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Manche Millennials sind absolute Beginner in Sachen Liebe. Was macht das mit ihnen?

Es ist der letzte Tag seines alten Lebens. Benjamin ist gerade für einen Job nach Bielefeld gezogen, 27 ist er zu diesem Zeitpunkt. Er fängt bald als Buchhalter bei einer großen Firma an, "Zahlenschieber" nennt er es. Und, wer weiß, vielleicht wird ihm hier in Bielefeld auch endlich seine große Liebe begegnen. Vielleicht wird er seine erste Freundin finden, zum ersten Mal mit einer Frau schlafen. Denn Benjamin hatte noch nie eine Beziehung, noch nie Sex

Dann stirbt Benjamin.

Zumindest nennt er es heute so, sieben Jahre später. Auf dem Weg zur Arbeit fährt er damals mit dem Fahrrad bei Rot über eine Ampel. Aus dem Augenwinkel ist da noch die Straßenbahn, dann wird alles schwarz. Fünf Wochen später erwacht er aus dem Koma, "in mein zweites Leben", formuliert Benjamin es heute. "Von da an wurde alles anders, ich habe erstmals verstanden, das Leben und meine Gesundheit wirklich wertzuschätzen."

Eine Sache ändert sich allerdings auch in seinem neuen Leben nicht. Benjamin, der sich gerne Ben nennt, weiß immer noch nicht, wie er mit Frauen reden soll. 

Auch mit mittlerweile 34 Jahren hatte er noch noch nie Sex und keine Freundin. Warum nicht? Es ist nicht so, dass ihn das alles nicht interessieren würde. "Ich weiß einfach nicht, wie ich mit Frauen ins Gespräch kommen soll", sagt er. 

Es gibt zwar kaum verlässliche Zahlen über Langzeit-Beziehungslosigkeit, aber eine Reihe von Umfragen und Studien, die das Phänomen umkreisen. Das Datingportal ElitePartner befragt jährlich Deutsche zu ihrem Liebesleben. Demnach gaben 2019 sechs Prozent der mehr als 9000 Befragten an, noch nie eine Beziehung gehabt zu haben (ElitePartner). 

Auch wenn Beziehungslosigkeit nicht damit einhergehen muss, keine sexuellen Erfahrungen gemacht zu haben, deckt sich das Ergebnis des Datingportals in etwa mit einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus 2015. Diese stellte fest, dass drei Prozent aller 25-Jährigen Frauen noch nie Sex hatten, bei den Männern waren es sechs Prozent (BZgA). Die Ursachen waren unterschiedlich: fehlendes Interesse, zu schüchtern, religiöse Gründe.

Mit Religion hat es bei Ben nichts zu tun, auch am grundsätzlichen Interesse mangelt es ihm nicht. Er ist unfreiwillig Jungfrau, ein Absoluter Beginner. So nennen sich einige ohne Liebeserfahrung, die zwar gerne würden, bei denen es aber nicht so richtig klappen will, und sich im "AB-Treff" austauschen, einem deutschen Forum für Dauersingles. Benjamin ist dort seit einigen Monaten Mitglied, bento hat eine Anfrage im Forum gestellt, er hat sich gemeldet. "Lange dachte ich, ich bin mit meinen Sorgen allein", sagt Ben. Dann habe er vom Forum gehört und realisiert: Er ist so ein Absoluter Beginner, und er ist nicht allein. 

Aber was macht es mit ihm, mit Mitte 30 keine sexuellen Erfahrungen zu haben, keine Beziehung zu führen?

Ben lebt allein. Er geht ins Fitnessstudio, fährt 100 Kilometer Rad am Tag, macht Lacrosse. Man sieht ihm das an: Ben ist groß, muskulös, hat ein markantes Kinn. Unter den kurz geschorenen Haaren sind Narben vom Unfall sichtbar. Im Umgang mit Frauen nütze ihm sein athletisches Aussehen nichts, sagt Ben. Denn er weiß nie, was er sagen soll:

„Wenn ich mit einer Frau allein in einem Zimmer bin, ist bei mir alles blockiert.“
Ben

Die Frauen, mit denen er rede, seien meist die älteren Kolleginnen im Büro oder Freundinnen seiner Kumpel. Smalltalk falle ihm schwer. Gesprächseinstiege über das Wetter, ein ungezwungener Austausch über Mode – seit seinem Unfall sei ihm das zu banal.

