"Ich würde mich sogar sterilisieren lassen."

"Na, wann ist es bei euch denn so weit?" Die meisten Paare müssen sich irgendwann diesen Satz anhören. Vielleicht wünschen die Eltern sich Enkel, die Geschwister haben längst Kinder und würden sie gern mit ihren Cousins oder Cousinen spielen sehen. Oder Freunde bringen nach und nach Kinderwagen mit zum Kaffeetrinken.

Abgesehen davon, dass die Antwort auf diese Frage niemanden außer das Paar selbst etwas angeht, unterstellt sie: Jeder Mensch will irgendwann Kinder. Und die, die trotz langjähriger Beziehung immernoch ohne Nachwuchs sind, bei denen muss es an irgendetwas liegen: die Partnerin oder der Partner fehlt, es mangelt an biologischen Voraussetzungen oder Reife.

Ist das so? Kann man sich selbst nicht einfach auch genug sein? Ist es egoistisch, keine Kinder großziehen zu wollen? Oder sogar selbstlos?

Manche wissen früh, dass sie Kinder wollen – andere später. Wieder andere wissen: Sie wollen keine Kinder. Hier erzählen drei Menschen, warum sie auf keinen Fall Eltern werden wollen.

Jessica, 23, studiert Staatswissenschaften in Passau

(Bild: privat)

Ich hatte nie den Wunsch, Kinder zu bekommen. Richtig damit auseinandergesetzt habe ich mich aber erst, als ich einen Freund hatte, der ganz viele Kinder wollte. Da merkte ich: Ich kann mir das nicht vorstellen.

Im Gegenteil. Der Gedanke, mindestens 18 Jahre an dieses Kind gebunden zu sein, widerstrebt mir. Ich mag Kinder, aber ich will vor allem Erfüllung in einer Tätigkeit finden, will reisen, unabhängig sein. Am liebsten würde ich in den politischen Journalismus, Leute wachrütteln, ihnen helfen, sich zu engagieren und zu informieren. Es läuft so vieles falsch, über das nicht geredet wird.

"Das kannst du auch mit Kind", höre ich oft. Aber wenn ich Mutter werde, würde ich mich doch voll darauf konzentrieren.

Ich habe Angst vor dem, was dabei mit meinem Körper passiert, vor der Geburt und den Veränderungen. Davor, die Kontrolle zu verlieren.

Viele nehmen mich nicht ernst. Sie sagen: In ein paar Jahren denkst du anders. Aber niemand kann wissen, wie ich fühle. Die Leute denken, Frauen haben natürlicherweise den Drang, sich fortzupflanzen. Wer das nicht will, ist komisch – oder keine richtige Frau.

Manche denken vielleicht auch: Wer keine Kinder will, ist egoistisch. Aber egoistisch wem gegenüber? Dann könnte ich auch sagen: Wer lieber eigene Kinder will, statt welche zu adoptieren, ist egoistisch.

Ich will niemanden bewerten, der anders denkt als ich. Aber bei manchen habe ich das Gefühl, sie wollen etwas kompensieren. Sie suchen nach einem Sinn im Leben und dann kriegen sie halt Kinder. 

Ich würde mich sogar sterilisieren lassen, aber meine Frauenärztin drückte mir daraufhin nur einen Flyer für die Spirale in die Hand. Das hat mich echt getroffen. Weil ich erst 23 bin, trauen die Leute mir nicht zu, so eine Entscheidung zu treffen. 

Felix, Verwaltungsfachangestellter aus Wilhelmshaven, 31

Ich habe keine Kinder und werde auch keine zeugen. Für mich kam es nie in Frage, eine Familie zu gründen. Vor zwei Jahren ließ ich mich sterilisieren. Ich hatte damals eine Liebschaft, das Kondom riss und sie hatte nicht mit der Pille oder anderweitig verhütet. Die Pille danach wollte sie nicht nehmen, wegen der Nebenwirkungen. 

Ich fühlte mich hilflos und übergangen. Dieses Gefühl, dem Willen einer Frau machtlos ausgeliefert zu sein, mit dem Wissen, dass sie mein Leben grundlegend verändern könnte, ohne dass ich ein Mitspracherecht habe, machte mich wahnsinnig. 

Als dann einen Monat später die Nachricht kam, dass sie nicht schwanger war, war das wie eine Erlösung für mich. Dieses Erlebnis hat mich in meiner Entscheidung bestätigt.

Ich halte außerdem die Lebenszeit für so kurz und wichtig, dass ich sie keinem anderen Menschen bedingungslos opfern möchte. Das würde für mich eine enorme Einschränkung meiner Freiheit und der Gestaltung meines Lebens bedeuten. In den Urlaub fliegen? Undenkbar mit Kleinkindern, vor allem mit welchem Geld? Die Frau und das Kind verschlingen es, noch ehe es verdient ist.

Meistens wird meine Auffassung von anderen als egoistisch und unmöglich dargestellt. Man ist ein herzloser Unmensch. Sobald ich meine Ansichten erkläre, stoße ich auf Abneigung.

Ich finde es unfair und egoistisch uns kinderlosen Menschen gegenüber, wenn Personen mit Kindern anfangen, uns zu beleidigen und uns jegliche Empathie oder Emotion absprechen. Mit welchem Recht denn? In welchem Gesetz steht bitte geschrieben, dass ein Mensch verpflichtet ist, Nachkommen zu zeugen?

Wenn ich mich auf dieser Welt umsehe, sehe ich Gewalt, Lügen, Not und Elend, Ungerechtigkeit und Verzweiflung. Wieso sollte ich einem kleinen Wesen das antun?

Selina, 28, Studentin

(Bild: privat)

Mein Vater starb, als ich elf war. Aber auch in den Jahren davor hatte ich nicht viel von ihm. Er war Künstler und ständig unterwegs. Wenn er zu Hause war, wollte er meistens seine Ruhe, zu meinem Bruder und mir war er abweisend, desinteressiert. Oft hatte ich das Gefühl, dass er seine Familie eher als Belastung empfand. Dass er es bereute, jemals eine gegründet zu haben.

Meine Mutter war meistens einfach nur überfordert. Als mein Vater dann nicht mehr da war, wurde es nicht einfacher für sie.

Ich kämpfe seit Jahren mit Depressionen, habe unterschiedliche Therapien hinter mir. Meine Familienverhältnisse sind dort oft Thema. Auch über die Frage, ob ich selbst eine Familie gründen will, dachte ich dabei viel nach.

Ein Kind zu bekommen ist für mich die größte Verantwortung, die es gibt. Schließlich bringt man einen Menschen dazu, zu existieren. Man kann im schlimmsten Fall Schuld daran sein, dass dieser Mensch unglücklich ist. Denn dass die Beziehung zu den Eltern einen Menschen stark prägt, ist bekannt.

Ich habe Angst, dass ich einem Kind eine schlechte Mutter wäre. Dass ich mich zu viel um mich selbst kümmern würde. Dass ich dem Kind, wenn auch unbewusst, meine eigenen Probleme weitergeben würde.

Ich habe auch Angst, dass ich die Entscheidung für ein Kind bereuen würde. Die Erfahrung, dass die eigenen Eltern deine Existenz für einen Fehler halten, möchte ich jedem ersparen. 

Klar könnte ich es später auch bereuen, keine Kinder zu haben. Aber dann ist wenigstens nur ein Mensch unglücklich. Wenn ich es mache und bereue, sind zwei Menschen unglücklich.


Fühlen

Auf jeden Fall Kinder bekommen: Menschen erzählen, warum sie Eltern werden wollen

"Na, wann ist es bei euch denn so weit?" Die meisten Paare müssen sich nach einer gewissen Zeit diesen Satz anhören. Vielleicht wünschen die Eltern sich Enkel, die Geschwister haben längst Kinder und würden sie so gern mit ihren Cousins oder Cousinen spielen sehen. Oder Freunde bringen nach und nach Kinderwagen mit zum Kaffeetrinken.