"Ey, stop mal, habt ihr eure Hände gewaschen?"

Manche Abende hasst Bert. Wenn der Hamburger SV verloren hat, zum Bespiel. Dann sind seine Kunden betrunkener als sonst. Aggressiver. Dann gibt es schnell Stress am Eingang, weil frustrierte Fans kein Geld für die Toilette bezahlen wollen und Bert sie dann nicht reinlassen darf. Dann fliegen Fäuste – häufiger und heftiger als sonst.

Bert, der eigentlich anders heißt, ist Toilettenmann auf der Hamburger Reeperbahn. Dort, wo sich der Geruch von Pommes, Pisse und Parfüm vermischt, sorgt der 21-Jährige für Ordnung, und das fast jede Nacht, vom Abend bis in den frühen Morgen.

(Bild: Magdalena Tröndle)

Freitagabend, kurz nach 22 Uhr. Bert zündet sich eine Zigarette an, atmet tief ein und lehnt sich an die braune Plastikwand seines Toilettenhäuschens. Auf der anderen Seite des Häuschens ist noch ein Imbiss, auf seiner Seite sind die Klos: zwei bei den Herren, drei bei den Damen. Wer hinein will, muss 50 Cent bezahlen und durch ein Drehkreuz. Am liebsten steht Bert draußen und beobachtet den Kiez. "Wenn drinnen das Geld im Kasten klimpert, weiß ich, dass der Kunde bezahlt hat", sagt er uns grinst.

Hier werden keine Drogen genommen!

Leute die nicht bezahlen, schmeißt Bert raus. Genau wie Drogenabhängige: Wenn seine Kunden länger als fünf Minuten auf seiner Toilette bleiben, klopft er an und ruft: "Hier werden keine Drogen genommen!" Bettler mag Bert auch nicht auf seiner Toilette. "Die wissen, dass ich meine Hosentaschen voll Wechselgeld habe, aber das gehört ja nicht mir – also, was wollen die?"

Die Firma von Bert möchte nicht, dass man auf den Fotos sein Gesicht erkennen kann. (Bild: Magdalena Tröndle)

Direkt vor dem Toilettenhäuschen hält jetzt ein schwarzes Auto mit dunklen Scheiben. Ein Mann steigt aus und verschwindet in einem unbeleuchteten Hauseingang. "Der holt das Geld von den Nutten", sagt Bert.

Bert kennt die Gesetze des Kiez. Er weiß, wo es welche Drogen zu kaufen gibt, welche Strategien die Prostituierten verfolgen, wo man am meisten leere Pfandflaschen finden kann und wie viel der Mann mit der Werbetafel auf dem Rücken verdient: zwölf Euro.

Wenn es dunkel wird auf dem Kiez:
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Zwischen dem Eingang der Damen und dem der Herren befindet sich eine winzige Kammer. In die zieht Bert sich zurück, wenn er möchte, oder wenn es nötig wird. In der Umgebung kommt es oft zu Festnahmen – manchmal direkt vor dem Toilettenhäuschen. Dann schließt sich Bert in seiner Kammer ein.

"Ich höre dann, wie die Körper gegen meine Wand klatschen, wenn die den Leuten die Handschellen anlegen", erzählt er. Einmal hat er durch sein Milchglasfenster direkt in das Gesicht des Festgenommenen gesehen. "Körperverletzung und Drogenhandel ist meistens der Grund", sagt Bert. "Einmal war es versuchter Totschlag."

Wenn es ernsthafte Probleme gibt, kommt der Italiener.

Es gibt Überwachungskameras in der Toilette, an der Wand hängt ein Zettel mit der Telefonnummer von der Polizeiwache. Doch die hat Jona noch nie angerufen. Er ruft jemand anderen an.

"Wenn es ernsthafte Probleme gibt, kommt der Italiener." Der Italiener wohnt in Kiez-Nähe, sieht aus wie ein Schrank und hat ein Messer. "Es reicht, wenn der Italiener einfach nur auftaucht, dann verpissen sich die Stresser ganz schnell", sagt Bert und grinst.

