In meinem Freundeskreis höre ich häufig den Satz "Ich bin jetzt endlich aus der Kirche ausgetreten"

Ich werde diesen Satz nicht sagen. Ich werde nicht austreten. Ich bin gegen Homophobie, gegen das Zölibat, gegen das katholische Frauenbild und glaube quasi nicht an Gott. Ich stellte schon als Jugendliche bei einer Gemeindefahrt nach Rom fest, dass ich bei Gebeten nichts empfinde, die Emotionen von Gläubigen irritierten mich sogar. Trotzdem bleibe ich in der Kirche. 

Antimissbrauchskonferenz im Vatikan

In diesen Tagen befasst sich die katholische Kirche mit ihrem größten Skandal. Von Donnerstag bis Sonntag sprechen 190 Bischöfe und Kardinäle in Rom über den Missbrauch in den eigenen Reihen (Protection of Minors). Die Einladung von Papst Franziskus kommt spät, nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Kirche selbst. 2017 sind allein in Deutschland knapp 368 000 Menschen aus der Kirche ausgetreten – fast 80 Prozent von ihnen sind unzufrieden mit der Institution oder möchten keine Kirchensteuer mehr bezahlen (Kirchenaustritt). 

Die katholische Kirche wird zu Recht massiv kritisiert. Trotzdem gibt es Gründe für mich, für die es sich lohnt, die Kirchensteuer zu bezahlen.

In Deutschland engagieren sich nach Schätzungen der evangelischen Kirche und der deutschen Bischofskonferenz etwa 1,7 Millionen Menschen ehrenamtlich für und in kirchlichen Gemeinden und Institutionen. Viele von ihnen betreuen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Berufstätige Eltern müssen ihre Kinder in den Ferien nicht unbeaufsichtigt lassen, weil Kirchenmitglieder mit ihnen auf Jugendfreizeiten fahren oder Pfadfindergruppen leiten. 

Diese Menschen sind in der Regel nicht pädophil oder wollen ihre Machtposition gegenüber Kindern ausnutzen. Sie sind durch ihren Glauben motiviert. Sie leben christliche Nächstenliebe. Meine Mitgliedschaft ist meine Art, "Danke" zu sagen für die Zeit, die andere opfern. Einen Großteil meiner Steuer gibt die Kirche für Gottesdienste aus. Das ist für mich okay, weil diese Menschen, die Gutes tun, aus dem Kirchgang Kraft schöpfen.

Viele Gemeinden und Ordensgemeinschaften bieten von der Abschiebung bedrohten Asylbewerbern Kirchenasyl. Zu den kirchlichen Einrichtungsangeboten gehören auch Pflegeheime, Krankenhäuser, Beratungsstellen, Kindertagesstätten, Selbsthilfegruppen und Schulen. Wenn die Kirchensteuer wegfällt, müssten solche Einrichtungen wohl durch eine neue Steuer oder Spenden mitfinanziert werden. 

Die Einnahmen aus der Kirchensteuer betrugen 2017 etwa elf Milliarden Euro (Statista). Nur etwa ein Zehntel kommen dabei sozialen Einrichtungen zugute. Wo bleibt der Rest des Geldes? Stopft sich der Klerus die Taschen voll – so wie vor fünf Jahren Bischof Franz-Peter Tebartz-van-Elst, der sich eine sechs Millionen Euro teure Dienstwohnung bauen ließ (SWR)? Wohnen die Gottesdiener alle in Luxus-Residenzen, lassen sich dabei aber nicht so leicht erwischen wie der Protz-Bischof von Limburg?

Fakt ist: Die Kirchen besitzen ein riesiges Vermögen, über das sie nur wenig Auskunft geben. Bischöfe haben ein überdurchschnittliches Einkommen, das auch der Staat bezahlt.

