"Ich schäme mich bis heute dafür"

Jeder, der schon einmal einen Filmriss erlebt hat, weiß, wie fies es ist, sich an nichts mehr erinnern zu können. Egal, ob einem nur 20 Minuten oder zwei Stunden fehlen – sobald einem Freunde erzählen müssen, wo man war und was man gesagt oder getan hat, kann es unangenehm werden. Noch krasser ist es, irgendwo aufzuwachen und keine Ahnung zu haben, was in der Zwischenzeit passiert ist. 

Natürlich kann es sein, dass man einfach zu viel getrunken hat. Und dass der Alkohol zu den Erinnerungsslücken geführt hat. Selbst schuld.

Aber was, wenn K.-o.-Tropfen diesen Zustand verursacht haben? Es gibt eine Vielzahl von Substanzen, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, darunter zum Beispiel Liquid Ecstasy. Die Flüssigkeit kann denjenigen, der sie zu sich nimmt, hilf- und wehrlos machen und zu einem Blackout führen.

Deshalb gibt es seit vielen Jahren die Warnung, in Clubs und auf Partys nicht aus fremden Gläsern zu trinken – und sein eigenes Glas im Blick zu behalten. Opfer von K.-o.-Tropfen sind häufig Frauen. Doch genauso können Männer zu den Betroffenen gehören.

K.o.-Tropfen: Woraus sie bestehen und wie sie wirken

  • Die sogenannten "Knock-Out-Tropfen" werden mit einer Vielzahl von Substanzen in Verbindung gebracht. Es kann sich beispielsweise um Benzodiazepine, Neuroleptica oder Liquid Ecstasy handeln. 
  • Am weitesten verbreitet ist Liquid Ecstasy, also Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB). Sie ist farb-, geruch- und geschmacklos. 
  • Es ist sehr schwer, GHB nachzuweisen. Die Substanz bleibt etwa acht Stunden im Blut und maximal zwölf Stunden im Urin. (aerzteblatt.de)

Laut dem Bundesverband für Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe gibt es keine Zahlen darüber, wie häufig K.-o.-Tropfen verabreicht werden. Auch Sven Hartwig, Oberarzt und Abteilungsleiter der forensischen Toxikologie an der Berliner Charité, geht von einer "hohen Dunkelziffer" aus. Denn häufig gingen Leute, denen die Tropfen verabreicht wurden, gar nicht oder viel zu spät zum Arzt. Und ein Nachweis ist je nach Substanz nur wenige Tage, manchmal auch nur einige Stunden später möglich.

Häufig beschriebene Symptome seien Übelkeit, Schwindel und Wahrnehmungsstörungen, sagt Hartwig. Die Opfer wirkten enthemmt und zu allem bereit. Und könnten sich später häufig an nichts mehr erinnern. 

Zwei Männer und eine Frau, mit denen wir gesprochen haben, sind sich sicher, dass ihnen K.-o.-Tropfen verabreicht wurden. Bei einem von ihnen wurde diese Vermutung mit einem Bluttest bestätigt. Hier erzählen die Betroffenen, was ihnen passiert ist und warum es sie bis heute beschäftigt, dass sie für kurze Zeit die Kontrolle über ihren Körper verloren hatten. 

Robert, 26 – aus Frankfurt

Ich war mit Freunden in einem Club in Frankfurt. Es war ein ganz normaler Party-Abend. Wir standen an einem Tisch am Rand der Tanzfläche und tranken ein paar Drinks. An alles, was dann passiert ist, habe ich keine Erinnerung. Es sind insgesamt fast 13 Stunden, die mir fehlen. 

Aus Erzählungen weiß ich, was ich in dieser Nacht alles getan haben soll – und obwohl das Ganze inzwischen drei Jahre her ist:

Ich schäme mich bis heute dafür.
Robert

Meine Freunde haben mir erzählt, dass ich auf einmal unfassbar betrunken auf sie gewirkt habe. Und dass ich den Frauen in meiner Umgebung sehr grob an den Po und an die Brüste gegrapscht habe. Als ich dann auch noch meine Hose auszog und unten ohne auf der Tanzfläche stand, sei ich aus dem Club geworfen worden. 

