Bild: Annika Krause

Ich brauche inzwischen beide Hände und eineinhalb Füße, um abzuzählen, wie viele meiner Bekannten bereits Kinder haben. Manche davon gewollt, die Anderen das Ergebnis eines geplatzten Kondoms. Vor einer Weile habe ich erfahren, dass eine weitere Freundin im Frühjahr heiraten wird. Eine andere schrieb per WhatsApp:

Pille ist abgesetzt, Kopfstand ist geübt, kann losgehen!"

Warum wollen Frauen (und Männer) in dieser modernen, emanzipierten Zeit schon in jungen Jahren Kinder haben? Wo sind all die Spätgebärenden, die es laut Statistik in Deutschland geben muss? In meinem Freundeskreis jedenfalls nicht.

Mit Anfang 20 kann man reisen, wohin man will. Man kann nächtelang feiern und vergessen, den Kühlschrank aufzufüllen. Dreckige Wäsche liegen lassen. Fehler machen, sich ausprobieren. Unvernünftig viel Geld für Klamotten ausgeben und unzählige Wochenenden mit Netflix und Nichtstun verbringen. Man kann Geld verdienen, studieren, die Welt kennenlernen.

Ich behaupte nicht, dass man mit Kindern keinen Spaß haben kann! Trotzdem trägt man für ein Kind eine Verantwortung, die sich auf das komplette Leben auswirkt. Bin ich deswegen verkorkst, komisch? Drücke ich mich vor Verpflichtung? Ich denke nicht.

Erwachsenwerden ist vieles. Schwierig, anstrengend, manchmal beängstigend. Aber vor allem eins: notwendig! Mit 24 Jahren, also in meinem Alter, hängt man so zwischendrin.

Ich finde, uns Mittzwanzigern wird oft viel zu wenig Mitgefühl entgegengebracht. Klar, bin ich kein Teenager in der Findungsphase mehr, trotzdem bin ich weit davon entfernt, mein Leben richtig im Griff zu haben.

Lehrer erwarten gute Noten, Chefs zehn Jahre Berufserfahrung, der Staat Krankenkassenbeiträge und die Steuererklärung.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag meiner ersten Steuererklärung: Ohne die Hilfe meines Vaters hätte ich hier vermutlich noch draufgezahlt, statt Geld rauszubekommen. Ähnlich ging es mir, als ich den Mietvertrag für meine erste Wohnung unterschrieben habe. Kaution, Bürgschaft, Schufa-Auskunft; alles Dinge, die mich im ersten Moment irgendwie überfordert haben.

Am schlimmsten erging es mir aber, als ich in besagter Wohnung meinen ersten grippalen Infekt hatte. Plötzlich stand ich vor ganz ungeahnten Herausforderungen, so ganz ohne meine Mama: Wie schaffe ich es zur Apotheke, wenn ich kaum stehen kann? Das sind die Dinge im Leben, die einen wirklich weiterbringen.

In der Fotostrecke: Die Studentin und Mutter Yuliya Skorobogatova zeigt in einem Fotoprojekt, wie Muttersein wirklich ist. (Hier geht's zum Artikel)
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Umzingelt von all diesen heiratswütigen, Eigentumswohnungkaufenden und über Schwangerschaftstestpinkelnden jungen Leuten, fühle ich mich manchmal wirklich sehr einsam.

Ich weiß nicht, wie oft ich schon das Argument "Ich will aber keine alte Mutter sein!" von diversen Freundinnen gehört habe. Hallo? Anfang 30 ist ja wohl nicht alt! Bei einer Freundin führte diese Angst sogar dazu, dass sie sich irgendeinen Partner suchen wollte, nur um schnellstmöglich ein Kind zeugen zu können.

(Bild: Annika Krause)

Meiner Meinung nach kann man einem Kind mehr bieten, wenn man sich selbst ausprobiert, viel erlebt und viel gesehen hat. Dadurch ermöglicht man seinem Kind eine ganz andere Perspektive.

Dabei spreche ich nicht davon bis 50 zu warten – das wäre schon biologisch schwierig. Mein Appell an die jungen Frauen lautet aber: Die Menschen werden heute sowieso uralt – warum also nicht noch ein bisschen mit dem Gebären warten?

Lernt euch doch alle erst mal selber kennen. Wenn dieser Selbstfindungs-Langlauf auf eine Familie hinausläuft: cool! Ist ja auch sinnvoll, so eine Familie. Trotzdem kann es nicht schaden, zu wissen, wer man ist, bevor man sich weitere Verantwortung aufhalst.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wenn man ein Kind hat, im Idealfall den Partner dazu, dann ist man nicht mehr allein und läuft gar nicht erst Gefahr, sich selbst kennenlernen zu müssen. Warum soll man unvernünftig sein, den eigenen Horizont zu erweitern, wenn man sich auch bequem hinter einem Berg voller Windeln vor der Selbstfindung verstecken kann?

Ich sage nicht, dass ich nie Kinder will. Aber wenn es soweit ist, will ich sagen können, dass ich weiß, wer ich bin.

Denn meiner Meinung nach ist das Spannende am Erwachsenwerden, genau das Erwachsenwerden.

Und du – wie siehst du das?

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