Folge 5 unserer Serie: Dorfliebe

"Sie kriegen nur noch Wohnungen, in denen sonst keiner leben will", sagt Annette* leise und schaut sich dabei um. An dem alten Haus bröckeln Schieferplatten von der Fassade, der Lack von Tür- und Fensterrahmen platzt ab. "Sie", das sind syrische Geflüchtete. Annette ist eine ihrer ehrenamtlichen Helferinnen in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. 

Sie klingelt vorsichtig an der Tür – einmal, zweimal. Erst beim dritten Klingeln meldet sich eine junge Frau durch die alte Sprechanlage. Nach zehn Minuten kommt sie nach draußen. Manal* ist geschminkt und trägt eine graue Mütze mit aufgestickten Pailletten auf dem Kopf. Sie wirkt unsicher, möchte schnell in ein nahegelegenes Café. Tufan* ist zuhause, sagt sie. Er soll von dem Gespräch nichts wissen. 

Manal möchte anonym bleiben.

(Bild: D. Schmelzing)

Schnell gehen die beiden Frauen die kopfsteingepflasterte Straße hinunter zu einem alten Fachwerkhaus. Die Wände des Cafés sind lila gestrichen, auf den Tischen stehen kleine Stäuße mit bunten Blumen. Annette und Manal haben hier schon viel Zeit miteinander verbracht. Die Ehrenamtliche unterstützt die Syrerin dabei, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen und hat ihr Unterricht in Deutsch gegeben, damit sie schneller selbstständig werden kann. 

Annette ist für Manal eine wichtige Vertraute geworden – auch, wenn es um Probleme mit Tufan geht. 

Manal ist 36 Jahre alt und mit Tufan seit 22 Jahren verheiratet. Als sie 14 ist, arrangieren ihre und Tufans Eltern die Ehe. 

Nach der Hochzeit bekommen sie zwei Söhne. Tufan hat dazu noch zwei weitere Kinder von einer anderen Frau. Manal erzählt das, ohne die Miene zu verziehen. Sie sagt:

„Ich habe ihn nie geliebt, hasse ihn aber auch nicht.“

Als der Krieg in Syrien beginnt, flieht Manal mit ihren zwei Söhnen und Tufan in den Libanon. Sie arbeitet als Friseurin, um die Familie durchzubringen. Tufan ist Analphabet und verdient nur ab und zu als Tagelöhner etwas. Immer wieder bittet sie ihn, eine Arbeit zu finden, doch Tufan weigert sich, sie zu unterstützen – so erzählt es Manal. Sie muss alleine für den Familienunterhalt aufkommen.

Fünf Jahre leben sie als "unerwünschte" Flüchtlinge im Libanon (taz). Das bekommt Manal irgendwann auch von ihrem Arbeitgeber zu spüren. Als immer mehr Syrer ins Land fliehen und Arbeit suchen, beginnt er damit, ihr Gehalt zu kürzen.

In Manal wächst der Wunsch, auch diesen Ort zu verlassen. Sie möchte frei leben, unabhängig sein und fair behandelt werden. Sie hört, dass es in Deutschland gute Arbeitsbedingungen gibt, die Leute ihr Leben frei gestalten und sicher und ohne Angst leben können. Von dem wenigen Geld, das sie verdient, beginnt sie, etwas zurückzulegen, um irgendwann fliehen zu können. 

Minderjährigenehen in Deutschland

In Deutschland ist eine Eheschließung erst ab dem Alter von 18 Jahren beider Beteiligten erlaubt. In Ausnahmefällen konnte das Familiengericht bis 2017 auch einer Heirat zwischen einer Person ab dem Alter von 16 Jahren zustimmen, solange der Partner oder die Partnerin volljährig war. Diese Möglichkeit entfällt aber seit Inkrafttreten des Gesetzes gegen Kinderehen (Bundesregierung). 

Es gibt im deutschen Recht bislang kein Gesetz dazu, wie mit Minderjährigenehen umgegangen wird, die im Ausland geschlossen wurden. (Deutscher Bundestag)

Laut einer Statistik waren 2016 in Deutschland 1475 Minderjährige als verheiratet registriert. Knapp die Hälfte dieser Personen stammte aus Syrien. (Statista)

Wie viele in Deutschland lebende Menschen insgesamt von einer Minderjährigenehe betroffen sind, kann nur geschätzt werden, da die Betroffenen in vielen Fällen erst im Erwachsenenalter nach Deutschland gekommen sind und so aus der Statistik fallen.

Eines Tages fehlt plötzlich Geld von ihren hart erarbeiteten Ersparnissen. Manal ist sich sicher: Tufan hat sie bestohlen. Nun steht ihr Entschluss endgültig fest: Sie möchte Tufan verlassen und mit den Söhnen nach Deutschland fliehen. Enttäuscht und wütend trennt Manal sich von Tufan und erzählt ihm von ihren Plänen. Doch er wehrt sich, berichtet sie. Er redet so lange auf die beiden gemeinsamen Söhne ein, bis der Ältere seiner Mutter schließlich sagt: "Ohne Papa kommen wir nicht mit."

Manal schafft es nicht, die Kinder zurückzulassen. Schließlich fliehen sie gemeinsam, zunächst in die Türkei, dann mit dem Boot weiter nach Griechenland. 1000 Euro müssen sie dem Schlepper pro Kopf zahlen, die Ersparnisse reichen dafür gerade noch aus. Über die Balkanroute laufen sie weiter zu Fuß bis nach Deutschland. Monatelang dauert die gefährliche Reise. Die Familie muss in maroden Notunterkünften ausharren und unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen leben.

Die ganze Zeit treibt Manal nur die Hoffnung, in Deutschland endlich selbstbestimmt, frei und sicher leben zu können.

