Es wird jetzt wieder nass und kalt draußen – sehr, sehr kalt. Wir empfehlen Bücher, die du gelesen haben musst, wenn du lange Sofa-Abende, Lichterketten und Kuscheldecken liebst.

Für Realisten
Nike: "Nullzeit" von Juli Zeh

Um zu verstehen, wie es sich anfühlt, wenn Grenzen vor den eigenen Augen verwischen, kann man zwei Dinge tun: Entweder, man schaut an einem regnerischen Herbstabend durchs Fenster und beobachtet, wie Rinnsale das Leben draußen verschwimmen lassen.

Oder man liest "Nullzeit" von Juli Zeh – eine Geschichte, die den Leser allein lässt mit der Frage, was Realität ist und was Fiktion.

In dem Roman erzählt Juli Zeh, und es gelingt ihr brillant, von einem sonderbaren Aufeinandertreffen fernab von Gefühlen, die man mit Heimat verbindet.

In der Fremde, in einem Dorf an der spanischen Küste, treffen Jola und Theo auf Sven und Antje. Eine Beziehung trifft eine Beziehung. Was alle vier eint ist ihre Frustration, und, dass sie nicht einverstanden sind mit der Liebe.

Jola, Schauspielerin, und Theo, Schriftsteller, besuchen in Spanien einen mehrwöchigen Tauchkurs. Sven und Antje gehört die Ferienanlage, Sven ist Tauchlehrer, Antje macht die Buchhaltung und bekocht die Gäste.

Aus Kunden und Dienstleistern entsteht im Laufe der Wochen ein unangenehmes Quartett: Jola verliebt sich, dreht durch. Dann verliebt sich auch Sven. Theo wird gewalttätig. Antje kocht.

Zwischen den einzelnen Kapiteln, in denen Sven seine Erlebnisse schildert, stehen Jolas Tagebucheinträge – ihre Sicht der Dinge. Von Anfang an nehmen beide die Geschehnisse unterschiedlich wahr. Das ist das Gefährliche an diesen Ferien.

Schlussendlich weiß der Leser nicht mehr, wem er vertrauen soll. Stimmt es, dass Theo zuschlägt? Ist es wahr, dass Jola feige ist? Was ist echt?

Juli Zeh bindet in "Nullzeit" Seemannsknoten, die Unbefugte nicht entwirren können. Und sie schärft ein, was auch ihr späterer Roman “Unterleuten” auf beunruhigende Weise bewusst macht: Besser, wir haben Zeugen.

Für Träumer
Gesa: "Strahlend schöner Morgen" von James Frey

"In Hamburg regnet es von unten", ist so ein Satz, den ich spätestens ab Mitte Oktober jeden zweiten Tag sage. Und dann träume ich manchmal von dieser Stadt, die viele so schrecklich und wenige wunderschön finden. Los Angeles. Eine Stadt voller Extreme, eine Stadt wie eine alternde Rockband, die beim Konzert kurz vor der Zugabe steht. Glamourös, ekstatisch, zugedröhnt, euphorisierend, aber eben auch: irgendwie am Ende, nicht mehr viel zu geben.

So schön ist der Herbst – die Fotostrecke:
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Dieses Gefühl fasst James Frey in seinem Stadtroman zusammen. Er schreibt über Menschen wie Dylan und Maddie, junge Ausreißer aus Ohio, die in L.A. ihr Glück suchen, eine Zukunft. Er schreibt über den Hollywoodstar, der seine Homosexualität geheim hält, nach Sex, Ruhm und Anerkennung lechzt und die Maßlosigkeit seiner Branche erahnen lässt.

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Über eine junge Latina, die bei ihrem Job als Haushälterin von ihrer Chefin gedemütigt wird. Über den Obdachlosen, der sein Leben in einer Toilette fristet und trotzdem einer jungen Frau helfen will.

Frey schreibt über all die vielen Menschen, die nach Los Angeles kommen, voller Hoffnung und jene, die erleben, wie gnadenlos diese Stadt sein kann. Ohne Kitsch, dafür nüchtern und mit unverzeihendem Auge auf die Menschen, die diese Stadt bewohnen.

Ein komisches Gefühl hinterlässt dieses Buch, herrlich melancholisch, wehmütig, ein Gefühl, das wohl unausweichlich in diesem Mix aus kalifornischer Sonne und Existenzkampf entstehen muss.

Für Geheimnisvolle
Basti: "American Gods" von Neil Gaiman

So lange wir die Götter anbeten, sind sie für uns da – doch was passiert, wenn wir irgendwann nicht mehr an sie glauben? Wo gehen sie dann hin?

Eine spannende, düstere Geschichte über Verlust, Macht und Religion, vollgepackt mit mythologischen Figuren und ihren kulturellen Eigenheiten. Neil Gaiman versteht es, zwielichtige Charaktere zu einer übernatürlichen Geschichte zu verweben. Wenn ich an das Buch zurückdenke, dann rieche ich nasse Erde, Wald und Eisen. Genau das, was ich mir von einem Herbstbuch bei ungemütlichem Wetter wünsche. Wer keine Probleme mit ein wenig literarischer Gewalt hat, wird sich hier sicherlich festlesen.

