Bild: Annika Eliane Krause
"Theoretisch müsste ich nicht arbeiten"

Wie oft stehst du vor einem Schaufenster und willst unbedingt dieses neue Paar Schuhe kaufen. Oder diese Jacke. Oder eben einfach mal einen Wein, der nicht ganz unten im Regal steht. Was würdest du alles machen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Die unendliche Weltreise, der Warenkorb ohne Boden. Geht aber nicht. Deine Wünsche sind angepasst ans Mögliche.

Bei Hanna, 21, ist das anders. In ihrem Leben spielt Geld keine Rolle. Hat nie eine Rolle gespielt. Denn Hannas Familie ist reich. Das Unternehmen ihrer Familie erwirtschaftet einen Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich. Klingt wie ein Traum, für Hanna ist es das aber nicht.

Das Leben der Superreichen kennen die meisten nur aus dem Fernsehen. Trash-TV wie "Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie" präsentiert ein Leben ohne Limit. Dominiert von Größenwahn und Weltfremdheit wird die Welt gekauft: Einmal alles von allem bitte, mit Glitzer. Abstoßend und zugleich faszinierend wirkt die Blase, in der die Probleme des Alltags nicht zu existieren scheinen.

So inszenieren sich die "Rich Kids of Instagram":
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Aber wie sieht es darin wirklich aus? Wie ist es, wenn man in dieser Blase aufgewachsen ist?
"Als Kind habe ich es gar nicht verstanden und gemerkt, dass wir reich sind. Klar, gab es bei uns an Weihnachten immer ziemlich viel und wir waren sehr oft im Urlaub... aber für mich war das ja normal."

Dass ihr Lebensstandard überdurchschnittlich ist, sei ihr erst auf der weiterführenden Schule bewusst geworden.

"Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und hier gibt es nur ein Gymnasium. Jeder weiß alles über Jeden, oder meint zumindest alles zu wissen. Ich wurde immer nur dadurch wahrgenommen, was mein Vater erreicht hat und es wurde viel über uns gesprochen."

Laut dem israelisch-US-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman liegt die Schwelle zum Glück bei einem Jahresnettoeinkommen von 75.000 Dollar. Sprich: Bis zu einem Nettogehalt von knapp 6000 Euro monatlich macht jeder Euro glücklicher. Doch darüber hinaus koppelt sich das eigene Glücksempfinden vom Kontostand ab. Vielmehr mindert Reichtum die Freude an kleinen Dingen: Die leichte Verfügbarkeit reduziert deren Wert.

Wie verschiebt sich die eigene Wahrnehmung, wenn das große Geld nicht mehr als Traum, sondern als Überfluss empfunden wird? Wenn es kein Ziel, sondern normaler Bestandteil des Lebens ist? Wie steckt man seine eigenen Grenzen und Werte fest, wenn eigentlich alles möglich ist?

Hanna erzählt, dass sie second-hand kauft, vegetarisch lebt und versucht, das Fliegen zu vermeiden.

