Bild: Karla Windberger
Warum Karneval nichts mit Ballermann zu tun hat

Wenn der Zug über die Brücke rattert, unter mir der Rhein, die Reiterstatue links, der Dom vor mir, bekomme ich Gänsehaut. Wenn ich in meine Stadt komme. Richtige, echte Gänsehaut. Besonders groß ist die Freude, wenn es der Mittwoch vor Weiberfastnacht ist. Und genauso groß ist dann meist das Unverständnis für diese unbändige Karnevalsvorfreude, bei meinen Freunden in München, meiner neuen Heimatstadt, und bei meiner Familie in Bremen, wo ich geboren wurde.

"Bist du deppert", fragen mich meine Mitbewohner, wenn ich sie frage, ob ich dieses Jahr lieber als Hippie oder Squaw gehen soll. Und meine Familie im Norden versteht einfach nicht, warum "Fasching" (ES HEIßT KARNEVAL!) fünf Tage lang gehen muss und ich danach mindestens genauso lange bettlägrig bin.

Es geht doch nur ums Saufen, Schunkeln und Abschleppen? Nein! Es geht um ein Gefühl.
Gefühl 1: Frühstück mit allen.
(Bild: Lena Korbjun)

An so ziemlich jedem Tag der Karnevalswoche wird gefrühstückt, es geht um eine Grundlage und um beste Gesellschaft. Die Stadt steht still, alle deine Freunde stapeln sich in deiner Bude. Unter den Gästen: deine Kölner Freunde, die Bekannten aus München, Wuppertal und Niedersachsen, die dich oder deine Freunde besuchen, und Menschen, die man auf dem Weg auf der Straße aufgesammelt hat, weil sie verzweifelt eine Toilette gesucht haben.

Es gibt:

  • Berliner
  • Brötchen
  • Mett mit Zwiebeln

Und Kölsch. Die Musik läuft schon vor 10 Uhr, laut, ohne dass sich jemand beschwert. Und alle singen mit.

An der Stelle – Welches Kostüm du an Karneval tragen solltest, erfährst du in unserem Quiz:
Gefühl 2: Mal was ausprobieren.

Wenn du im Bürojob deine Liebe zu Leder nicht ausleben kannst – perfekt. Du wärst gerne mal Prinzessin – kein Problem! Du übertreibst mit deiner Tierliebe und willst gerne mit Hunden und Katzen schmusen – wofür wurden diese Ganzkörperkostüme erfunden!? Du würdest gerne mal neben John Lennon aufwachen – hey, alles ist möglich! An Karneval kannst du alles ausleben, niemand wird es je erfahren. Sich zu verkleiden macht nicht nur Spaß, sondern befreit!

Gefühl 3: Dreh! Mal! Richtig! Auf!

Jaja, Karneval ist jetzt nicht die schlechteste Zeit zum Abschleppen. Aber eine Stufe drunter geht ja auch: Endlich muss jeder mal seine Sozialphobie loswerden. Egal, wie schüchtern du bist: Niemanden schert es, wenn du auf der Zülpicher Straße vor Millionenpublikum als Cäsar verkleidet eine Szene machst. Und wann hast du das letzte Mal einfach so jemanden an der Bar angesprochen? Eben. An Karneval kannst du perfekt üben. "Als was gehst du denn?" ist der ultimative, niedrigschwellige Gesprächseinstieg und den kannst du auch mehr als zehnmal benutzen.

Noch mehr Sentimentales vom Rhing:

Gefühl 4: Endlich mal wieder richtig feiern.

Karneval hat das beste Party-Line-up des Jahres. Wer sich mit den Touristenströmen in der Altstadt umhertreibt, ist selbst schuld. Neben der Südstadt feiert es sich besonders gut im Belgischen Viertel. Wohngemeinschaft, Zum goldenen Schuss oder Sixpack – in diesen Bars wird gekickert, getanzt, gefeiert, getrunken und zwar nicht nur zu kölschen Liedern sondern zu einem 1A-Soundtrack.

Und zwischendrin: ein Abstecher zum spontanen Rave am Aachener Weiher. Eine besonders ekstatische Veranstaltung: der Karnevalssport von den Machern der Rhythmusgymnastik-Reihe. Wer am Ende nicht irgendwann in Ehrenfeld landet, der hat allerdings etwas falsch gemacht. Hier ist das Kölner Nachtleben am schönsten – irgendwo zwischen Club Bahnhof Ehrenfeld und Heinz Gaul könnt ihr euch dann auch endlich in die Arme des nächsten Matrosen werfen.

Gefühl 5: Echte Fründe stonn zosamme.
(Bild: Privat)

Wer einmal zusammen Karneval gefeiert hat, ist für immer verbunden. Das bedeutet nämlich, dass man zusammen um Kotze herumgetanzt ist, in Senfberliner gebissen hat und morgens zusammen an der Ubahn-Endhaltestelle in Chorweiler wachgeworden ist.

Kölnern wird nachgesagt, sie würden sich mit nachhaltigen Freundschaften nicht auskennen. Der Rest von Deutschland hat keine Ahnung! Wer schafft es denn bitte sonst, sich an sechs Tagen Karneval trotz Netzprobleme und der dreifachen Menge an Menschen in der Stadt immer wieder zu finden? Eben.

Alaaf.

Gerechtigkeit

Nach dem "Day without immigrants" verlieren mindestens hundert Menschen ihren Job

Weil sie sich an einem Protesttag gegen Trumps Einwanderungspolitik beteiligten, haben in den USA mindestens hundert Menschen ihren Job verloren. Das berichten zahlreiche Medien (Mic). Bei den Protesten in der vergangenen Woche legten Tausende Menschen ihre Arbeit nieder, um zu zeigen, wie wichtig Migranten für die Vereinigten Staaten sind. Zahlreiche Geschäfte blieben am "Day without Immigrants" aus Solidarität ebenfalls geschlossen.