Bild: Unsplash / Cole Hutson
Einfach mal sagen, was alles schief läuft.

Wir müssen reden. Über unsere Antwort auf die Frage: "Wie geht es dir?“

Das Leben ist nicht immer geil, dafür aber in anderen Momenten doppelt schön. Es geht hoch und wieder runter. Jeder ahnt, dass es allen so geht. Trotzdem lügen wir ständig. Fragt uns jemand, wie es uns geht, sagen wir oft "Super, und dir?“, statt: "Im Moment habe ich manchmal Angst, dass das mit der Ehe eine dumme Idee war." Wir sagen "Alles gut", statt: "Mein Job langweilt mich zu Tode, aber ich brauche das Geld." Wir lügen, wenn es um unsere Gesundheit geht, unsere Frustration, unsere Trauer.

So geht es den ganzen Tag. Alles ist super, ist aushaltbar. Nur den besten Freundinnen und Freunden, der Partnerin oder dem Partner, nur den Eltern sagen wir vielleicht, wie es wirklich ist. Dabei könnte alles echter und leichter sein, wenn wir anfingen, auch sonst auszusprechen, was uns bewegt.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Natürlich können wir dem Kollegen nicht sagen, dass wir schlecht gelaunt sind, weil wir schlechten Sex hatten. Aber der Kollege merkt, dass wir miese Laune haben. Trotzdem sagen wir: "Och, eigentlich alles cool", und wissen, dass der andere schon nicken und sagen wird: "Ah, ok, cool." 

Gespräch beendet.

Dabei ist es doch so: Lügen trennen Menschen voneinander. Lügen verhindern Nähe und das Gefühl von Verbundenheit. Wer lügt, baut eine Mauer zwischen sich und andere. 

Warum schreiben wir keine ehrlichen Facebook-Postings und machen ehrliche Aussagen? Warum ist alles immer perfekt, #motivationmonday und #superfood? Warum sagen wir nicht einfach hin und wieder, dass alles gerade scheiße ist? Dass der Regen im Urlaub nervt, die BAföG-Rückzahlung eine Katastrophe ist und dass wir schon wieder ein Wochenende Zuhause versackt sind, statt auszugehen.

Lügen trennen Menschen voneinander.
Kathrin Weßling

Wir sollten anfangen, mit den Notlügen aufzuhören. Denn wollen wir, dass kaum jemand weiß, wie es uns wirklich geht? Dann kann uns auch niemand helfen, mit den Dingen, die uns belasten, besser umzugehen.

Warum sagen wir nicht, dass wir Schwächen haben und Ängste, oder uns wie Idioten benommen haben. Dass wir uns bemühen und trotzdem scheitern. Dass wir hin und wieder mächtig angepisst sind, dass wir wütend sind auf die Kollegin, die immer unsere Ideen als ihre verkauft? 

Wenn wir endlich sagen würden, was los ist, könnten wir uns zu einer Gesellschaft entwickeln, in der nicht Perfektion und Unnahbarkeit im Mittelpunkt stünden, sondern wir selbst. Mit all unseren Schwächen, Ängsten und all dem schönen und wilden Quatsch in unseren Köpfen.


Today

Der Amokläufer von Toronto soll aus Frauenhass gehandelt haben
Was hinter seinen Facebook-Posts steckt.

Am Montag tötete ein Amokfahrer in Toronto zehn Menschen (bento). Er war mehrere Minuten lang immer wieder über einen Gehweg gefahren. Ermittler rätselten nach der schrecklichen Tat über sein Motiv.

Nun liefert ein Facebook-Post des mutmaßlichen Attentäters Details zu der möglichen Motivation. 

Nur ein paar Stunden, bevor der 25-jährige Alek M. mit seinem Lieferwagen und voller Geschwindigkeit auf den Bürgersteig fuhr, postete er diese Nachricht auf Facebook: