Was passiert nach ihrem Tod mit Bildern und Geschichten der bekannten Bloggerin?

An Neujahr, als Kim starb, bekam Chris mehrere tausend Nachrichten. Die Menschen hatten auf Instagram gelesen, dass seine Freundin nicht mehr aufgewacht war, sie wollten ihn trösten. Sie schrieben ihm, wie sehr sie Kim vermissen würden. Manche versprachen, für ihn da zu sein. 

Kim wurde 30. Sie gehörte zu den bekanntesten Bloggerinnen Hamburgs, auch über die Stadt hinaus hatte sie viele Follower bei Instagram.

Jahrelang zeigte sie ihr Leben, oft berichtete sie von ihrer Leidenschaft zum Sport oder der gemütlichen Einrichtung ihrer Wohnung, sie begeisterte und motivierte Menschen.

Dann bekam sie Brustkrebs. Doch statt sich nach der Diagnose zurückzuziehen, dokumentierte sie den Verlauf der Erkrankung bis kurz vor ihrem Tod.

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Zwölf Monate ging es um die harten Chemowochen und wie sich ihr Körper veränderte. Es ging auch um die starken Momente, in denen sie lange draußen spazieren ging, mit Chris, den sie ab und zu verlinkte, auch seine Followerzahlen stiegen dann. Die Leute begleiteten das Paar, das gemeinsam gegen Zecke kämpfte, so umschrieb Kim den Krebs. 

Manchmal zeigte sie auch einfach nur sich und Chris, Kopf auf Brust, dazu schrieb sie: "Löwenfamilie." 6100 Likes.

Aber wie lässt sich mit all dem umgehen, wenn es vorbei ist? Was bleibt von den Bildern und Texten, die Menschen mit mehreren tausend Followern im Internet hinterlassen? 

Kim hat mit ihren Beiträgen vielen Menschen Mut gemacht, sie finden Unterstützung, bis heute tauschen sie sich unter den Fotos aus.

Chris rührt Kims Profil nicht an. Stattdessen nimmt er die Leute nun auf seinem eigenen weiter mit. In Storys und Beiträgen spricht er über seine Trauer und ein neues Leben, ohne sie. Zehntausende verfolgen das.

Wir haben Chris gefragt, wie sich dieses Leben anfühlt – und was Instagram ihm in dieser Situation bedeutet.

Chris, wie geht es dir gerade?

Wenn Leute mich das fragen, dann antworte ich im Moment, dass es mir den Umständen entsprechend geht. Es ist alles noch sehr unwirklich, ich muss nun irgendwie meinen Weg in den Alltag zurückfinden. Der Moment, in dem wir uns verabschieden konnten, war sehr wichtig für uns alle. Jetzt fange ich an, zu realisieren, dass Kim nicht mehr da ist und was im vergangenen Jahr überhaupt alles passiert ist.

Wie kommst du durch den Tag?

Ich bin eigentlich ein organisierter Mensch, aber gerade lebe ich einfach in den Tag hinein. Das kenne ich gar nicht mehr von mir. Ich bin von Beruf Social-Media-Manager, arbeite aber erst nächste Woche wieder. Zum Glück habe ich einen tollen Arbeitgeber, der versteht, dass ich gerade Zeit für mich brauche und mich um mich selbst kümmern muss. Manchmal gehe ich raus, treffe mich mit Freunden, und wir erinnern uns gemeinsam an Kim.

Jetzt fange ich an, zu realisieren
Chris

Ich erledige auch Dinge, die in dieser Situation einfach sein müssen: Ich gehe ihre Papiere durch, Papiere, die bisher eher sie was angingen. Das fühlt sich falsch an, aber es muss getan werden.

Aber zwischendurch mache ich immer wieder etwas, das mir sehr viel bedeutet: Ich schreibe mit den Leuten, die mir auf Instagram Nachrichten schreiben und ihre Anteilnahme und Gefühle ausdrücken. Ich habe mein Handy mit einer Tastatur verbunden, so kann ich mehr Menschen antworten. Ich will den Kontakt zu den Followern aufrechterhalten, weil sie auch mir im vergangenen Jahr eine große Stütze waren.