Ich bin dann wohl alleine weitergezogen. Habe einige Stunden in einer Bar verbracht, sagen Leute, die mich dort gesehen habe. Und eine Bekannte erzählte mir später, ich hätte um drei Uhr nachts bei ihr geklingelt. Sie meinte, ich sei ein bisschen aufgedreht gewesen, hätte aber ansonsten einen klaren Eindruck gemacht. Ich wollte Sex mit ihr und den hatten wir dann wohl auch. 

Ich soll extrem stürmisch gewesen und dann ohne Wort wieder gegangen sein.
Robert

Die Sache ist mir bis heute peinlich. Nicht nur, weil ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern kann. Sondern auch, weil ich nicht fassen konnte, dass ein Teil von mir zu solchen Dingen fähig ist. War das wirklich ich?

Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ich in einer Straßenbahn aufgewacht bin. Meine Klamotten waren zerrissen und ich hatte keine Ahnung, wo ich gerade hinfuhr und wie ich in die Bahn gekommen war. Ich war total schockiert, hatte ich doch nur ein paar Drinks getrunken.

Nach einer Dusche bin ich direkt in ein Krankenhaus gefahren und habe einen Drogentest gemacht. Ich wollte wissen, ob ich unfreiwillig etwas eingenommen hatte. 

Die Ärzte im Krankenhaus hielten einen Test nicht für nötig. Denn alles, was ich ihnen erzählte, klang für sie danach, dass ich K.-o.-Tropfen in meinen Drink geschüttet bekommen hatte. Ich machte den Test trotzdem, die 200 Euro, die ich dafür bezahlen musste, waren es mir wert. 

Das Ergebnis brachte mir die Gewissheit: Ich hatte eine Substanz in meinem Blut, die zu einer der vielen K.-o.-Tropfen-Varianten gehört. 

Wenn ich an die Nacht zurückdenke, ekele ich mich. Ich habe keine Ahnung, wer mir etwas ins Glas geschüttet haben könnte und warum. Vielleicht hatte es jemand auf eine Frau an unserem Tisch abgesehen und wollte sie mit dem Zeug gefügig machen? Oder war doch ich gemeint? Darauf habe ich bis heute keine Antworten. Ich hoffe einfach, dass ich nie wieder so krass die Kontrolle verlieren werde. 

Anna, 27 – aus Hamburg 

In dem Dorf, in dem ich groß geworden bin, wird jedes Jahr über mehrere Tage ein großes Fest gefeiert. 

Ich war damals 15 und wollte unbedingt hingehen. Obwohl ich am nächsten Tag Schule hatte, sagten meine Eltern ja. Mein Bruder, damals 18, war dabei und sollte mich im Auge behalten. Ich weiß noch, dass ich gegen elf mit meinem damaligen Freund telefonierte und ihm sagte, ich sei quasi auf dem Weg nach Hause.

Mein Bruder und ich standen dann bei einer Gruppe Jungs an einem Tisch. Sie hatten ganz viele Schnapsflaschen dabei und boten mir an, etwas zu trinken. Ich habe mir eine Bacardi-Cola gemischt.

Die beiden Gläser, die ich insgesamt trank, sind das Letzte, an das ich mich erinnern kann.
Anna

Und das, obwohl ich genau wusste, wie viel ich vertrage und mir zwei Drinks bisher nie so zugesetzt hatten. Zwei Freunde und mein Bruder merkten kurz danach, dass ich komisch war. Als hätte ich Drogen genommen. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen und hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Als ich mit dem Kinn auf eine Tischkante knallte und kaum wieder hochkam, verfrachteten mein Bruder und die anderen mich in ein Taxi.

Wie schütze ich mich mich gegen K.o.-Tropfen?

Die Kampagne "K.o.-Tropfen, nein danke!" hilft:

  • Nimm kein geöffnetes Getränk von Leuten an, die du nicht kennst.
  • Nimm nur Getränke an, deren Weg du vom Tresen an verfolgt hast. 
  • Lass dein Getränk nicht unbeobachtet stehen. Macht untereinander aus, dass ihr gegenseitig auf eure Gläser aufpasst.
  • Klingt nach Mutti, aber: Trink nicht zu viel. Im Vollrausch bist du auch ohne K.o.-Tropfen leichter angreifbar. 

Aufgewacht bin ich allerdings nicht zu Hause, sondern in einem Hotelzimmer. Ich lag allein in dem Bett und bekam direkt Panik. Ich schaute an mir runter und stellte fest, dass ich zumindest noch meine Unterwäsche und ein T-Shirt anhatte. Doch dann bemerkte ich, dass noch jemand im Zimmer war: Aus dem Bad kamen Duschgeräusche.

Mir kamen die Tränen, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Vorsichtig packte ich meine Sachen, zog mich schnell an, und floh aus dem Raum, um nach Hause zu gehen. 

Dort bekam ich den Anschiss meines Lebens. Meine Eltern waren verrückt vor Sorge. Mein Vater glaubte mir nicht, dass irgendwas in meinem Glas gewesen sein musste, und meine Mutter war einfach nur traurig und geschockt, dass ihrer Tochter so etwas passiert war. 

Drinks, Drinks, Drinks – passt auch jemand auf?(Bild: Unsplash / Drew Farwell)

Sie war auch diejenige, die dann mit mir zum Arzt fuhr. Dort wurde untersucht, ob ich vergewaltigt worden war. Zum Glück war das Ergebnis negativ. Einen Bluttest machte ich nicht. Der Arzt riet mir davon ab. Seiner Ansicht nach hätte das nichts gebracht, K.-o.-Tropfen seien schwer nachzuweisen. 

Ich versuchte noch, die Taxifahrerin ausfindig zu machen, die mich damals gefahren hatte – aber keine Chance. Das Unternehmen meinte, dass sie die Daten ihrer Fahrer nicht herausgeben würden. 

Hinzu kam ein Familiendrama: Zur selben Zeit, in der sich der Vorfall ereignete, nächtigte mein Cousin in dem besagten Hotel. Er kommt aus einer anderen Stadt und war auch auf dem Fest. Meine Eltern wollten sofort wissen, ob er mit der Sache zu tun gehabt hatte. Sie stellten ihn zur Rede, das alles war sehr unangenehm.

Doch tatsächlich: Er war es, in dessen Zimmer ich aufgewacht war. Er meinte, dass er mitbekommen hatte, wie ich abgestürzt war und dass er mir nur hatte helfen wollen, einen Ort zum Ausnüchtern zu finden. Warum er mich in der Nacht nicht einfach nach Hause gebracht hat, weiß keiner. 

Ich glaube nicht, dass mein Cousin sich an mir vergangen hat. Trotzdem war ich nach dieser Nacht eine Zeitlang echt fertig und trank lange keinen Alkohol mehr.

Ich ekelte mich vor mir selbst und bekam einen krassen Herpes. Außerdem fühlte ich mich total hilflos. Alle dachten, ich hätte einfach nur zu viel getrunken. Niemand glaubte mir. Weder meine Eltern, noch mein damaliger Freund, noch meine Freunde.

Aber ich bin mir bis heute sicher, dass irgendwas nicht stimmte in dieser Nacht. Das war nicht nur der Alkohol. Ich fühlte mich danach so seltsam und habe so etwas (auch nach wesentlich mehr Alkohol) nie mehr erlebt. Es macht fertig, nicht zu wissen, wie ich in das Hotelzimmer gekommen bin und was in den Stunden passierte, die mir fehlen.

Sven, 27 – aus Hamburg

Vor acht Jahren war ich für ein Jahr in Australien. Wir verdienten ziemlich gutes Geld, während wir in Sydney für einen Caterer auf verschiedenen Events kellnerten.

Dementsprechend ließen wir es uns gut gehen. Tagsüber arbeiten und abends in den Clubs und Bars das Geld auf den Kopf hauen – so sahen unsere Tage aus. Ich hatte gefühlt jeden Morgen einen Kater. 

Doch dieses eine Mal war es besonders fies. Ich weiß noch, wie ich in einer Bar stand und der Barkeeper, warum auch immer, zu mir meinte, ich solle aufhören, allen Leuten Drinks zu spendieren. 

Das wars.

Meine Erinnerung setzt wieder ein, als ich angezogen in meinem Bett im Hostel wieder aufgewacht bin.
Sven

Ich fragte meinen besten Freund, was passiert sei. Er meinte, dass er mich irgendwann liegend am Rand der Tanzfläche gefunden hätte. Ich sei zwar ansprechbar gewesen, doch völlig neben mir. Ich hätte nur noch gelallt und nicht von alleine aufstehen können. So voll hätte er mich noch nie gesehen. Er richtete mich auf, holte mir eine Cola, ging aber erstmal weiter feiern. Er behielt mich im Auge.

Doch ein paar Stunden später stand ich so neben mir, dass er mich rausbringen musste. Er holte mir ein Taxi, setzte mich rein, hievte mich im Hostel die Treppe hoch und legte mich in Klamotten auf meine Matratze. 

So wachte ich am nächsten Morgen also auf. Ich hatte den schlimmsten Kater meines Lebens. Ich zitterte und schwitzte die ganze Zeit.

Ich schleppte mich zur Arbeit, ein Kellnerjob auf einer Hochzeit am Rande Sydneys. Ich bin der Meinung, wer feiern kann, der kann auch arbeiten. Doch dieser Tag wurde zur Hölle.

Ich erlebte diese Hochzeit vom Klo aus. Ich zählte, wie oft es mir hochkam. 17 mal übergab ich mich. Am Ende kam nur noch Galle und ich hätte mich am liebsten selbst runtergespült. 

Es fühlte sich an, als würde ich sterben.

Ich konnte einfach nicht mehr, haute ab, schleppte mich ins Bett. 

Ich bin sicher, dass mir jemand etwas ins Glas getan hat. Warum? Keine Ahnung. Wer wollte etwas von mir? Und passiert so etwas nicht nur Frauen? Schlimm genug, aber offenbar trifft es Männer genauso. 

Mein Freund meinte, ich sei völlig wehrlos gewesen und hätte nur vor mich hingestarrt. Wie eine Puppe.
Sven

Ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte mir jemand was angetan. Ich hatte Glück. Deswegen kam ich über diesen Abend auch hinweg. Aber so eine heftige Erinnerungslücke und vor allem die Machtlosigkeit machen einem schon Angst.

Ich bin froh, dass mein bester Freund mit dabei war. Wir passen auf Partys aufeinander auf. Klar, man sollte immer auf sein Glas achten. Aber wer macht das schon, wenn er was getrunken hat? Ich fühle mich viel sicherer, wenn ich weiß, dass ich mit Leuten unterwegs bin, denen ich blind vertrauen kann. Niemand geht alleine nach Hause – das war beim Feiern schon immer unsere wichtigste Regel.

Hast du Ähnliches erlebt? Hier findest du Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Tel.: 08000 116016) bietet rund um die Uhr direkte kostenfreie Hilfe in 15 verschiedenen Sprachen an. Möglich sind auch Online-Beratungen.

Die Telefonseelsorge von evangelischer und katholischer Kirche ist unter Tel.: 0800 1110111 kostenfrei zu erreichen.

Speziell für muslimische Frauen bietet das Muslimische SeelsorgeTelefon kostenfreie Hilfe unter Tel.: 030 443509821.

Die Hilfsorganisation Caritas bietet Online-Beratungen und direkte Hilfe vor Ort: In vielen Städten betreibt die Caritas Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst, wenn du persönliche Hilfe benötigst.

Opfer von Kriminalität und Gewalt können sich an den Weißen Ring wenden, der telefonisch und persönlich weiterhilft. Das bundesweite Opfer-Telefon ist aus jedem Ort Deutschlands ohne Vorwahl unter Tel.: 116006 zu erreichen.


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Wenn es nach Markus Söder geht, funktioniert die Welt in Bayern jetzt ein wenig anders. In hunderten Polizeirevieren, Ämtern, Gerichten und Dienstgebäuden soll ab heute ein Kreuz an der Wand hängen. So will es ein Erlass, den der bayerische Ministerpräsident und seine CSU-Landesregierung kürzlich beschlossen. (bento)