Freundschaften und Körperkontakt sind gut für die Gesundheit.

Die Haustür öffnet sich. Da ist sie, meine Freundin Rose. Obwohl es noch kalt ist an diesem Aprilabend, sind wir zum Spazierengehen verabredet – was sonst in dieser Zeit. Ich komme ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Dann bremse ich abrupt ab und lasse die Arme sinken. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Freundinnen umarmen: dank des Coronavirus verboten.

Körperkontakt ist nachweislich gut für die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden (nature). Freundschaften auch (American Psychological Association). Beides reduziert Stress und stärkt das Immunsystem (National Institute of Health). Berührung kann Schmerzen lindern, enge Beziehungen können das Risiko einer koronaren Herzkrankheit mindern. Ein Mangel an engen Beziehungen ist sogar ein höheres Gesundheitsrisiko als Rauchen und kann zu einem frühen Tod beitragen. Auf biochemischer Ebene sind vor allem Oxytocin, Serotonin, Dopamin und Endorphine für Freundschaft relevant – auch Glückshormone genannt.

Wenn sowohl Freundschaften als auch Körperkontakt so wichtig für unseren Organismus sind, gibt es offenbar sogar eine biologische Erklärung dafür, dass ich es gerade so vermisse, meine Freundinnen zu umarmen. Aber wie hängt das genau miteinander zusammen?

Enge Beziehungen sind gut gegen Stress und Angst

Dass beides in Kombination – also Körperkontakt mit Freundinnen und Freunden – positive Auswirkungen hat, lassen die Beobachtungen vermuten, die ein Forschungsteam an Schimpansen machte: Wenn sich die Primaten gegenseitig lausten, stieg ihr Oxytocin-Wert – allerdings nur, wenn sie das mit einem Freund taten. Das Hormon ist auch beim Menschen vor allem für Bindung verantwortlich und reduziert Stress und Angst.

Jemand, der sich mit Hormonen und ihrer Wirkung auf Beziehungen besonders gut auskennt, ist Markus Heinrichs. Er ist Psychologieprofessor, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, seit 25 Jahren forscht er zu sozialer Interaktion. Oxytocin spielt dabei immer eine Rolle. Dass die Anwesenheit enger Bezugspersonen Stress mindert, konnte er in einem Experiment nachweisen. Er ließ Probanden einen Stresstest machen. Einige mussten allein kommen, andere durften die zehn Minuten davor mit ihren Partnerinnen und Partnern verbringen. Diejenigen, die allein zum Stresstest kamen, wiesen höhere Mengen des Stresshormons Cortisol auf.

„Die große Mehrheit der Bevölkerung genießt es, zu berühren und berührt zu werden.“
Markus Heinrichs

Reicht also schon die Anwesenheit einer vertrauten Person oder brauchen wir auch ihre Berührung? Klappt das mit der Oxytocin-Ausschüttung vielleicht sogar, wenn wir unsere Lieben nur über den Bildschirm sehen? Genaue Untersuchungen dazu gibt es noch nicht. Heinrichs vermutet aber, dass auch Telefonate und Videocalls helfen: "Der Stressschutzfaktor durch soziale Nähe wird zwar weniger stark stimuliert – aber er wird stimuliert."

Wie viel sozialen Kontakt und körperliche Nähe man brauche, sei sehr individuell. Das könne man sogar anhand von Unterschieden in den Oxytocin-Rezeptoren erkennen. "Die große Mehrheit der Bevölkerung genießt es aber, zu berühren und berührt zu werden", sagt Heinrichs.

Ich bin, was den allgemeinen Kontaktmangel angeht, noch privilegiert: Ich wohne mit einer guten Freundin zusammen, die ich ab und zu umarme, und ich habe Körperkontakt mit meinem Partner. Trotzdem fühle ich mich seit den Kontaktbeschränkungen zunehmend unausgeglichen, immer öfter schleichen sich Traurigkeit und Ängste in meinen Alltag ein. Kann das an der physischen Distanz zu meinen Freundinnen und Freunden liegen?

Heinrichs ist sich sicher, dass auch Paarbeziehungen ein unterstützender Faktor sein können. Trotzdem ist er der Meinung: "Die gute Freundin oder die Clique zu treffen ist ein enormer Stimmungsaufheller, sozial unterstützend und nachweisbar gesund. Das kann man mit den Effekten einer Zweierbeziehung, in der man Sex hat, nicht gut vergleichen."

Körperkontakt ist eine Form der Kommunikation

Frauen in Westeuropa hätten außerdem mehr Kontakte und auch mehr Körperkontakt in Freundschaften als Männer, sagt Heinrichs. Deshalb vermissten sie das in der jetzigen Situation vermutlich auch mehr. Ich schließe: Gerade für mich als Frau reicht es nicht, nur mit meinem Partner zu kuscheln.

Umarmungen, Schulterklopfen, eine Hand auf einem Unterarm: All das gehört auch zu meiner Art, zu sagen, dass ich jemanden liebhabe, dass ich mich freue, die Person zu sehen, dass ich ihr zuhöre, sie verstehe, ihr beipflichte. Was, wenn Rose ohne eine Begrüßungsumarmung jetzt nicht mehr spürt, wie sehr ich mich freue, sie zu sehen?

In einer wissenschaftlichen Publikation zum Thema lese ich: Wenn wir uns an eine bestimmte Art oder Häufigkeit von Berührung in einer sozialen Beziehung gewöhnt haben, denken wir, dass etwas nicht stimmt, wenn diese Berührung ausbleibt. Wir kommen dann schnell auf den Gedanken, dass die andere Person unzufrieden mit der Beziehung ist.

„Darauf zu achten, dass wir uns nicht nahekommen, ist wider unsere Spezies.“
Martin Grunwald

Köperkontakt sei ein wichtiger Kommunikationskanal im Alltag, sagt auch Martin Grunwald. Er ist Psychologe und leitet das Haptik-Forschungslabor an der Uni Leipzig, er hat ein Buch über die Bedeutung des Tastsinns veröffentlicht, "Homo Hapticus". Er sagt: "Je näher wir uns jemandem fühlen, desto näher sind wir ihm auch körperlich." In westeuropäischen Kulturen spiele Körperkontakt deshalb auch in Freundschaften eine Rolle. Kulturunabhängig kämen sich Menschen jedoch immer nahe, und sei es nur mit der Familie oder im engsten Freundeskreis.

"Menschen sind soziale Wesen", sagt Grunwald. "Darauf zu achten, dass wir uns nicht nahekommen, ist wider unsere Spezies – und wider unsere nahen Beziehungen." Sollten die Kontaktbeschränkungen mehr als zwei Monate anhalten, fürchtet er für besonders anfällige Menschen sogar psychische und psychosomatische Krankheiten bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Kommen jüngere Menschen besser mit den Kontaktbeschränkungen klar – oder schlechter?

Die Sorge um Menschen mit psychischen Belastungen teilt Markus Heinrichs. Für den gesunden Teil der Bevölkerung ist er optimistischer: "Es gibt weder Hinweise noch Befürchtungen, dass wir sozial verkümmern, wenn wir mit eineinhalb Metern Abstand und eventuell einer Maske spazieren gehen", meint er. Gerade die jüngere Generation habe unglaublich schnell neue, kreative Formen gefunden, sich digital zu treffen, auch in Gruppen. Gerade junge Menschen werden die Krise deshalb gut überstehen, glaubt er.

In diesem Punkt ist Grunwald gegenteiliger Meinung: Junge Menschen seien normalerweise ständig in Kontakt miteinander und würden nun auch mehr unter den Einschränkungen leiden als Ältere. Als Spezies seien wir so gebaut, dass wir Nähe und Wärme suchten. "Wenn Sie so einer Spezies ein Handy in die Hand geben, dann wird sie nicht froh", glaubt Grunwald. "Froh werden wir nur, wenn wir auf irgendeiner Bierbank nah beieinander sind, oder zusammen kuscheln können."

"Meinst du nicht, wir können uns einfach umarmen?", fragt Rose mich nach unserem Spaziergang. "So lange, wie wir jetzt zusammen rumhängen, haben wir uns das Virus doch eh übertragen."

"Da muss ich erst meine Mitbewohnerin und meinen Freund fragen, ob das für die in Ordnung ist", sage ich. Es fühlt sich in etwa so heikel an, als müsste ich meine Eltern um Erlaubnis bitten, zu heiraten. Doch sie sind einverstanden – und das nächste Mal begrüße ich Rose mit einer Umarmung.


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