Mal erzählte, war ich schockiert. Für mich klang das einfach nur übergriffig und beängstigend. Für meine Mutter war das nie problematisch, was ich besonders heute in Zeiten von MeToo nicht verstehen kann.  

Meine Mutter haben ihre Erfahrungen sehr geprägt. Erst nach zwei Jahren verließ sie die Kommune, weil ihr die Autorität von Muehl zu viel wurde. Doch sie ist bis heute eine Verfechterin der freien Liebe. Das hat auch die Erziehung von mir und meinen beiden Geschwistern beeinflusst.

Das hat mir nicht immer gefallen. Als ich single war, hat sie mich beispielsweise oft gefragt, wie es mit den Männern läuft. Männer im Plural. Als wäre ich nicht schon mit einer Person überfordert gewesen. Wenn ich nichts vorzuweisen hatte, schlug sie mir vor, "ein paar Lover für den Frühling zu suchen". Diese Sprüche haben mich immer genervt, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste die gleichen Erfahrungen wie sie machen. Dabei hatte ich nie das Bedürfnis danach. Irgendwann habe ich ihr dann immer weniger von meinen Beziehungen erzählt, um solchen Situationen aus dem Weg zu gehen.

Meine Mutter hingegen redete ständig über ihre Sexualität und zeigte sie auch sehr offen: Oft genug habe ich sie nackt mit meinem Vater im Bett erwischt. Oder sie flirtete mit meinen Freunden, wenn sie ihr gut gefielen. Was war schon dabei? Keiner gehört irgendwem – das schien immer ihre Logik zu sein. Mir war es jedes Mal peinlich, wenn meine Freunde mich hilfesuchend ansahen.

Meine Geschwister und ich sind ganz unterschiedlich damit umgegangen: Während mein älterer Bruder es meiner Mutter gleichtat und sich mit vielen Frauen ausprobierte, heiratete meine Schwester früh und vertritt bis heute traditionellere Werte. Und ich? Ich bin irgendwo dazwischen.

Ich habe nie ein Problem mit meiner Sexualität gehabt. Trotzdem hat mir das Verhalten meiner Mutter Druck gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie enttäusche, weil ich eben nicht mit 30 Männern geschlafen habe.

Nach dem Motto "there are plenty of fish in the sea" sprach sie nicht nur in meiner langjährigen Single-Zeit, sondern auch wenn ich Liebeskummer hatte, immer wieder davon. Was vielleicht nett gemeint war, gab mir das Gefühl, meine Trauer hätte keinen Platz. Denn dass ich vielleicht lieber ein monogamer Clownfisch sein wollte, schien für sie schwierig zu verstehen.

Das ist auch einer der Gründe, wieso es mir schwerfiel, Bindungen aufrechtzuerhalten, obwohl ich sie mir wünschte. Ich hatte das Gefühl, dass es immer noch jemand besseren oder eine noch aufregendere Erfahrung gibt. Nicht nur mir ging es so: Ich habe eine Freundin, deren Mutter 30 Jahre lang bei Muehl war. 

Das Gefühl, sich auf niemanden ernsthaft einlassen zu können, weil an der nächsten Ecke schon etwas Neues warten könnte, kennen wir beide nur zu gut. Seit wir befreundet sind, habe ich diese Freundin nie lange in einer Beziehung erlebt. 

Meine familiäre Prägung hatte allerdings auch Vorteile: Wir hatten oft Besuch von schwulen und lesbischen Paaren, die zum Essen vorbeikamen, denn für meine Mutter gab und gibt es bis heute keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Liebe ist Liebe.

Damit war sie Muehl und seiner freien Liebe einen Schritt voraus: Die AAO lehnte Homosexualität ab und versuchte sogar, sie Menschen auszutreiben.

Auch Drogen, Partys und Alkohol waren für meine Mutter und damit auch für uns nie ein Tabu. Ihr Grundsatz war: "Probier dich aus, wie du willst – aber wenn dir etwas passiert, hole ich dich nicht im Krankenhaus ab." Für sie waren wir immer Gleichgestellte und keine kleinen Kinder, auch wenn wir noch welche waren. Je älter ich wurde, desto mehr konnte ich die Vorteile darin sehen. 

Dadurch, dass ich tun und lassen konnte, was ich wollte, hatte ich überhaupt kein Bedürfnis zu rebellieren. Denn in Erfahrungen war meine Mutter mir immer voraus.

Das hat irgendwann dazu geführt, dass ich mich nicht mehr mit ihr verglichen habe, weil ich eingesehen habe, dass ich ihr Leben nicht leben muss und auch nicht will. Ich kann Beziehungen führen und darin aufgehen, ohne ständig zu denken, dass mir noch 20 Menschen auf meiner To-Do-Liste fehlen. Denn diese Liste gehörte immer meiner Mutter und nicht mir.


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