Überhaupt ist Bert jemand, der das Leben leicht nimmt und den nichts aus der Ruhe zu bringen scheint. Er ist ein Typ, der trotz seiner schmalen Figur furchteinflößend sein kann. Die Menschen auf dem Kiez haben Respekt vor ihm, das merkt man. "Ich hab meine Toilette unter Kontrolle, mir ist noch nie etwas passiert", sagt er.

Ey, stop mal, habt ihr eure Hände gewaschen?

Ein betrunkener Mann mit seinem noch betrunkeneren Sohn stolpert aus dem Toilettenhäuschen. Bert, der draußen steht, sagt: "Ey, stop mal, habt ihr eure Hände gewaschen?" Alle drei lachen.

Bert erlebt viele schöne Momente bei der Arbeit, sagt er. Einmal, kurz vor Schichtende, kam ein älterer Mann zur Toilette. Der hatte aber nur einen 50-Euro-Schein und kein Kleingeld. Als Jona ihm das Geld wechseln wollte, meinte der Mann zu ihm, er solle den Rest behalten. "Das waren für mich 49,50 Euro Trinkgeld in nur einer Minute."

(Bild: Magdalena Tröndle)

Der schlimmste Abend für Bert war der, als ein junges Mädchen die gesamte Herrentoilette vollkotzte. "Schlimm war nicht nur die Kotze, sondern vor allem ihr Begleiter, der anfing, mich anzupöbeln und mich behandelte wie ein Stück Dreck", erzählt Bert. "Ich bin ruhig geblieben und hab ihn gebeten, Wasser für das Mädchen zu besorgen."

Eine zeitlang kam eine ältere Frau mit Behinderung regelmäßig zu Bert. "Sie wollte mir ständig Nacktbilder von sich schenken." Jetzt hat sie Hausverbot wegen sexueller Belästigung.

Michi ist einer der ganz wenigen, die hier umsonst scheißen.

Bert hat viele Freunde auf dem Kiez: Michi vom Kiosk gegenüber zum Beispiel. "Michi ist einer der ganz wenigen, die hier umsonst scheißen", sagt er. Und Anton: Was der treibt, weiß Bert auch nicht genau – jedenfalls scheint er sehr beschäftigt zu sein und ist immer schick gekleidet. "Er kommt eigentlich jeden Abend vorbei und fragt mich nach meinen Kaugummis und meiner Kinderschokolade."

Es ist jetzt kurz vor Mitternacht und es ist viel los auf Berts Toilette, vor allem bei den Herren. Bert sitzt in seiner Kammer, als plötzlich Ali von der Dönerbude gegenüber den Kopf ins Zimmer steckt: "Ey, haste Hunger?" Er hat eine Plastiktüte mit Döner und Cola unterm Arm.

Bert freut sich, aber er hat schon gegessen und Getränke hat er auch: Vier Redbull-Dosen stehen auf seinem Fensterbrett. Die hat er heute kurz vor seiner Schicht von einem Obdachlosen geschenkt bekommen. "Das ist der Grund, warum ich meinen Job mag", sagt er.

Bert liebt den Hamburger Kiez und seine Bewohner. Er liebt das Gefühl, das man hier hat: ein bisschen Rotlicht, ein bisschen Abenteuer. Seine Toilette ist für manche vielleicht ein Unort. Für Bert ist sie das nicht.

(Bild: Magdalena Tröndle)

Bert träumt davon, eines Tages eine Ausbildung anzufangen und vor allem davon, sie zu Ende zu bringen. Irgendwann möchte er ein Leben ohne Gelegenheitsjobs führen und seine Freundin heiraten. Bis es soweit ist, ist die Kieztoilette ein guter Ort.

Jetzt blinken wieder die Lichter des schwarzen Autos kurz auf – die Zentralverriegelung klackt. Der Mann verlässt den dunklen Hauseingang und eilt mit einem Paket unterm Arm zum Auto. Er knallt die Tür zu und fährt davon. Bert schaut ihm noch hinterher, dann macht er die Kippe aus und geht wieder rein, in seine Toilette.

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