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Wir müssen reden

Jedes Jahr an Weihnachten fahre ich in meine Heimatstadt und besuche dort meine Eltern – wie Millionen andere auch. Eigentlich treffe ich auch immer ein paar Freunde. Also, die alten Freunde. Mit denen ich meine Jugend verbracht habe. Und die mich jetzt schon seit vielen Jahren nicht mehr jeden Tag sehen, nicht mehr viel von mir wissen. Zumindest sehr wenig davon, welcher Mensch ich heute bin.

Es ist nämlich so: 

Als ich weggezogen bin, habe ich zwei Sachen ziemlich schnell gelernt. 
  • Erstens, dass meine Existenz gar nicht so bedeutend ist, wie Mama und Papa immer behauptet haben. 
  • Und zweitens, ein bisschen später, dass aus mir irgendwas werden muss, irgendetwas eben, das mir bedeutend vorkommt um die ganze Unbedeutsamkeit wegzukompensieren, denn:

Spätestens mit Mitte zwanzig kapieren ja auch die letzten Eskapisten, dass sich ein Mangel an Sinn nicht durch ein Übermaß an Party, saufen, Drogen, bumsen und studieren ausgleichen lässt (man kann es aber versuchen, ich würde nicht schwören, dass es nicht doch geht). 

Und dann arbeitet man eventuell. Man macht, wie man so sagt, eine Karriere. Man bekommt vielleicht Kinder. Man zieht mal um. Man macht einen Abschluss, einen Antrag oder ein paar grobe Fehler. 

Man wird wer. 

Man wird auf jeden Fall etwas anderes, als man mal war. Die meisten von uns jedenfalls. 

Und dann kommt Weihnachten.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Weihnachten, diese gigantische Zeitmaschine. Auf einmal sitzt man mit seinen Freunden aus der Schulzeit in einem Wohnzimmer, plaudert über "alte Zeiten" und spätestens jetzt hat jeder wieder die Rolle, die er früher hatte. Egal, ob man heute Crack auf dem Ku'damm verkauft oder im Darkweb dealt: Für alle anderen bleibt man der Streber. Oder der Chaot. Oder die Sportlerin. Oder der Verrückte. 

Und wie sollte es auch anders sein: 

Zieht man weg, wird die Rolle, das Bild, das die anderen haben, einfach eingefroren.

Aufgewärmt wird dann an Weihnachten. Und heraus kommt die Zombieversion dessen, was man mal war.

An einem dieser Abende hatte ich, im Kreise einiger alter Freunde, von meiner "Karriere" erzählt, die vor allem aus absurd viel Arbeit, nie Urlaub und kaum Schlaf bestand. Ich war ein Worcaholic geworden und bin es bis heute. Das überraschte mich selber manchmal, aber mittlerweile hatte ich mich auch an den Gedanken gewöhnt, dass mir mein beruflicher Weg etwas bedeutet

Trotzdem bemerkte mein Schulfreund Sebastian am Ende dieses Treffens, dass ich ja noch die "alte" sei, eben die etwas "Verrückte", die chaotische Kathrin, die, die ich immer war. Alle lachten ein bisschen, ich auch, aber innerlich dachte ich: 

WTF, du Lappen, ich arbeite 70 Stunden die Woche, was genau hat das jetzt mit "chaotisch" oder "verrückt" zu tun?

Ich ging nach Hause und heulte ein bisschen. 

Dann beschloss ich, die Erwachsene zu sein, die ich mittlerweile ja auch irgendwie geworden war. Wenn man erwachsen ist, kann man nämlich entscheiden, sich kindisch zu benehmen und erst mal beleidigt zu sein. Also war ich das und schlief ein.

Gerne hätte ich Sebastian (und allen anderen) gesagt, dass ich sehr viele, sehr schöne Dinge geschafft habe. Dass ich viele bin und nicht nur die eine, die immer ein bisschen zu verplant, ein bisschen zu chaotisch ist. 

Dass ich heute, zehn Jahre später, sehr wohl ziemlich gut klarkomme.

Aber dann hätte ich Sebastian angesehen und bemerkt, dass auch er noch für mich der fahrige Nerd ist, der am liebsten allein für sich im Keller irgendwas zusammenschraubt – obwohl er heute, zehn Jahre später eine Familie hat und ein Leben, das mit damals wirklich gar nichts mehr zu tun hat.

Ich hätte Marie anschauen – und zugeben müssen, dass sie für mich immer noch die Sportsüchtige ist, die trotzdem ständig bis Morgens feiert und sich nicht für viel anderes interessiert – obwohl sie mehr Abschlüsse hat, als wir alle zusammen. 

Ich hätte sie alle ansehen und mir selber eingestehen müssen, dass ich kein bisschen besser bin – wir sitzen längst nicht mehr im selben Boot, aber in der gleichen Zeitmaschine. Jahr für Jahr.

Nach diesem Abend haben wir uns nicht wieder getroffen. 

Was jahrelang Tradition war, löste sich mit einem Mal auf. Stillschweigend und ohne, dass jemand etwas erklärt hätte. 

Wir haben den Weg aus der Zeitschleife gefunden. Unsere alten Ichs dürfen endlich mit dem Abiballkleid zusammen im letzten Winkel des Dachbodens bleiben. 

Wir passen eh in beides nicht mehr hinein.

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