Wenige Tage nach Kims Tod setzte Chris sich vor die Kamera. Er habe erst am Schreibtisch Platz genommen, sagt er, doch da habe er sich nicht wohl gefühlt. Also ging er aufs Sofa. Das Handy hielt er in der einen Hand, in der anderen ein paar Notizen über Dinge, die er den Menschen gern sagen wollte.

Seine Follower erfuhren von der Beerdigung und einem der letzten Gespräche, die Chris mit Kim geführt hatte: über den Tod und darüber, dass Kim überlegt hatte, kurz vorher noch einen finalen Post abzusetzen. Sie sprachen darüber, etwas Positives zu hinterlassen, sagte Chris in die Kamera, etwas, das Leute motiviert, darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig sei. 53.000 Menschen sahen diese Story.

Hast du das Gefühl, nun für Kims Follower verantwortlich zu sein?

Ich werde ihren Account nicht anrühren, auch wenn ich Zugang dazu habe. Doch es wäre nicht angemessen, ihn weiterzuführen oder zu schließen, das wollte Kim auch nicht. Sie hat jeden Beitrag mit so viel Leidenschaft vorbereitet, sie war eine Anlaufstelle für viele Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind. Deswegen berichte ich weiter aus dem Leben, mit denen viele so vertraut sind. Auch mir hilft dieser Kontakt nun, das ist wie eine Therapie für mich.

Ich brauche gerade Zeit
Chris

Wenn man einen lieben Menschen verliert, stellt man sich wieder und wieder eine Frage: Warum musste genau uns das passieren? Man fühlt sich leer, alles erscheint sinnlos. Doch die vielen Nachrichten, auch die über andere Leidensgeschichten helfen, zu realisieren, zu verarbeiten. Es ist, als würde sich die Trauer verteilen. Sie liegt nicht allein auf mir, viele andere tragen sie mit und gemeinsam geben wir uns Halt.

Ein Postfach voller Leidensgeschichten. Zieht dich das nicht auch runter?

Es tut mir weh, von 19-jährigen Frauen zu lesen, die zum dritten Mal Krebs haben. Aber umso mehr rührt es mich, dass ich ihnen Mut zusprechen darf. Ganz ohne Mitleidsbekundungen: einfach meinen Respekt aussprechen. Das nimmt auf beiden Seiten die Schwere. Es erleichtert, sich gemeinsam an die guten Momente des Lebens zu erinnern und Kim als Beispiel zu geben, sich niemals aufzugeben.

Welche waren das – für Kim und dich?

Kim war ein unglaublich lebensfroher Mensch. Wir waren ein Team. Sie die Positive, ich der Realist. Ich habe es geliebt, mit ihr unterwegs zu sein. Das hat sie immer besonders beflügelt. Ich habe ihren Optimismus bewundert und viel davon gelernt. Es half mir, Tiefpunkte nicht als solche zu bewerten.

Wir waren ein Team
Chris

Und dann waren viele Alltagsmomente schön. Unsere kleinen Insider. Unsere Rituale. Das Einschlafen. Es war selten so, dass einer länger vor dem Fernseher saß und der andere schon mal ins Bett ging. Wir haben uns gemeinsam hingelegt. Diese Nähe am Abend, diese Gespräche dann. Die vermisse ich am meisten.

Erzählst du auf Instagram auch von diesen Situationen?

Manchmal schon. Ich lass die Leute spüren, dass ich tiefe Trauer empfinde, dass ich Zeit brauche, um diesen Verlust zu verarbeiten. Ich erzähle ihnen, was unsere Pläne waren, wir wollten Kinder, irgendwann. Aber manchmal überkommt mich eine sehr intime Trauer. Das ist ein schweres Gefühl, und ich behalte für mich, wie ich in diesen Momenten aussehe oder mich verhalte. 

Aber du wirst weiterhin Inhalte aus deinem Leben zeigen?

Es ist zu früh, darüber zu entscheiden. Jetzt gerade tut es mir gut. Für später habe ich ein paar Ideen, die sind aber noch nicht spruchreif. Ich könnte mir vorstellen, etwas zu schaffen, das das besonders junge Frauen stärker für das Thema Brustkrebs sensibilisiert. Wer weiß, wohin mich dieser Gedanke führen wird.

Mehr Bilder und Texte

  • Hier findest du Kims Account.
  • Hier gibt es mehr von Chris.