Vor seinem Unfall habe er täglich gekifft, beim Feiern gelegentlich eine "E geschmissen", sich für unbesiegbar gehalten. Frauen waren damals noch egal, wollten auch mit seinem Partyleben sowieso nichts zu tun haben. "Du merkst halt als junger Kerl nicht, dass dein Körper Grenzen hat", sagt Ben heute. Dann habe ihn die Nahtoderfahrung verändert. Er lebt jetzt vegan, trinkt nicht, raucht nicht. Die Konsumgesellschaft kotze ihn an, Oberflächlichkeit, Maßlosigkeit lehne er ab. Ben ist nicht auf Facebook, nicht bei Tinder und nicht bei Instagram. Wer ihn googelt, findet: nichts. Da ist er stolz drauf. Wenn er nicht gerade Sport treibt, verbringt er seine Abende mit Lesen, am liebsten Dystopien und Science-Fiction-Romane. Wer sich nicht für die Dinge interessiert, die ihn interessieren, ist für ihn uninteressant.

Damit macht er es sich selbst schwer, eine Frau kennenzulernen, das weiß er. Aber Ben will in seinem zweiten Leben keine Kompromisse mehr eingehen.

Häufig tauchen die Langzeit-Beziehungslosen, die Absoluten Beginner ohne sexuelle Erfahrungen, kaum auf. In der Werbung oder Hollywood-Romanzen geht es meist um das große Glück von Beziehungen, sie zu suchen, sie zu finden, sie zu verlieren. Singles bleiben in Filmen selten lange allein – oder werden als verschrobene Außenseiter überzeichnet.

Für Singles, die das schon immer waren, ist in der Öffentlichkeit, aber auch in der Gesellschaft, nicht so richtig Platz. Dabei hat Ben auch im "AB-Treff" gemerkt:

„Offenbar gibt es viele Menschen mit den gleichen Einschränkungen im Kontakt zu dem Geschlecht, das sie attraktiv finden.“
Ben

Zum Beispiel Johanna. Auch sie ist Mitglied im AB-Forum, auch sie hat sich auf die bento-Anfrage gemeldet. Die 32-Jährige macht gerade ihren Master "in einem extrem frauenlastigen Studium", sagt sie am Telefon. Da sei es entsprechend schwer, jemanden zu daten. Das ist es aber auch außerhalb des Hörsaals für sie: Männer zu treffen, ihnen überhaupt zu signalisieren, dass sie sie symphatisch finde, falle ihr unglaublich schwer. 

Wie Ben hielt Johanna sich lange für die Einzige, die ihr Leben ganz ohne Liebeserfahrungen führt. Wie Benjamin hatte sie noch nie Sex und noch nie eine Beziehung – "ich habe in meinem Leben noch nicht mal jemanden geküsst", sagt sie. Wie Benjamin möchte sie lieber anonym bleiben. 

Über den Film "Love Alien" hat sie verstanden, wie sie tickt, was an ihr anders ist. In dem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2012 beleuchtet ein 31-jähriger Regisseur sein beziehungsfreies Leben, fragt sich selbst, ob mit ihm etwas nicht stimme (SPIEGEL). Johanna hatte den Regisseur zufällig kennengelernt – und sich sofort im Thema wiedererkannt.

Lange Zeit habe sie nicht gestört, allein zu sein. Johanna verreist lieber allein, sitzt auch gerne mit einem guten Buch im Café oder geht ins Fitnesstudio. 

Aber als Johanna auf die 30 zugeht, merkte sie, "dass schon was fehlt". 

Im Freundeskreis heiraten viele, bekommen Kinder, bauen Häuser. Johanna bleibt allein. "Es fühlt sich wie ein Makel an", sagt sie. "Beziehungen sind so zentral im Leben und wenn du dann diejenige bist, die keine hat, fragen sich andere: 'Oh Gott, was stimmt mit der nicht?'" 

Zumindest glaubt Johanna, das andere das über sie denken. Das ist dann genau das Problem.

„Wenn ich Männer kennenlerne, sagt meine innere Stimme sofort: "Stop, mach dich nicht lächerlich."“
Johanna

Sie denkt, es könne sich sowieso niemand in sie verlieben – also verbirgt sie selbst ihre Gefühle anderen gegenüber, um nicht enttäuscht zu werden. "Das ist nichts, was ich bewusst mache, diese Abschottung passiert einfach."

Um dem entgegenzuwirken, hat Johanna für sich eine Regel aufgestellt. Sie lebt in einer Unistadt in Süddeutschland, es gibt viele Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen, Bars, Sportabende, Studitreffs. Also sagt sich Johanna: 

  • "Geh mindestens jeden Freitag weg!" 

Auch Benjamin, der Absolute Beginner aus Bielefeld, hat eine Regel. Sie ist etwas grundsätzlicher, zielt auf seine Probleme beim Smalltalk ab:

  • "Stelle immer offene Fragen!"