Doch so einfach wird es nicht. Sie ziehen in eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. In dem Ort bekommen sie als vierköpfige Familie eine Wohnung zugewiesen. Keiner von ihnen kann zunächst Deutsch sprechen und so verbringen sie viel Zeit mit anderen syrischen Flüchtlingen im "Flüchtlingscafé". Die Leute dort sprechen auch kein Deutsch und fühlen sich genauso fremd und unsicher in dem Land, das nun ihr Zuhause werden soll.

Weil ihr Mann es so möchte, trägt Manal ihre Haare nur noch selten offen und ohne Kopftuch. 

(Bild: D. Schmelzing)

Doch in der Gemeinschaft findet Manal immerhin Halt und Abstand zu Tufan, der viel zuhause ist und sich nach ihren Angaben weigert, Deutsch oder Lesen und Schreiben zu lernen.

"Die Frauen hier sind so frei und tragen, was sie wollen", sagt sie zu Annette im Café. In Damaskus habe sie kein Kopftuch tragen müssen. "Jetzt will Tufan das auf einmal, damit ich mich von den deutschen Frauen unterscheide."

Annette schüttelt den Kopf. "Das musst du nicht, wenn du das nicht willst." Sie streichelt ihr über den Arm. "Komm, nimm doch mal deine Mütze ab, du hast so tolle Haare." Manal lächelt etwas unsicher, dann zieht sie die Mütze vom Kopf und ihre langen, dunklen Haare fallen über ihre Schultern. Plötzlich strahlt die junge Frau übers ganze Gesicht, als fühle sie sich erleichtert.

Neben Annette sind für Manal weiterhin die Syrer, die sie im Café trifft, ihre engsten Vertrauten. Mit ihnen fühlt sie sich trotz der Entfernung zu ihrer Heimat ein bisschen weniger fremd. Doch die Gemeinschaft in dem kleinen Ort hat auch Nachteile: Obwohl sich Manal nach wie vor nach Freiheit und Liebe sehnt, fällt es ihr schwerer als gedacht, sich von Tufan zu trennen. 

„Die anderen im Café reden viel. In unserer Kultur ist es nicht gut, wenn sich eine Frau von ihrem Mann trennt.“
Manal

Außerdem kann sie sich immer schwerer ein Leben als alleinstehende Frau vorstellen: "In Syrien lebt keine Frau alleine. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann", sagt sie. Ihr steigen Tränen in die Augen.

"Manal, hier in Deutschland leben sehr viele Frauen alleine und bekommen ihr Leben trotzdem auf die Reihe", versucht Annette sie zu beruhigen. Manal lächelt schwach.

Die Hoffnung, die sie auf ihrer Flucht angetrieben hat, ist trotz allem immer noch da. Manal ist mittlerweile klar, dass sie von dem kleinen Ort, in dem sie jetzt wohnt, weg muss. Auch wenn die beiden gemeinsamen Söhne dann bei Tufan bleiben. Sie will in einen größeren Ort ziehen, wo sie nicht mehr gefangen ist in ihrer Ehe und dem Gerede der anderen Flüchtlinge.

Dorfliebe

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben auf dem Land (Statista). Dort spielen die Geschichten des Alltags, die großen und kleinen Dramen. Davon berichten Masterstudierende des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie haben sich aufgemacht und die Liebe auf dem Dorf gesucht. 

Hier findest du alle Geschichten der Reihe und hier gibt es mehr Infos zum Projekt.

"Ich habe mir eine Wohnung in einer größeren Stadt in der Nähe angeschaut", sagt sie. Manal hofft, dass ihre Aufenthaltserlaubnis, die im Herbst 2019 vorläufig ausläuft, verlängert wird, sodass sie sich endlich einen Job suchen kann. Die Chancen dafür stehen gut: Durch die Deutsch- und Integrationskurse, die sie besucht, hat sie mittlerweile das Sprachniveau erreicht, was viele Arbeitgeber in Deutschland verlangen. 

Allein bleiben möchte sie in Zukunft aber nicht. "Ich hoffe, dass ich schnell einen neuen Mann kennenlerne. Einen guten Mann, vielleicht auch einen Deutschen", sagt sie und lacht verlegen. "Hauptsache jemanden, den ich mir selbst aussuche."

* Namen von der Redaktion geändert.

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, eine Eheschließung sei auch unter 18 und ab 16 Jahren möglich, wenn das Familiengericht zustimmt. Das war falsch. Seit Inkrafttreten des Gesetzes gegen Kinderehen 2017 entfällt diese Möglichkeit. Wir haben den Fehler korrigiert. 


Future

Hilfe von der WG-Therapeutin: "Meine Mitbewohner zahlen nicht mehr in die WG-Kasse ein"
Was, wenn man auf seinen Kosten sitzen bleibt?

Sina* schreibt:

"Es ist ständig dreckig in unserer WG – trotz Putzplan. Ich habe deshalb für 47 Euro Putzmittel für die WG gekauft, inklusive WC-Reiniger, Geschirrspültabs, Zitronensäure und Klopapier. Aber meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner wollen sich noch nicht mal an den Kosten beteiligen. Seit Monaten zahlen sie nicht mehr in die WG-Kasse ein.

Ich hatte gehofft, dass ich das Thema an unserem WG-Abend besprechen kann. Doch sie standen mir geschlossen gegenüber: Sie sagten, sie würden sich nicht beteiligen – nachdem sie die Produkte schon seit zwei Monaten benutzt hatten. Ihr Argument: Der Betrag, den ich investiert hatte, sei zu hoch gewesen. Wieso sagen sie mir das zwei Monate später und nachdem sie sich an allem bedient hatten?