Und warum die Wann-Ist-Es-Bei-Euch-Soweit-Frage sich nie für Small Talk eignet

Seit meinem 30. Geburtstag kann ich ihnen nicht mehr entkommen, all den Fotos von dicken Bäuchen und Babys, Reihenhäusern, zweitem Kind und Wohnmobil. Facebook und WhatsApp quellen über und ich musste realisieren: 

Meine Freunde und ich leben, was das angeht, auf verschiedenen Planeten.

Die große Liebe habe ich gefunden, die richtige Frau ist an meiner Seite. Vergangenes Jahr haben wir geheiratet, ganz romantisch am Meer. Aber wenn ich Familie und Freunde (und ihren Nachwuchs) besuche, fragt immer irgendwann irgendwer: "Wann ist es denn bei euch soweit?" 

Als harmloser Smalltalk verstanden, natürlich nicht böse gemeint. Sie erwarten vielleicht ein "Bald" oder ein "Wenn die Finanzen geregelt sind". Was ich wirklich denke?

Hoffentlich nie.

Doch es gibt nur wenige Dinge, die einen überzeugten Familienmenschen so sehr vor den Kopf stoßen wie die Aussage: "Ich möchte keine Kinder haben." Ich habe das Gefühl, durch meine Entscheidung gegen Kinder fühlen sich andere Menschen beleidigt. Als würde ich ihr Lebensmodell angreifen. Dabei will ich das gar nicht.

Am stärksten drängt mich meine Mutter. Sie liebt uns Kinder über alles, sie ist eine tolle Familienfrau. Und sie erwartet sehnsüchtig Enkel, die bei ihr im Garten spielen. Hoffentlich erledigt mein jüngerer Bruder das bald. Denn bei jeder Familienfeier bohrt sie nach. 

Aber die Antwort auf die Wann-Ist-Es-Bei-Euch-So-Weit-Frage ist immer eine ganz persönliche. Und meist passt sie nicht zur Situation, denn: Sie ist nie ein geeignetes Small-Talk-Thema. Etwa jedes siebte Paar in Deutschland hat kein Kind – einfach, weil es nicht klappt. Wie es ihnen wohl bei dieser Frage geht? Was wäre, wenn sie ehrlich antworten würden? "Ja, leider hatte ich eine Zyste und nun ist mein Uterus abgestorben." Oder so etwas wie:  "Ach, der Matze ist leider unfruchtbar."

Auch ich habe bisher noch nie komplett ehrlich geantwortet. Bis heute. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, warum er oder sie keine Kinder möchte. Ich will es jetzt trotzdem einmal öffentlich tun. Und damit zeigen, welche Erinnerungen und zutiefst private Beweggründe mit dieser Frage zusammenhängen können.

"Ich erfuhr Deine Anwesenheit durch ein paar Schuhe, die mir deine Mutter zur Arbeit brachte."

Denn es ist nicht so, dass ich Kinder nicht leiden kann. Die Babys meiner Freunde sind süß und niedlich, ich freue mich, sie auch mal auf dem Arm zu halten. Ich habe auch keine Angst vor Schlafentzug und vollen Windeln. 

Warum will ich dann keine?

Das kleine Eigenheim mit Kombi vor der Tür und Teenies unterm Dach empfinde ich als Albtraum. Ein Gefängnis mit Vorgarten. Natürlich ändert man im Laufe seines Lebens seine Ansichten. Ich wollte früher auch nicht heiraten. An einem Punkt habe ich aber nie gezweifelt: keine Kinder.

Ich glaube, meine Eltern haben mich da sehr beeinflusst. Ich habe beide immer als extrem liebevolle und engagierte Menschen erlebt, die sich trotz ihrer Scheidung zusammenrauften. Die sich kaputt arbeiteten, um uns Essen auf den Tisch zu stellen und gemeinsame Urlaube zu ermöglichen. Die sich selbst und ihre Bedürfnisse immer zurückstellten. 

Meine Mutter kämpfte sich mit zwei Kindern an der Hand als Alleinerziehende durch Umschulungen, Umzüge und überraschende Kündigungen. Auch mein Vater stand nach jedem Tiefschlag wieder auf. Sie waren geschieden, aber trotzdem ein Team. 

Immer wieder haben die beiden mich mit ihrer Kraft und ihrem Willen beeindruckt.

