Für den Abschied bleiben uns ein paar Tage.
Wenn man ihn wegschickte, ging er klaglos, wenn man blieb, blieb er auch(Bild: Alexander Demling)

Schon hinter der Tür höre ich ihn leise maunzen und quietschen. Durch den Spalt schleicht Felix in mein Zimmer, sein schwarz-weißes Fell hängt faltig wie ein schlabberiger Pullover an seinem mageren Körper. Felix streift um meinen Knöchel, springt schwerfällig auf mein Bett und rollt sich vor mir auf die Seite. Dann erst blickt er aus halb zugekniffenen grünen Augen auf zu mir. Keine Spur von seiner üblichen Vorsicht. Da hat einer keine Zeit zu verlieren.


Wir kennen uns seit 15 Jahren. Obwohl ich vor acht bei meinen Eltern ausgezogen bin, sind wir uns eher noch vertrauter geworden. Ich zog ein Dutzend mal um im Studium, verliebte und entliebte mich, begann zu arbeiten und besuchte meine Eltern eher sporadisch. Aber wenn, dann war da immer dieser Kater, der einfach nur auf meinem Schoß einschlafen wollte. Eternal sunshine of the spotless mind.


Eigentlich ist Felix der Kater unserer Nachbarn, seine ewige Suche nach Liebe und sein unstillbarer Hunger machte uns zu seiner zweiten Heimat. In der frühesten Anekdote, die mir zu ihm einfällt, schlich er sich in unser Haus und fraß unserer eigenen Katze den ganzen Napf leer. Unter leisem Fauchen aus der anderen Zimmerecke stolzierte er nach vollendetem Mahl davon und übergab sich auf unsere Küchenfliesen. Keine Ahnung, ob es Selbstüberschätzung oder katzenhafte Bosheit war - so oder so ein herrlicher Auftritt.


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All zu viel gegessen hat Felix in den vergangenen Wochen nicht mehr. Sein Herz ist schlapp, sagt meine Mutter, sein Magen und Darm werden immer schlechter durchblutet. Ich fahre mit meinen Fingern über seine Rippen und massiere seine weiche Bauchdecke, die sich wie Gummi anfühlt. Er gurrt zufrieden, wie immer so selbstvergessen, dass er zu sabbern beginnt.

Da sitzen wir also, wie Jugendfreunde, auf dem Teppichboden meines Kinderzimmers. Als wäre die Zeit stehengeblieben.

Es gibt Hunde- und Katzenmenschen, Felix machte mich zu Letzterem: Kein anderes Haustier ist von so komplexem Charakter, irgendwo zwischen Herrscher, Schlitzohr und Melancholiker. Es gibt Menschen von geringerer emotionaler Intelligenz. Oder ist es albern, auf eine Katze mehr zu projizieren als den immer verfressenen, manchmal verschmusten, selten verlässlichen Mitbewohner, der auch nur frisst, pisst, kackt, liegt und sich von Zeit zu Zeit lautstark paart?

Er gurrt zufrieden, wie immer so selbstvergessen, dass er zu sabbern beginnt.

Felix war ein gleichmütiger Zeitgenosse: Die Risse in seinen Ohren zeugten zwar von seinem rauen Leben jenseits der Terrassentür, doch im Haus, unter uns Menschen war er ein zufriedener Untertan: zutraulich, devot, unendlich liebesbedürftig. Ein guter Tag begann und endete auf meiner Bettdecke, dazwischen bettelte er um Essen oder ließ sich den Körper durchkneten. Wenn man ihn wegschickte, ging er klaglos, wenn man blieb, blieb er auch.

Für mich wurde Felix so zum Ideal eines Haustiers: Treu und grundgut wie ein Hund, aber mit der den Katzen eigenen ätherischen Eleganz - wenn er sich nicht gerade in einen Wäschekorb übergab. Unsere Nachbarn hatten ihn von seinen Vorbesitzern gerettet, ein paar Monate alt, wenig beachtet und mit schimmligen Essensresten gefüttert. Ohne zu viel psychologisieren zu wollen: Es überrascht wenig, dass Fressen und Liebe zu seinen großen Lebensthemen wurden.


Ein bisschen habe ich ihn überall vermisst. Dabei begegnen uns Katzen ständig: Sie sind die kuriosen Alleinunterhalter des Social Web. "Cat content" gibt es in Bild, Ton und Meme: der 5-Sekunden-Lachsnack, die knuddelige Instant-Schwärmerei - die Mini-Dosis Eskapismus an einem langen Nachmittag der Prokrastination.

Viele der Netz-Katzen sind dominant, manche sind trottelig, manche unfassbar niedlich, eine legendär missgelaunt. Ihre Allgegenwart täuscht darüber hinweg, dass die Katze aus Fleisch und Fell langsam aus unserem urbanisierten Leben verschwindet - verjagt von Haustierklauseln in Mietverträgen und anderen Zwängen der Stadt. Auf Klicklaminat ist nicht gut streunen.

Mit Glück bringen uns unsere Katzen durch Schule und Studium, aber selten viel weiter

An dem Mittwochabend, an dem ich wieder nach Hamburg fahre, vollziehen wir noch einmal unser Ritual: Ich sitze im Sessel, Felix schleicht auf mich zu, wartet. Ich klatsche mit den Handflächen auf meine Knie, er springt in meinen Schoß und rollt sich zusammen, Kopf zwischen Pfoten. Sein schmaler Unterkörper hebt und senkt sich langsam.

Mit Glück bringen uns unsere Katzen durch Schule und Studium, aber selten viel weiter. Ihr Leben endet, wenn für uns ein neues beginnt. Meine Schulfreunde gründen Familien, mein bester ist eben zum zweiten Mal Vater geworden. Meine Mutter bekommt bald ein Hörgerät, und unser Haus ist meinen Eltern längst zu groß.

Ich muss zum Bus. Ich hebe Felix sachte von meinen Oberschenkeln und setze ihn auf den Wohnzimmerteppich. Ich streichle über seine Stirn und gehe zur Tür. Er schaut mir hinterher, aus grünen, halb zugekniffenen Augen. Aufstehen und nachlaufen will er mir nicht mehr. Do not go gentle into that good night, kleiner Kater.

Wenige Tage später ist Felix gestorben. Nach meiner Abreise dämmerte er meist auf dem leeren Bett in meinem Kinderzimmer dahin. Als meine Mutter ihn zu unseren Nachbarn trug, tropfte das Blut, das sich in seinen inneren Organen gestaut hatte, in kleinen Flecken auf unsere Treppe. Als unsere Nachbarn beim Tierarzt ankamen, konnte er seine Hinterbeine nicht mehr bewegen, so schwach war er. Dann bekam Felix die Spritze.

Ich hoffe, jemand hat ihm den Bauch gekrault.