Aber: Ein großer Teil der Kirchensteuer und der Vermögenserträge fließt auch in Verwaltung und Instandhaltung der kirchlichen Gebäude. Köln ohne den Kölner Dom? Schwer vorstellbar. 19 Prozent der Kosten für den Erhalt des Doms trägt das Erzbistum Köln (Wikipedia). Das klingt erst einmal nach wenig Geld, das die Kirche für den Dom aufbringt, doch wenn die Wirtschaft schwächelt, spart der Staat häufig zuerst an den kulturellen Ausgaben. Dass die Kirche hingegen am Erhalt des Kölner Doms sparen würde? Wenig wahrscheinlich. 

Auch die Gemeindesäle, in denen wir unsere 16. Geburtstage gegen eine geringe Gebühr feiern durften, finanziert die Kirche. Und das Benefizkonzert, das ich mit meinen Schulfreunden veranstaltete, hätte wohl nie stattgefunden, wenn der Christlicher Verein Junger Menschen nicht seine Räume zur Verfügung gestellt hätte. 

Ich war auf einer katholischen Privatschule. Das hat mir nicht geschadet. Im Gegenteil: Das Wichtigste, das ich mit der christlichen Ausrichtung meiner Schule erfahren habe, war der Respekt gegenüber religiösen Menschen. Meine Lehrer und frommen Mitschüler waren keine fanatischen Blender oder naive Irre, sondern aufgeklärte, kluge Menschen, für die es im Leben noch etwas Anderes gab als Leistung. Dieses Etwas fanden sie im Glauben. Ich habe sie nicht verachtet, sondern beneidet.

Die Liste der kirchlichen Angebote, von denen ich profitiert habe, ist lang. Und wird vermutlich auch in Zukunft noch länger: Vielleicht muss ich übermorgen in ein Krankenhaus und das nächstgelegene ist das, das von einem kirchlichen Träger geleitet wird? Oder ich habe in einer Krise mangels Psychotherapeuten das Bedürfnis, mich einem Seelsorger anzuvertrauen?

In vielen Ländern sind Menschen noch viel mehr als in Deutschland auf die Kirche angewiesen, weil der Staat sich kaum um sie kümmert. 

So gehören in ländlichen Regionen Mexikos einige Priester zu den wenigen, die der Drogen-Mafia noch die Stirn bieten

Und in Simbabwe, Kamerun und Angola sind Kardinäle die schärfsten Kritiker der autoritären Regime. Kranke wenden sich in diesen Ländern häufig an die Missionsstationen der Kirchen, da die staatlichen Gesundheitssysteme mangelhaft sind. (Handelsblatt

Ich verstehe jeden, der sich gegen die Mitgliedschaft entscheidet, nach allem, was sich die Kirche zu Schulden hat kommen lassen. Ich verstehe jeden, der wegen unzeitgemäßer Positionen die Kirche verlässt. 

Aber ich für mich habe mich entschieden: Ich halte es für wichtig anzuerkennen, was die Kirche Gutes tut. Ich kann kirchliche Strukturen, Personen und Gebote ablehnen, aber aus der Kirche auszutreten würde für mich bedeuten, auch die gute Arbeit der Freiwilligen im In- und Ausland, die durch ihren Glauben motiviert sind, abzulehnen. 

Meinen Nächsten lieben kann ich auch als Ex-Kirchenmitglied, klar. Aber Nächstenliebe haben mir persönlich meine Eltern und meine Schule auch durch christliche Erziehung beigebracht. Die Kirchensteuer auf meinem Lohnsteuerabzug ist eine kleine Erinnerung an diesen Wert. Dass großartige Architektur wie der Kölner Dom und karitative Einrichtungen von der Kirche mitfinanziert werden, ist Fakt. Wer sagt, er brauche keine Kirche, muss auch begründen, was realistisch an ihre Stelle treten kann. Kirchenaustritte können ein wichtiges Druckmittel sein, eine kurz- oder mittelfristige Lösung sind sie nicht. 

Ich bin mir sicher, dass eine große Kirchenreform nur eine Frage der Zeit ist. Ist es nicht sinnvoller, wenn diese Erneuerung auch von liberalen Christen ausgeht, die geblieben sind – anstatt vom hinterbliebenen Rest katholischer Hardliner

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