Aber schon während meiner Jugend habe ich mich gefragt, ob sie es ohne uns Kinder nicht leichter gehabt hätten. Ich sah, was sie für uns opferten und wie sie kämpften. Und ich fühlte mich, als wäre es meine Schuld.

Als mein Vater dann mit Anfang 50 an unheilbarem Krebs erkrankte, sagte er zwei Jahre lang: "Das wird schon wieder, die Ärzte geben mir gute Chancen." In seinem schwächsten Moment war er immer noch stark, arbeitete weiter und wollte uns nicht mit dem Wissen belasten, dass es keine Heilung für ihn geben würde.

Mein Papa und ich. (Bild: Privat)

Erst, als er nach der letzten OP nicht wieder nach Hause ging, sondern in ein Hospiz, erfuhren wir: Bald würde er nicht mehr da sein. 

Nach seinem Tod realisierte ich irgendwann: Ich hätte es genauso gemacht. 

Wir sind uns unglaublich ähnlich: Gestik und Mimik, die breiten Schultern und die blauen Augen, ja selbst seine schlechten Witze habe ich geerbt. Und ich konnte ihn so sehr verstehen. 

Auch ich hätte meine Kinder schützen wollen, hätte all meine Trauer und meinen Schmerz geheim gehalten, um ihr Glück nicht zu schmälern. Hätte alles aufgegeben, um sie weiter zu versorgen. 

Doch er starb. Einfach so. Und so viele unerledigte Wünsche und Träume gingen mit ihm. Er wollte viel reisen. Er wollte in seinem selbstgebauten Haus im Garten arbeiten. Am liebsten hätte er mit Mitte 50 noch einmal einen neuen Job gelernt, etwas mit Holz, etwas Kreatives. Er hatte viel Liebe zu geben und noch viele Entdeckungen zu machen, aber zu wenig Zeit. 

Ich frage mich, ob er diese Dinge ohne uns Kinder nicht längst erlebt hätte. 

Ob wir ihn zurückgehalten haben? Ob er unseretwegen pausiert hat, bis es zu spät war? Ob er nur unseretwegen so lange in einem Job blieb, den er nicht mehr leiden konnte? Ich weiß, es würde ihm nicht gefallen, dass ich so denke.

Aber es fühlt sich so an, als schulde ich ihm etwas.

Als sollte ich die Chance ergreifen, die er mir ermöglicht hat. Denn der Tag, an dem ich Vater werden würde, wäre der Tag, an dem mein eigenes Leben in den Hintergrund tritt. Für immer. Ich würde meine Kinder ebenso sehr lieben, alles für sie aufgeben. Und das macht mir Angst.

Über diese Gedanken habe ich noch nie öffentlich geredet.

Meine Mutter, die herzliche Familienfrau, würde mir sagen, dass ich falsch liege. Dass Kinder einen nicht festhalten, sondern Antrieb geben. Dass mein Bruder und ich ihr größter Erfolg im Leben sind. Und, dass es kein Opfer ist, für die Kinder sein eigenes Leben in Teilen zurückzustellen. Weil man so viel zurückbekommt.

Auch mein Vater würde mir widersprechen. Er hätte einfach all die Fotos aus unseren gemeinsamen Urlauben auf den Tisch legen müssen. Auf jedem davon scheint er stolz zu sagen: Schaut her, das sind meine großartigen Kinder! Er hat uns niemals bereut – egal, wieviel Geld und Nerven wir ihn gekostet haben.

Trotzdem zweifle ich nicht an meiner Entscheidung. 

Sollte ich irgendwann anders denken, mache ich das dann mit mir aus – und mit meiner Frau.

Sie lernte ich übrigens nur Tage nach dem Tod meines Vaters kennen. Als es mit uns ernst wurde, mussten wir natürlich auch das "Familien-Gespräch" führen. Nach einer schlechten, romantischen Komödie saßen wir auf dem Bett und dachten darüber nach, wie wir im Falle eines kaputten Kondoms reagieren würden. Wir drucksten herum und tasteten uns langsam an den anderen heran. 

Bis wir erleichtert feststellten, dass wir das Gleiche vom Leben erwarten: viel Liebe, viele Reisen, viel Freiheit, viele Experimente und viele erfüllte Träume.

Aber keine Kinder.

Und warum meine Frau keine haben möchte? Nun, das ist privat.


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