Für Melancholische
Katharina: "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" von Taiye Selasi

Ein junger Ghanaer wandert in die USA aus, wird erfolgreicher Arzt, gründet eine Familie: vier Kinder, sein ganzer Stolz. Hochtalentiert und ehrgeizig. Alle arbeiten sie am gemeinsamen Projekt: dem American Dream, der erfolgreichen Familie, die es geschafft hat. Der Traum zerbricht: unverschuldet verliert Kwaku seinen Job und verlässt Amerika – aus Scham. Die Familie zerrüttet.

Es ist ein Buch über das Gefühl einer Generation. Selasi nennt sie "Afropolitans" – eine junge afrikanische Elite, ausgebildet an den besten Unis der Welt, überall zerstreut, überall zu Hause. Und doch todunglücklich. Getrieben von dem Gefühl, niemals gut genug zu sein. Überfordert mit einer Herkunft, die keine Heimat ist, und niemals war.

Die poetische Sprache der Autorin lässt den Leser ganz nah ran an ihre Protagonisten – mit jedem Einzelnen fühlt er mit. Der älteste Sohn Olu, der seinem Vater nacheifert und an seinem Perfektionismus zerbricht. Die hilflose Mutter Fela, die ihre Zwillinge aus Verzweiflung zu ihrem kriminellen Onkel schickt. Die essgestörte jüngste Tochter Sadie, die heimlich in ihre beste Freundin verliebt ist.

Locker und leicht ist dieser Roman nicht. Doch die melancholiegeladene Geschichte zieht einen sofort in einen Bann.

Für Gerechtigkeitskämpfer
Sinah: "Die Engel sterben an unseren Wunden" von Yasmina Khadra

Schon nach den ersten Sätzen weiß man, diese Geschichte wird nicht gut ausgehen. Es ist das Jahr 1937 und der junge Algerier Turambo sitzt in der Todeszelle. Während er die letzte Zigarette raucht, blickt er auf sein Leben zurück und fragt sich, wie es soweit kommen konnte.

Aufgewachsen in der erbarmungslosen algerischen Gosse unter der französischen Kolonialherrschaft, war sein Leben hart. Als sich Turmabo aber einen Namen als Boxer erkämpft, scheint sich das Schicksal für ihn zu wenden. Er wagt von einem Leben in Wohlstand und Würde zu träumen, verliebt sich sogar in eine Französin. Nur kurz berührt er das Glück, bevor alles in einer Katastrophe endet.

Man will das Buch komplett umschreiben. Natürlich nicht der Sprache wegen – der Autor ist ein Meister der großen Sätze. Sondern weil die Ungerechtigkeit so unerträglich ist. Der Roman zeigt dem europäischen Leser eine Wahrheit, die er nicht gerne hört: Glück ist ein Privileg der Herkunft. "Die Engel sterben an unseren Wunden" könnte kaum aktueller sein.

Für Grusel-Liebhaber
Annika: "Blackout" von Marc Elsberg

Wir kommen nach der Arbeit im Dunkeln nach Hause, machen das Licht an, drehen schnell die Heizung auf, holen uns etwas zu Essen aus dem Kühlschrank und setzen uns vor den Fernseher. Oder auch nicht.

"Blackout" ist ein beeindruckender Roman von Marc Elsberg, der über die katastrophalen Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalls in Europa erzählt. Detailliert und realistisch wird über die Möglichkeit der Manipulation von intelligenten Stromzählern berichtet – und wie sehr wir wirklich auf Strom angewiesen sind.

Es gibt das Offensichtliche: Kein Strom bedeutet kein Licht, keine Heizung, keine Kühlung, keine Elektrogeräte. Doch im Endeffekt funktioniert nichts mehr ohne unseren Helfer aus der Steckdose. Es gibt kein Benzin, da die Tankstellen mit Strom arbeiten. Supermärkte bleiben geschlossen. Kühe sterben qualvoll, da die Milch nicht mehr maschinell abgepumpt werden kann. Und auch in Krankenhäusern ist das Notstromaggregat begrenzt.

Eine packende Story, die uns an kalten, dunklen Herbstabenden das Summen unserer Heizung zu schätzen wissen lässt.


Fühlen

Dieses Pinguin-Beziehungsdrama eskaliert härter als "Game of Thrones"
All birds must die.

Am Freitag postete der Doku-Sender National Geographic auf seinem Twitter Profil eine herzzerreißende Szene. In den Hauptrollen: Ein ahnungsloser Ehemann, seine Frau und ihr Liebhaber. Alle Zutaten also für eine blutige Telenovela.

Alles begann mit diesem 3-minütigen Clip: (Nichts für schwache Nerven!)