"Ich bin dankbar für die Sicherheit und muss mir keine Sorgen machen. Wenn ich etwas machen möchte, dann könnte ich mir das auch leisten. Aber ich frage mich immer: Muss ich das jetzt machen? Lohnt sich das? – Meine Freunde fliegen zum Beispiel über das Wochenende weg und ich fliege nicht mit. Finanziell wäre das kein Problem gewesen, aber ich finde es bescheuert, für zwei Tage irgendwohin zu fliegen.
Meine Eltern würden mir eigentlich alles bezahlen, wonach ich sie frage. Aber ich wurde so erzogen, dass ich mir genau überlege, wonach ich frage. Meine Schwester und ich hatten immer sehr viel Respekt vor unseren Eltern, deswegen haben wir die Grenzen nie ausgetestet."
Sie versucht sich abzugrenzen, und doch merkt man im Gespräch immer wieder: So ganz gelingt ihr das nicht. Der Reichtum gehört zu ihrem Leben – auch wenn sie ihn möglichst ausschließen will.
Natürlich muss man es sich auch erst mal leisten können, dass Geld keine Rolle spielt: Mangel lässt sich schwerer ausblenden als Überfluss.
"Meine Cousinen und Cousins leben den Reichtum ganz krass und bewusst aus. Die haben acht Autos und mehrere Häuser für drei Personen. Wenn das iPhone runter fällt, kaufen sie sich einfach ein neues. Das sind halt ganz klassische Konsumopfer und ich werde schnell in die gleiche Schublade gesteckt.
(Bild: Annika Eliane Krause)
In der Schule hatte ich oft das Gefühl ausgenutzt zu werden. Als wir unseren Abschluss gemacht haben, haben wir Geld zur Finanzierung des Abiballs gesammelt. Da kamen dann beispielsweise so Sprüche wie: Dann verkaufen wir halt ein paar Waffeln weniger und Hannas Vater bezahlt den Rest. – So etwas hat mich wirklich belastet."
Hanna will weg aus ihrem Dorf, weg von dem Gerede.
"Mein Vater hätte natürlich gerne gesehen, dass ich Wirtschaft studiere und in die Firma einsteige. Es ist noch offen und schwierig, wer sie übernehmen wird. Alle, die zurzeit in Frage kommen würden, haben eigentlich keinen entsprechenden Abschluss und vor allem auch keine gesunde Einstellung dazu. Sie denken, dass der Geschäftsführer den ganzen Tag mit einem Jet durch die Gegend fliegt und zu Business-Essen geht.

Theoretisch müssten wir alle nicht arbeiten. Wir haben das Erbe von meinem Opa und das reicht. Aber ich möchte etwas Eigenes auf die Beine stellen, egal was es ist."
Welche Rolle spielt Geld in deinem Leben?
Hanna entscheidet sich gegen das Wirtschaftsstudium:
"Für mich war klar, dass ich mit 18 direkt ausziehe und so weit weg gehe wie möglich. Leider habe ich mich dafür entschieden, zum Studieren nach München zu gehen. Hier werde ich zwar nicht mehr doof angemacht, weil ich aus einer reichen Familie komme, dafür bin ich umgeben von Leuten, die genau die Attitüde haben, wegen der die 'High Society' so verpönt wird.
Die Partys in München sind wirklich klischeemäßig. Zum Beispiel hatten wir bei einer Geburtstagsparty in einem typischen Münchener Club einen Tisch gemietet, es gab Absolut Vodka und Scampi-Häppchen. Da waren außer uns Mädels viele ältere Männer. Ich kenne einige Mädels, die sich an diese Männer ran schmeißen. Das sind dann eher die, die doch nicht so viel Geld haben, aber unbedingt zu dieser Blase, diesem Lifestlye gehören wollen. Mittlerweile gehe ich nicht mehr viel feiern.

Hier gibt es sehr krassen Konkurrenzkampf. In meinem ersten Jahr hatte ich damit ein Problem, jetzt ist mir das egal. Ich laufe mit meinem Rucksack rum und alle haben ihre Täschchen. Die Jungs gehen teilweise sogar im Anzug zur Uni. Zum Glück habe ich trotzdem nette Leute gefunden – ich bin halt einfach die Ökotante unter ihnen."
Hanna studiert zurzeit im Ausland.
"Ich habe mich ganz normal für ein Stipendium und Studienplatz beworben und wurde ausgewählt. Das macht mich stolz und ich freue mich viel mehr über Erfolg, wenn ich es alleine geschafft habe.

Ich fühle mich am wohlsten, wenn niemand von meinem Familienhintergrund weiß, denn nur dann werde einfach ich als Mensch wahrgenommen."

Today

Die meisten Deutschen fanden das Jahr 2016 spitze
Huiiiiiiii. Yayyyyy. 2016 – super!

Donald Trump, Brexit, der Aufstieg der AfD – alles egal, jedenfalls, wenn es um das eigene Wohlbefinden geht. Persönlich hatte die Mehrheit der Deutschen nämlich ein gutes Jahr 2016. Das hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag der ARD ergeben (tagesschau.de).

Auf die Frage "War 2016 für Sie ein gutes Jahr – persönlich?" antworteten 71 Prozent der Befragten mit Ja. Mit dem politischen Jahr hingegen sind nur 27 Prozent zufrieden. Bei einer solchen Fragestellung wirken sich die Wahlsiege der Rechtspopulisten dann doch aus. Immerhin.