Glaubst du, dass Kim das Bloggen auch selbst geholfen hat?

Ihre Community, die Kimscrew, ist ja riesig. So vielseitig, dass viele Menschen mit unterschiedlicher Expertise dabei sind. Als die Diagnose kam, hatten wir zum Beispiel viele Fragen an die Krankenkasse. Wenn man bei der anruft und sagt, Hallo, ich habe Krebs, dann zählen die nicht automatisch die Leistungen auf, die einem zustehen. Im Gegenteil. Von Taxifahrten, Haushaltshilfen und Krankengeld ist erst mal keine Rede.

Wenn Kim ratlos war, fragte sie ihre lieben Instis, wie sie ihre Follower oft nannte. Die haben dann von ihrem Wissensstand berichtet und uns informiert, worauf wir bestehen können und welche Leistungen uns definitiv zustehen.

Ihr wurde aber auch auf ganz anderem Wege beigestanden, sie hat oft kleine Pakete bekommen. Aufbauende Briefe und kleine Geschenke. Das war immer ein Moment voller Liebe, weil andere Menschen aus ganz Deutschland, bis runter in die Schweiz, an sie geglaubt haben.

Bedeutete Instagram für sie nie auch Druck? Druck, die Leute ständig auf dem Laufenden halten zu müssen über eine Ausnahmesituation im eigenen Leben? 

Im Gegenteil, es hat sie mit Freude erfüllt. Eher war es die Krankheit, die es ihr manchmal schwer machte, ihr Profil zu verwalten und die Kommunikation aufrechtzuerhalten. Ich weiß noch, als sie zum Ende hin einmal sehr lichtempfindlich war. Das Leuchten des Displays machte ihr zu schaffen, sie kommunizierte in dieser Zeit nur wenig mit den Menschen, was mir große Sorgen bereitete. Immer, wenn sie für einige Zeit nicht mit ihren Instis sein konnte, merkte ich ihr das direkt an. Sie liebte es einfach, ehrlich zu berichten, Stärke zu zeigen und andere zu inspirieren.

Warst du bei ihr, als sie starb?

Ja. Sie war nicht allein. Das war auch ihr größter Wunsch. Ihre wichtigsten Menschen waren da, ihre Mutter war ihr sehr nah. Kim lag etwa zwei Wochen auf der Palliativstation eines Flensburger Hospiz'. Viele ihrer Follower machten sich Sorgen, sie gehe da zum Sterben hin. Doch davon war zu Beginn nie die Rede, wir hatten die Hoffnung, dass der Aufenthalt und die intensive Pflege sie noch mal aufpäppeln. Doch dann kam alles anders.

Als ich an Neujahr einen Beitrag in ihrem Profil postete, um die Menschen bei Instagram über ihren Tod zu informieren, da waren viele tief betroffen. 

Für ihre Follower kam die Nachricht sehr überraschend. Ich schrieb: "Kims Profil soll als Denkmal und Mahnung erhalten bleiben. Als Denkmal, weil unsere Kim das Leben liebte. Die Mahnung soll dafür stehen, die eigene Gesundheit nicht als etwas Selbstverständliches zu betrachten, sie wertzuschätzen und zu pflegen."

Kim wurde an einem Freitag beerdigt. Ihre Familie war dabei, Freunde. Und Chris. Ein paar Tage vor der Trauerfeier gab er eine Trauerschleife in Auftrag, das Band bedruckt mit der genauen Anzahl derer, die Kim an diesem Tag bei Instagram folgten. Weiß auf Schwarz glänzten Zahlen und Buchstaben auf der Schärpe: "112.018 Friends sind in Gedanken bei dir."


Gerechtigkeit

Ich bin in der SPD – und für die GroKo!

Manche Entscheidungen sind schwer, weil beide Alternativen gut klingen: Urlaub mit Freunden oder Urlaub mit dem Partner, Schoko oder Apfelkuchen, ein Tag am Meer oder ein Tag in der Sauna?

Die Entscheidung "Groko oder Opposition?" – gehört leider nicht dazu. Und ich muss es wissen. Denn ich bin seit vier Jahren Mitglied der SPD und habe mir deshalb schon verdammt viele Gedanken gemacht, wie ich bei der Mitgliederbefragung abstimmen würde.  

Ich wäre für eine neue Große Koalition.