Unsere Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet.

Claudia, 25, fragt:

Zu meinen Eltern habe ich eigentlich ein gutes Verhältnis. Doch seit ich in einer anderen Stadt wohne, ist unser Kontakt seltener geworden. Wir telefonieren etwa alle zwei Wochen, alle zwei Monate sehen wir uns. Für mich ist das in Ordnung – ich habe schließlich ein eigenes Leben, Freunde, einen Job. Meinen Eltern merke ich aber an, dass sie mich gern mehr zu Gesicht bekommen würden, auch Kommentare in die Richtung häufen sich. 

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Mich nerven solche Vorwürfe. Inzwischen habe ich oft gar keine Lust mehr, mich zu melden, und wenn, tue ich es aus Pflichtgefühl – nicht, weil ich es wirklich möchte. Wie lässt sich das lösen?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Claudia,

ich kann gut verstehen, dass dich dieses Problem sehr beschäftigt. Die Beziehung zu den eigenen Eltern ist sehr komplex und durchläuft viele Veränderungen im Laufe des Lebens. Das Erwachsenwerden und Abnabeln von den Eltern ist ja an sich schon ein schwieriger Entwicklungsprozess, doch leider passiert es nicht selten, dass die Eltern umso mehr "klammern", je mehr ihr Kind seiner eigenen Wege geht. In dir löst das natürlich Widerstand aus, da du (richtigerweise!) inzwischen dein eigenes Leben lebst. 

Wie du bescheibst, hast du für dich einen guten Kompromiss gefunden, indem du zwar in einer anderen Stadt wohnst, dein Ding machst, dich aber regelmäßig bei deinen Eltern meldest und sie besuchst. Dass deine Eltern dir das Gefühl geben, dass das nicht genug ist, macht dich ärgerlich. Verständlich, dass dein Impuls ist, auf Distanz zu gehen. Doch ich befürchte, das würde das Problem nur verstärken. 

Deine Eltern haben zwar keinen Anspruch darauf, dass du dich so und so oft bei ihnen meldest, und du musst dir auch keine Vorwürfe machen lassen. Doch wenn du einmal versuchst, dich in deine Eltern hineinzuversetzen, wirst du vielleicht merken, wie wahnsinnig schwierig es für sie sein muss, loszulassen. Hinter ihren Vorwürfen steht doch letztlich nur der Wunsch, an deinem Leben teilzuhaben. Und das wollen sie, weil sie dich lieben und Angst haben, dich zu verlieren. 

Das soll natürlich nicht heißen, dass du ihnen zuliebe wieder zu Hause einziehen sollst. Aber Verständnis zu entwickeln, hilft dir vielleicht, nicht ärgerlich zu sein, sondern großzügig und liebevoll mit deinen Eltern umzugehen. Für dich ist es das Normalste der Welt, deiner Wege zu gehen – für deine Eltern ist es ein schwerer Einschnitt, einen so wichtigen Menschen nur noch selten um sich zu haben.

Wenn sie das nächste Mal einen Kommentar abgeben, der für dich wie ein Vorwurf klingt, nutze die Gelegenheit:

  • Sag ihnen, dass du verstehst, wie schwer die Situation für sie sein muss. 
  • Sag ihnen, dass du gerne in Kontakt mit ihnen bist, aber keine Vorwürfe bekommen möchtest. 
  • Frag sie, was sie sich wünschen und was ihnen helfen könnte, mit der Situation besser umzugehen.

Versuche, geduldig zu sein und deinen Eltern Zeit zu geben, sich an die Distanz zu gewöhnen. Vielleicht kannst du versuchen, die Entfernung gefühlt etwas zu verringern, indem du ihnen ab und zu ein Foto per Whatsapp schickst oder einen Videoanruf machst. Denn mal ehrlich, ist es nicht auch schön, zu spüren, wie sie sich freuen und ein riesiges Kompliment, dass sie dich gerne sehen und hören?

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin

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Fühlen

Wie geht man als Eltern mit der Geschenkeflut an die eigenen Kinder um?

Zur Geburt, zu Ostern, Weihnachten, der Einschulung oder einfach nur so: Anlässe, Kindern Geschenke zu machen, gibt es genug. Oft sind es nicht nur die Eltern, die für die Fülle an Spielzeug in den Kinderzimmern sorgen, sondern auch Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde.

Doch was, wenn es einfach zu viele – oder die falschen – Geschenke werden? 

Eine junge Mutter erzählt, wie die Großzügigkeit Überhand nehmen kann. Und eine Psychologin gibt Tipps, wie Eltern mit unerwünschten Geschenken umgehen können.

Bianca* ist 25 Jahre alt und studiert Jura. Ihre Tochter ist zwei. 

"Meine Tochter ist das erste Enkelkind beider Familien. Groß- und Urgroßeltern möchten sie deshalb verwöhnen. Im Grunde finde ich das sehr schön, aber leider bietet unsere 38 Quadratmeter-Wohnung wenig Platz für so viele Geschenke. Auf Verständnis hoffe ich aber meistens vergebens. Aussagen wie "Wann dürfen wir dem Kind denn endlich was schenken?" prasseln pünktlich zu besonderen Anlässen auf mich nieder. 

Wenn ich Familienmitglieder auf den fehlenden Platz aufmerksam mache, schenken sie trotzdem kleine Geschenke, aber auch die nehmen irgendwann viel Platz weg. Im Grunde bräuchte unsere Tochter noch kein eigenes Zimmer, aber ich weiß einfach nicht mehr, wohin mit ihren ganzen Sachen. So sind wir jetzt eben sogar früher auf der Suche nach einer größeren Wohnung als geplant. Wir selbst sind inzwischen dazu übergegangen, unserer Tochter nichts mehr zu schenken. 

Mein Vorschlag, persönliche Geschenke zu machen – zum Beispiel ein selbst eingesprochenes Hörbuch – werden gekonnt übergangen. Man wolle lieber etwas "Richtiges" schenken. Ich verstehe das auch, weil alle Großeltern noch voll berufstätig sind und nicht immer so viel Zeit haben. 

Etwas dagegen zu sagen, ist mir jedes Mal unangenehm. Es ist wunderbar, dass sich alle kümmern und meiner Tochter eine Freude machen möchten. Ich fühle mich manchmal ungerecht, weil ich meiner Tochter in gewisser Weise etwas verweigere und das Gefühl habe, dass ich diese Gesten nicht genug wertschätze. Gerade, weil ich weiß, dass das alles aus Liebe zu meinem Kind geschieht, und weil unsere Tochter auch einige sehr schöne Spielsachen besitzt, die sie oft bespielt. Vieles davon möchte ich nicht missen, weil ich ihr als Studentin nicht immer das kaufen kann, was ich gerne würde.

Manchmal bin ich so weit, dass ich Dinge weiterverschenken oder verkaufen würde. Das kann ich aber nicht, weil ich dann ein schlechtes Gewissen habe. Also verschenke ich zuerst die Sachen, die ich selbst für meine Tochter gekauft habe.