Bild: Petra Maier
"Angst ist ein genialer Einfall der Natur."

Ich stehe alleine auf der Bühne. Mein Hals drückt. Ich verpasse den Einsatz, vergesse die Melodie. Der DJ lächelt mich an. Ich würde am liebsten wegrennen, dennoch bleibe ich und stelle mich meiner Angst: der Angst vor Karaoke.

Es werden die längsten dreieinhalb Minuten meines Lebens.

Ich habe noch nie gern vor anderen gesungen, auch im Chor war ich nicht. Wenn meine Freunde bei Geburtstagen Singstar spielten und ich an der Reihe war, musste ich auf Toilette. Ganz zufällig. Eine klare Vermeidungsstrategie, erklärt der Psychoanalytiker Helmut Möller. Doch warum vermeide ich solche Situationen? Dahinter steckt eine Erwartungsangst, sagt Möller.

Das stimmt: Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, nicht gemocht oder ausgelacht zu werden.

"Angst", sagt Möller, "ist ein genialer Einfall der Natur." Denn sie ist ein Alarmsignal, das uns auf Gefahren hinweist: Wir sind aufmerksamer und konzentrierter. Auf der Bühne ist etwas Anspannung sogar gut. Unser Blick wird wacher, wir können Dinge besser vermitteln. Möller nennt Lampenfieber deshalb eine "produktive Angst".

Allerdings kann zu große Angst auch schädlich sein. Die Folge: Unsere Leistung vermindert sich, wir sind angespannt und können uns schlechter konzentrieren.

In der Slideshow: Petras Karaoke-Abend in fünf Fotos

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Etwa 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer leistungsmindernden Angst, einer sozialen Phobie. Kritisch wird es laut Möller, wenn man bestimmte Dinge vermeidet, weil sie einen so sehr ängstigen. Auch wenn die Leistung unter den eigenen Möglichkeiten liege, sollte man sich professionelle Hilfe holen, rät Musiktherapeutin Irmgard Tarr.

Meistens entsteht die Angst in der Kindheit: "Eltern und Lehrer weisen uns auf kleinste Fehler hin und machen uns kleiner, als wir sind statt uns Mut zuzusprechen", sagt Tarr. Um die eigene Angst zu überwinden, da sind sich die Psychotherapeuten Tarr und Möller einig, müssen wir uns damit konfrontieren.

(Bild: Imago)

Genau das mache ich heute. Meinen ersten Auftritt habe ich ausgerechnet in der Straße, in der vor mehr als 50 Jahren die Beatles ihr Debüt gaben: in der Thai Oase auf der Großen Freiheit, einer der bekanntesten Karaoke-Bars in Hamburg. Zum Glück begleitet mich meine Freundin Theresa. Es ist kurz vor 23 Uhr.

Die Thai-Oase ist kleiner, als ich erwartet hatte. Und leerer: Am Tresen sitzen zwei ältere Herren, ein paar Mädels an einem Tisch weiter hinten kichern in ihr Bier. Noch tanzt niemand. Am Nachbartisch grölen drei Schotten – ihr Akzent macht es unmöglich, sie zu verstehen. Palmentapeten und Reismatten zieren die Wände, die Sitzbänke sind mit rotem Leder überzogen, bunte Lichterketten blinken an der Bar. Zwei Bildschirme und eine Leinwand zeigen die Lyrics. Große Boxen an der Decke geben blechern die Stimmen der drei Frauen wieder, die auf der kleinen Bühne einen Popsong ins Mikro trällern.

"Alles halb so wild", rede ich mir ein.

(Bild: Petra Maier)

Die Kellnerin bringt uns die Karte und einen dicken Katalog mit Musiktiteln. Mehr als 2.000 Lieder stehen auf der Liste. Der DJ kündigt die Songs direkt nacheinander an. Ich entscheide mich für Bier und "Haus am See" von Peter Fox. Eigentlich sollte das kein Problem sein, schließlich singe ich das immer beim Autofahren.

Der Karaoke-Trend ist in den Achtzigerjahren von Japan zu uns nach Deutschland übergeschwappt. Mit den Castingshows in den Nullerjahren erlebte Karaoke einen Hype. Allein in Hamburg kann man sein Können in mehr als zehn Bars beweisen.

Auf der Bühne singt nun eine Frau um die 50 "Highway to Hell" von AC/DC. Sehr passend. Ihre Stimme erinnert mich an Whitney Houston und Theresa spricht das aus, was ich gerade denke: "Hoffentlich kommst du nicht direkt danach dran."

Ich versteife den Griff um den grünen Flaschenhals. Glück gehabt: Als Nächstes versuchen sich zwei Männer an "Bohemian Rhapsody". Etwas schräg, doch das Publikum ist trotzdem begeistert. Anscheinend kommt es mehr auf den Song an als auf die Performance.

Dann bin ich an der Reihe. Der DJ nickt mir zu, als ich auf die kleine Bühne trete. Meine Hände sind feucht.

Es kommt, wie es kommen muss: Ich verpasse den Einsatz. Mein Körper verspannt sich, meine Stimme ist zu hoch für den Text. "Die Sonne blendet, alles fliegt vorbei", stottere ich. Mir wird schlecht. "Und die Welt hinter mir wird langsam klein."

Am Ende klatscht dennoch jemand, vielleicht aus Mitleid.

Ich versuche, mich auf den Text zu konzentrieren. Verzweifelt schaue ich zu Theresa, sie springt ein. Doch der Song ist auch für sie zu tief und so rettet uns der DJ aus der Bredouille – er singt mit. Immerhin der Refrain sitzt. Der Druck in meinem Hals verschwindet langsam und meine Stimme wird fester. Am Ende klatscht dennoch jemand, vielleicht aus Mitleid.

"Jede Form der Unterstützung ist positiv", sagt Psychoanalytiker Möller. "Sie vermeidet, dass die Angst wächst."

Also stelle ich mich noch einmal meiner Angst: Dieses Mal gleich mit Theresa an meiner Seite. Wir singen "500 Miles". Dass wir zu zweit sind, gibt mir Sicherheit. Es klappt. Das Publikum singt mit, jubelt am Ende.

Und ich? Ich bin stolz auf mich.

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