Wenn man beiden zuhört, merkt man, dass sie diese Regeln eigentlich nicht brauchen. Es fällt ihnen nicht schwer, von sich und ihrem Leben zu erzählen, fasziniert von ihren Hobbys zu erzählen. 

Erst, wenn sie über Beziehungen reden sollen, stocken beide, suchen die richtige Worte, als fühle es sich beim Aussprechen falsch an, Single zu sein. 

Johanna sagt, dass sie eigentlich zufrieden sei, aber immer öfter "Phasen" kämen, in denen sie sich einsam fühle. Es sei nicht der Sex oder die Beziehung an sich, die sie vermisse. Ihr fehle einfach jemand zum Reden, jemand, der nachts neben ihr im Bett liege oder an den sie sich auf der Couch kuscheln könne. "Es sind die kleinen Momente einer Beziehung, die ich vermisse", sagt Johanna. Ohne jemals gespürt zu haben, wie genau sich diese Momente anfühlen.

Ben ist da pragmatischer, sowohl was Liebe als auch Sex angeht: "Da ich es nicht kenne, vermisse ich es auch nicht." Aber klar, auch er habe sich schon gefragt, wie es sich wohl anfühlt. Er könnte zu einer Prostituierten gehen, um einfach mal die Erfahrung zu machen, wie sich Sex so anfühlt. Aber zum einen lehnt er das Prinzip Geld gegen Liebe ab, "zum anderen habe ich Angst, dass ich mich im Anschluss in meiner Situation noch schlechter fühle."

Anders als Johanna glaubt Ben nicht mehr an das Finden der Liebe: "Ich habe damit abgeschlossen und hoffe auch nicht mehr." Sein Leben bekomme er auch ohne Partnerschaft auf die Reihe. Es gehe darum, mit sich selbst im Reinen zu sein, auch eine Lehre aus seinem Unfall. 

Er tippt jetzt auf einen kleinen Button, den er an seiner Umhängetasche trägt. Den Button ziert ein Motto aus dem Fantasywerk "Per Anhalter durch die Galaxis". Im Roman wird die Erde zerstört, der einzige Überlebende schlägt sich an der Seite von Außerirdischen und Robotern durch das Weltall. 

Das Motto dieses nun einsamsten aller Männer und auch von Ben: Don't Panic.



Gerechtigkeit

"Bitte keine Araber": Wie Rassismus jungen Jobsuchenden den Berufseinstieg erschwert
Und was die Regierung bisher (nicht) dagegen unternimmt.

Nach vier Dutzend Absagen hat sich Samir gefragt, ob es nicht doch Rassismus ist. Der gebürtige Ägypter hat in Freiburg im Breisgau "Environmental Governance" studiert, ein spezieller Studiengang, der Nachhaltigkeit und Wirtschaft verbindet – einer, der aktuell gefragt ist. Doch während seine Kommilitonen mit deutsch klingenden Namen Jobangebot nach Jobangebot erhalten, bekommt Samir Absage für Absage.

"Oft vergehen keine zehn Minuten bis zur Antwortmail", sagt Samir. Leider, leider sei die Stelle schon vergeben, heiße es dann oft. "Wenn ich nach ein, zwei Wochen wieder auf die Firmenhomepage schaue, ist die Ausschreibung aber immer noch online." 

Mehr als 50 Bewerbungen habe er seit Oktober vergangenen Jahres geschrieben, sagt der 31-Jährige. Sein Zeugnis sei nicht besser oder schlechter als das deutscher Studierender. Bei mehr als der Hälfte seiner Versuche seien die Absagen direkt gekommen, bei den anderen habe es gar keine Rückmeldung gegeben. "Zum Gespräch eingeladen wurde ich nur in zwei Fällen, und das auch nur durch eine persönliche Empfehlung." Um sich Chancen bei weiteren Bewerbungen nicht zu verbauen, will er hier seinen echten Namen nicht lesen.

Was Samir erlebt, geht in Deutschland vielen Jobsuchenden mit nicht Deutsch klingenden Namen ähnlich: Sie sammeln Absagen und fragen sich, ob es an ihnen und ihrem Lebenslauf liegt, oder doch an der Einstellung der Personaler.

Für viele fühlt es sich so an, als gäbe es einen Grund für die Absagen, der nichts mit Qualifikation zu tun hat – sondern mit Rassismus.

Ein aktueller Fall hat dieses Gefühl nun bestärkt. Ein großes Architekturbüro hatte auf eine Bewerbung den internen Vermerk "Bitte keine Araber" verschickt – allerdings aus Versehen auch an den Bewerber. Dieser machte die rassistische Absage auf Facebook öffentlich und schrieb dazu: